Festival International de Musiques Sacrées (FIMS) 
Ein Glücksfall der Schweizer Festivalkultur

Ein Glücksfall der Schweizer Festivalkultur

Charles Uzor, 03.09.2014

Die der geistlichen Musik gewidmete Konzertreihe fand Anfang Juli zum 15. Mal in Fribourg statt. Auf dem Programm stand Musik mit religiösen Wurzeln aus verschiedenen Epochen und Kulturkreisen.

Klassikfestivals mit kohärentem Programmkonzept, einer vor Ort fühlbaren
Probenarbeit und dem Bezug zur Region und zum Aufführungsraum, gibt es sie noch? In der heutigen Festivaleuphorie, die sich eher an Massentauglichkeit als an solchen Kriterien oder künstlerischen Prozessen orientiert, ist die Frage berechtigt. Oft bekommt man standardisierte Programme serviert, die mit klingenden Namen über fehlendes künstlerisches Konzept hinwegtäuschen.

Klassikfestivals, die durch thematische Beschränkung und kompetente Programmierung Vitalität vermitteln, gibt es hingegen sehr wohl. Nebst dem Fribourger Festival gehören das Zürcher Forum Alte Musik und die Basler Festtage Alte Musik dazu. Letztere bieten nebst dem Festival durchs Jahr verschiedene Veranstaltungen. Während das Zürcher Festival mit Musik von der Gregorianik bis zum 19. Jahrhundert stilistisch einen weiten Rahmen steckt, verpflichten sich die Basler Festtage der Förderung Basler Absolventen auf dem Gebiet der Alten Musik. Mit der Konzentration auf die zentralen Wendepunkte Alter Musik (letztes Jahr war es der Übergang von der «prima pratica» zur «seconda pratica») und zusätzlichen thematisch bezogenen Symposien ist dieses Festival auch wissenschaftlich sehr anregend.
Das Fribourger Festival International de Musiqes Sacrées ist ein Glücksfall. Eine beinah volkstümliche Offenheit gibt ihm den persönlichen Charakter. Auf dem Programm steht Musik, die offen für verschiedene Epochen und religiöse Wurzeln ist und oft zu unmittelbarer Betroffenheit führt. Mühelos verbindet sich Profanes und Sakrales, Instrumentales und Vokales, Abendländisches und Orientalisches – dies wird besonders eindrücklich, wenn man alle Konzerte besucht. So erinnern etwa die sufistischen Maquâms an neapolitanische Liebeslieder, oder andalusisches Mittelalter trifft auf barocken Katholizismus.
 

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Paul van Nevel

Idealer Raum für Stimmenarchitektur


Die 15. Biennale fand in der Woche vom 5. bis 12. Juli statt. Mit 14 Konzerten (zwei Konzerte pro Tag), einem Atelier für gregorianischen Gesang und einem Kompositionswettbewerb (diesjähriger Gewinner ist Takahiro Sakuma mit Asteroid Belt) wird ein anspruchsvolles Programm geboten, wobei die Eglise du Collège Saint-Michel mit zum Geheimrezept gehört. Man glaubt in der perfekt proportionierten Barockkirche eine Feder fallen zu hören. Vier Konzerte sollen hier einen Eindruck der spannenden Woche wiedergeben.
Punkto Werkauswahl, Stimmentransparenz und gesanglicher Qualität machte das Konzert Eton Choirbook des belgischen Huelgas-Ensemble unter der Leitung von Paul van Nevel auf mich den grössten Eindruck. Aus dem reichen Konvolut dieser wie durch ein Wunder in den Anglizismus hinübergeretteten Werke wählt van Nevel fünf- bis neunstimmige Textvertonungen aus, die der Mutter Gottes gewidmet sind. Die harmonische Reichhaltigkeit der Werke Suttons, Horewuds, Sturtons, Brownes und Wylkynsons ist unglaublich. Welche Diskrepanz zwischen dieser zarten Musik und den Intrigen Heinrichs des Achten! Das Huelgas-Ensemble beleuchtet die Werke in ihrer Architektur und zeigt, wie der Tonsatz den konventionellen Rahmen ausreizt, wie sich die Stimmenimitationen wellenartig in gewagten Harmonien brechen, auch wie sich Schlussfloskeln fast polytonal auflösen und die mäandernde Registrierung sich verselbständigt. Während in Johannes Suttons Salve Regina die Dramatik bis zum Ende gesteigert wird und in den letzten Zeilen die Stimmen in eine fast zerreissende Spannung gleiten, enthebt einen Edmundus Sturtons sublimer Klangfluss in Gaude Virgo Mater jeglichen Zeitgefühls. Musik, die melodisch und harmonisch in die Extreme führt, aber doch der stetigen Pulsation, einem dunstable-haften Strömen treu bleibt. In Johannes Brownes Stabat mater dolorosa treten Dynamik und rhythmische Impulsivität hervor. Die schier ausufernden melismatischen Verästelungen werden vom Huelgas- Ensemble auch im extremen Diskant mit Leichtigkeit gesungen. Durch die reliefartige Stimmführung wird die kontrapunktische Tiefenwirkung dieser Mariengesänge hervorgehoben.
 

Katholizismus, Sufismus und Volkstümlichkeit


Pino de Vittorios Erkundungen apulischer Frömmigkeit wirken im Vergleich zu dieser komplexen Polyfonie geradezu naiv, als barocker Gegensatz sind sie aber erfrischend. Besonders in den anonymen Liedern und Tänzen, bei denen er sich selbst auf der Gitarre begleitet, beweist Pino de Vittorio agogische Vitalität, kommunikative Präsenz und rhetorische Begabung, was aber nicht über stimmliche Schwächen hinwegtäuscht. So wirken die Tenorstimme wenig tragfähig und die Intonation oft unsicher. In den Sinfonien Rocco Grecos hingegen zeigen Rebecca Ferri (Cello) und Patrizia Varone (Cembalo/Orgel) Perlen übereinstimmender Empfindsamkeit.

Das Konzert des französisch-marokkanischen Ensembles Al-Adwâr ist in zwei Teile gegliedert, wobei diese aufgrund ihrer improvisatorischen Struktur nicht immer leicht zu unterscheiden sind. Das Konzert beginnt mit dem titelgebenden Maqâm d’amour, einer Komposition von Aïcha Redouane (Gesang und Qânun) und Habib Yammine (Gesang, Riqq und Daff), und endet mit ausgewählten Gedichten der klassischen Nahda-Schule, deren Texte die Eleganz, Offenheit und Toleranz der sufistischen Lebensphilosophie illustrieren. Es ist eine heterofone und rhythmusbetonte Musik, die durch ihren arabischen Ornamentenreichtum Stimmungswechsel von Schwermut, überschäumender Freude bis zur philosophischen Gelassenheit transportiert. Redouanes berührende Stimme macht die Verse über die Synthese der Gegensätze in ihrer zeitlosen Botschaft zumindest emotional verständlich.

Zur speziellen Begegnung kommt es im Konzert des norwegischen Vokalsextetts Nordic Voices, das Vokalpolyfonie des 16. Jahrhunderts (Clemens non Papa, Pierre de Manchicourt, Christobal Morales) mit verschiedenen Auslegungen des Weihnachtsmysteriums kombiniert. Das Vokalsextett überzeugt durch wunderschöne Stimmen, Vitalität und Sinn für musikalische Gestik. In ihrem durchgearbeiteten Chorklang verliert Arvo Pärts Magnificat jegliche Betulichkeit. Viel Engagement zeigt auch die Uraufführung von O Magnum Mysterium des Schweizer Komponisten René Oberson, ein Auftragswerk des Festivals, das verschiedene satztechnische Elemente zu einer dynamischen, fein durchgehörten Harmonie aufbaut. Mit folkloristischen Elementen arbeitet Henrik Ødegaard in seiner radikaler wirkenden Variante. Der von Urschreien, Obertongesang und Steve-Reich-Minimalismus durchsetzten Komposition mangelt es nicht an unmittelbaren Effekten, die das Mysterium der Gottesgeburt erfrischend in lauthalse Fröhlichkeit verwandeln. Lasse Thoresens Solbøn beginnt mit dem Sekundintervall, dunkel und ruhevoll. Eindrücklich, wie das norwegische Ensemble, gleichsam zwischen Vokalem und Instrumentalem pendelnd, eine reiche Palette von Stimmungen und Stimmtechniken einsetzt. Falsett, Jodel und Jauchzer geben dem Sonnengesang ein intensives Strahlen.

In zwei Jahren findet die 16. Folge des Festival International de Musiqes Sacrées statt. Es ist zu hoffen, dass diese seit 1986 bestehende und von Pierre Tercier meisterhaft geführte Biennale ihrer selbstbewussten Grundhaltung treu bleibt. Sie bietet ein kostbares Forum für den Dialog, für die Bewahrung und Erneuerung sakraler Musik.
 


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