Interview mit FMB-Referent Joël-Luc Cachelin 
Einblick in die Wissensfabrik

Einblick in die Wissensfabrik

Anicia Kohler, 18.10.2022

Joël-Luc Cachelin bezeichnet sich als Zeitreisender – als Ökonom und Historiker beschäftigt er sich mit seinem Thinktank „Wissenfabrik“ mit Themen, die die Gesellschaft bewegen, jetzt und in Zukunft. Er wird am Forum für musikalische Bildung im Januar 2023 ein Referat halten zu Bildung und Digitaler Transformation.

Sie beschäftigen sich mit der Zukunft – was denken Sie, inwiefern wird die digitale Transformation Musikschulen verändern? Wie werden Musikschulen 2040 aussehen?
Ich glaube, es wird sich gar nicht wahnsinnig viel verändern. Vielleicht wird es ähnlich sein wie bei der Psychotherapie – es gab viele Ängste hinsichtlich hybrider Szenarien. Mit der Pandemie hat man gemerkt, dass es möglich ist, diese online anzubieten. Möglich ist auch ein Trend hin zu Autodidaktik. Man lernt selbständig und holt sich Inputs von Plattformen wie YouTube. Das Gefühl nach menschlichem Kontakt wird aber hoch bleiben.

Neben der Digitalisierung werden auch andere Trends die musikalische Bildung beeinflussen – ich denke da an die knappen Finanzen. In Zukunft wird die Frage sein, wie Budgets vom Staat oder von einer Stadt aussehen, und wie die Familienstrukturen sind. Und der demographische Wandel ist sicher auch ein Thema. Menschen werden älter, und die Pensionierten der Zukunft werden das Bedürfnis haben, sich zu bilden. Warum nicht auch in der musikalischen Bildung?

Das ist ein interessanter Punkt – die musikalische Bildung für Erwachsene. Das Problem ist, dass es zwar je nach Kanton unterschiedlich gestaltete Subventionen gibt, aber nur für Kinder und Jugendliche, so dass der Unterricht für Erwachsene sehr teuer ist.
Das ist der Punkt der knappen Finanzen. Was wird sich eine Gesellschaft in Zukunft leisten können und wollen? Es gibt viele andere Themenfelder, wo wir als Gesellschaft investieren müssen, zum Beispiel um die Risiken und Schäden des Klimawandels zu minimieren. Diese Konkurrenz der Ausgaben vor Augen: Inwiefern wird eine Gesellschaft bereit sein, in Kreativität, in Handwerk, in musische Fähigkeiten zu investieren?

Was würden Sie denn entgegnen, wenn jemand sagt, bei der Kultur kann man sparen?
Aus der Perspektive des Historikers fallen mir zwei Dinge ein. Erstens geht es darum, unsere Geschichte in die Zukunft weiterzuführen– Kulturtechniken und Kulturgüter zu erhalten und neu zu interpretieren. Zweitens: Je digitaler unsere Zivilisation wird, umso mehr Maschinen sind Teil unserer Gesellschaft, aber auch unserer Arbeitswelt. Mit kreativen Fähigkeiten können sich Menschen von Maschinen unterscheiden. Es werden zwar auch künstliche Intelligenzen kreative Fähigkeiten haben – aber es braucht den Menschen, um Fragen zu stellen und die Zukunft zu entwerfen.

Das Thema der Chancengerechtigkeit ist im Bereich der musikalischen Bildung ein grosses Thema – dass sich nur Privilegierte musikalisch bilden können. Wie schätzen Sie dies ein?
Die Frage ist, ob der politische Wille da ist, dies zu verändern. Der Bedarf an lebenslangem Lernen könnte die Situation verschärfen. Wenn man sich ständig weiterbilden muss, kommt die Frage auf, wer sich das leisten kann, wer genug sparen konnte, wer aus dem Arbeitsprozess raus kann, um nochmals zu studieren. In der kreativen Wissensgesellschaft spielen „Winner takes it all“-Effekte eine Rolle. Die gescheiten, schönen, guten, talentierten Menschen profitieren besonders stark. Im Tennis, aber auch bei den Grafikerinnen und Tänzerinnen gibt es wenige Menschen, die sehr gut von ihrer Arbeit leben können. Und wer erfolgreich ist, bekommt am meisten Anfragen, am meisten Likes, die besten Plätze in den Suchmaschinen. Politik und ZIviligesellschaft können hier Gegensteuer geben.

Sie haben kürzlich Ihre Masterarbeit in Geschichte abgeschlossen, in der Sie sich mit Innovation in der Schweiz während der 50er Jahre beschäftigt haben. Wie innovativ war man damals?
Man war auf jeden Fall sehr an der Zukunft interessiert und hatte den Mut und die Fantasie, um vieles neu zu denken. Es war die Nachkriegszeit, es ging darum, ganze Länder neu aufzubauen, es war der Anfang des Massenkonsums, des Auto, des Massentourismus. Vieles hat sich verändert damals. Heute kennen wir die Nebenwirkungen und Risiken des Wachstums und schauen deshalb ängstlicher in die Zukunft. Wir wagen aber nicht, Dinge neu zu denken, weil wir unseren Wohlstand nicht riskieren wollen. Deshalb bleiben wir stecken in den Zukünften, die in den 50ern zum Durchbruch kamen: dem Einfamilienhaus, dem billigen Fleisch, der Atomkraft, dem Auto. Diese Errungenschaften waren mal cool, werden nun aber immer mehr zum Problem.

Sehen Sie es als eine Ihrer Aufgaben, zum Zukunftsoptimismus zu inspirieren?
Ja, absolut. Wenn wir zurückgehen zum Anfang des Gesprächs: Digitalisierung bietet viele Vorteile, sie ermöglicht neue Beziehungen, man kann neue Dinge lernen. Das Gleiche gilt für die Nachhaltigkeit. Im Moment dominiert bei vielen noch die Angst vor einem Verbot oder vor einer Verhaltensveränderung – zum Beispiel, dass man kein Fleisch mehr essen darf. Aber das Streben nach mehr Nachhaltigkeit schafft auch neue Märkte und neue Jobs.

 

Forum Musikalische Bildung 2023
Am 20./21. Januar findet das zehnte FMB statt. Der zweitägige Anlass richtet sich insbesondere an Schulleitende von Musikschulen aus der ganzen Schweiz (steht selbstverständlich aber auch anderen Interessierten offen). Der erste Tag widmet sich dem Themenkomplex der Digitalen Transformation und der zweite der Inklusion in der musikalischen Bildung. Referate und Podiumsdiskussionen werden in Deutsch oder Französisch stattfinden, mit Simultanübersetzung d/f und f/d. Weitere Informationen sowie die Anmeldung befinden sich hier.