Interview mit Andréa Belliger, Expertin für digitale Transformation (Referentin am FMB 2023) 
Den Werkzeugkoffer öffnen und erweitern

Den Werkzeugkoffer öffnen und erweitern

Anicia Kohler, 25.08.2022

Prof. Dr. Andréa Belliger ist Prorektorin der PH Luzern und Co-Direktorin des Instituts für Kommunikation und Führung IKF in Luzern. Als Expertin und Beraterin in Sachen digitale Transformation ist sie international tätig. Sie wird am FMB 2023 ein Referat halten und gibt im Gespräch bereits einen Einblick in die Themen, die ihr wichtig sind.

Frau Belliger, was fasziniert Sie an digitaler Transformation? Wenn man Ihre Essays und Interviews liest, versteht man rasch, dass es Ihnen nicht um Tools und Technologien geht, sondern um etwas ganz anderes?
Ja genau. Ich unterscheide gerne zwischen Digitalisierung und Digitaler Transformation. Während Digitalisierung eigentlich nichts anderes meint als die Übersetzung irgendwelcher analoger Werte in Bits und Bytes und sehr technologiegetrieben ist, meint digitale Transformation einen gesellschaftlichen Veränderungsprozess, der weit über die Technologie hinausgeht und tief in die Werte und Normen unserer Gesellschaft hineinwirkt. Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass digitale Transformation mit einer Reihe von „neuen“ Werten und Haltungen einher geht. Das finde ich wahnsinnig spannend.

Welche Werte sind das?
Offene Kommunikation, Transparenz, Partizipation, Empathie und Diversität werden heute zum Beispiel stark eingefordert – von Kund*innen, Mitarbeitenden, Bürger*innen und auch unseren Schüler*innen . Diese Werte sind zu einer Art Massstab geworden für all unsere Produkte, Dienstleistungen und auch die Art, wie wir kommunizieren.

Was denken Sie – was bedeutet dies für die Musikunterricht?
Der Umgang mit Musik und Musikunterricht verändert sich. Wir haben heute spannende Möglichkeiten wie Stimmegeräte und Metronome auf dem Handy, digitale Noten auf dem iPad, hybride Konzerte mit online und vor Ort Musiker*innen, gestreamte Konzerte, eLearnings für Gehörbildung, um nur einige zu nennen. Das sind nicht nur Spielereien, sondern das verändert Musikunterricht, wie wir ihn kennen, ziemlich. Die Rollen von Lehrenden und Lerneden ändern sich, neue Kompetenzen sind gefordert.

Was würden Sie einer Musiklehrperson sagen, der diese Veränderungen Sorgen bereiten?
Als Musiklehrperson haben Sie einen grossen professionellen, didaktischen Werkzeugskoffer, den Sie sich erarbeitet haben – und nun können Sie sich fragen, welche zusätzlichen, sinnvollen Tools aus der digitalen Welt Sie dort reinpacken können. Es geht darum, dass man die neuen Möglichkeiten clever einsetzt – immer im Hinblick darauf, was man erreichen möchte. Das Digitale ist ein Teil unserer Lebenswelt, und geht nicht mehr weg. Die Kunst besteht nun darin, die beiden Welten von analog und digital zielbringend zusammenzubringen.
Ängste der Technologie gegenüber sind unbegründet, denn der zwischenmenschliche Kontakt ist beim Erlernen eines Musikinstruments kaum zu ersetzen. Als meine Kinder ein Musikinstrument erlernen und dies unbedingt als Onlineunterricht buchen wollten, habe ich sie zu einer Musiklehrperson vor Ort geschickt. Da ich Zwillinge habe, hätte ich eigentlich den Erfolg beider Wege – online und vor Ort Unterricht – in einer eigenen Zwillingsstudie evaluieren können (lacht).

Worin bestehen die Risiken, wenn man sich als Lehrperson der digitalen Welt entzieht?
Man ist nicht mehr relevant für die Lebenswelt der Schüler*innen, des Publikums. Man muss in der digitalen Welt sichtbar sein, sich vernetzen können, den Zugang zu seinen Angeboten einfacher und offener machen. Dies bietet so viele Chancen. Das bedeutet aber nicht, dass man die jeweiligen Tools und Technologien nicht auch kritisch betrachten soll.


«Der rasch voranschreitende technologische Wandel führt zu tiefgreifenden Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt. Eine zukunftsgerichtete Weiterbildung sollte humane Kompetenzen fördern wie die Fähigkeit zu moralischer Urteilsfähigkeit, die Fähigkeit, kritisch zu mitzudenken, die Fähigkeit, Strukturen, Prozesse und Haltungen immer wieder neu zu denken, die Fähigkeit zu sozialer Intelligenz und Empathie, die Fähigkeit zur Differenzierung und zur Bewältigung von Überfülle, die Fähigkeit, in heterogenen Teams zu arbeiten und die Fähigkeit, trotz räumlicher Trennung effizient zusammenzuarbeiten.» Andréa Belliger