Schweizer Musik in Berlin 
Glocken, Geister, Glasharmonika

Glocken, Geister, Glasharmonika

Friederike Kenneweg, 03.09.2014

Das Schweizgenössisch-Festival vom 1. bis 3. August stellte Schweizer Musikproduktionen von der Kapelle Eidgenössisch Moos, des Yilian-Cañizares-Quartetts, von Alain Sulzer, Jürg Kienberger oder Thom Luz im Berliner Radialsystem vor.

Drei ältere Herren mit Hosenträgern richten den Raum für ihre musikalische Probe ein. Sie schieben Wände und Stühle zurecht, murmeln vor sich hin und arrangieren ihre Requisiten. Beim Umhertragen erklingen wie zufällig zwei Kuhglocken in einem gemeinsamen Akkord, eine eher von rechts, eine eher von links. Doch spätestens, wenn sich das Schiebegeräusch der Stühle in ein dreistimmiges Musikstück verwandelt, ist klar, dass in dem Stück Ländler wollen mitreden der Kapelle Eidgenössisch Moos nichts dem Zufall überlassen ist. Mit einer charmanten Mischung aus Musiktheater, Konzert, Touristenführung und öffentlicher Probe eröffnet das Trio um Ruedi Häusermann das Festival Schweizgenössisch – Die Schweiz in Berlin. Klischees zu vermeiden ist dabei gerade nicht ihr Anliegen. Eher kommt einem vor, als hätten die drei Musiker es sich zur Aufgabe gemacht, alle, wirklich alle Ideen zu diesem Thema, auch die albernsten, in einen Abend zusammenzuzwingen: Die Musik des Ländlerkönigs Kasi Geisser, Texte von Robert Walser, Auftritte von Tieren, ein mit technischen Mitteln realisierter «Chorverdoppler», ein Jodelautomat ... Mit Ernsthaftigkeit und musikalischer Präzision widmen sich die drei allen Theatermitteln. Poetische, feine, lustige, konzentrierte, überladene und klanglich dichte Momente wechseln sich ab und münden schliesslich in einem «geselligen Ausklang» mit Schweizer Volksmusik am Spreeufer und im Abendsonnenschein: eine sehr schöne Eröffnung!

Weniger in der Schweiz als in der Welt verwurzelt ist die Musik des Yilian-Cañizares-Quartetts aus Lausanne. Die Sängerin und Violinistin Yilian Cañizares, die aus Havanna stammt, führt auf spanisch, französisch und englisch durch ihr abwechslungsreiches Programm. Südamerikanische Tanzrhythmen und Unisono-Jazzlines wechseln mit schwebenden, esoterisch anmutenden Balladen ab. Die strahlende Cañizares im weissen Kleid macht dazu Sambaschritte, schüttelt die Locken, improvisiert mit Geige und Stimme zugleich, dabei immer gestützt vom soliden Grundsound ihrer Band. Solistisch zu überzeugen vermag aber besonders der Pianist Daniel Stawinski, der für diesen einen Moment ganz in der Musik aufgeht, darin verloren ist und einen mitnimmt auf den Wellen seines Klavierspiels.

Die Veranstaltung von Claude-Alain Sulzer hingegen lässt einen eher ratlos zurück. Ein unter dem Titel Annas Maske eigens für das Festival entwickeltes literarisches Konzert habe man zu erwarten, so steht es im Programmheft. Sulzer liest aus seiner gleichnamigen Novelle, die das Leben der Schweizer Sängerin Anna Suttner zum Thema hat – und insbesondere die skandalösen Umstände ihres Todes. Dass sie erschossen worden war, erfährt man gleich zu Beginn. Von ihrem Liebhaber. Und dass sie eine berühmte Darstellerin der Carmen gewesen sei. Dazwischen langatmiges Referieren der Lebensdaten aller Beteiligten in einem selbstgefälligen, ausufernden Stil, meistens pointenlos, und ausserdem, immer wieder und sehr lang: Musik! Benjamin Nyffenegger am Cello und Oliver Schnyder am Klavier spielen virtuos und gefühlvoll. Was die Rachmaninow-Sonate jedoch mit dem Erzählten zu tun haben soll, lässt sich beim besten Willen nicht erkennen. Der ohnehin recht dünne Spannungsbogen der Novelle wird über mehrere Episoden und Musikeinschübe hinweg gedehnt – was eine überraschungsarme Erzählung mitnichten besser macht. Was wurde denn hier eigens für das Festival entwickelt?

Auch Jürg Kienberger erweist sich, obzwar Komiker, nicht unbedingt als Meister des Timings. Sein Programm Ich Biene, ergo summ, in dem er sich mit dem Leben und Sterben der Bienen auseinandersetzt, beginnt mit dem Auftritt eines Alleinunterhalters am Keyboard. Der verkleidete Kienberger heizt das Publikum mit Schenkelkrachern auf dem Niveau seines Stücktitels an – und tut sich damit keinen Gefallen, verschliesst er doch gleich zu Beginn die Ohren des Publikums für Feines. Und dabei wären das die grössten Momente seines Programms: wenn eine leichte Melancholie, wenn eine Verlorenheit spürbar wird: die der Bienen, die des Jürg Kienberger, und der verlorene Posten, auf dem doch schon immer alle zu stehen scheinen, die sich mit der kleinen Welt der Bienen beschäftigen. Auf der Bühne steht die ganze Zeit ein Bienenkasten, aus dem fast unmerklich ein permanentes Gesumm zu hören ist. Am Ende ist es verstummt. Es ist berührend und traurig, wenn Kienberger jetzt die Glasorgel zur Hand nimmt und mit hoher, zerbrechlicher Stimme singt: «Was wollen wir nun singen, hier in der Einsamkeit, wenn alle von uns gingen, die unser Lied erfreut ...» Das auf Lacher gebürstete Publikum hält das nicht aus und applaudiert mitten in den schwebenden letzten Ton hinein. Es ist schade, dass sich Kienberger mit seiner verfehlten Dramaturgie selber den Stachel zieht.

Den Abschluss des Festivals bildete das Musiktheater When I die unter der Regie von Thom Luz. Mehrere Tasteninstrumente stehen auf der sonst leeren Bühne: Klaviere, eine Wurlitzer, eine Glasharmonika. Eine Frau sitzt am Klavier, darauf eine Porzellantasse. Langsam und in mehreren Anläufen schiebt sie die Tasse von der Kante, so dass sie scheppernd herunterfällt. Das Ticken einer Uhr drängt sich in den Vordergrund. Ein Männerquartett singt englische Schlager, die Frau unterbricht. Es geht um das Leben von Rosemary Brown, die in den Sechzigerjahren behauptete, ein Medium zu sein und von verstorbenen Komponisten besucht zu werden, allen voran Franz Liszt. Die Komponisten würden ihr die fehlenden Teile unvollendeter Kompositionen diktieren. Die Bühne wird zur Zwischenwelt. Imaginationsraum, Wohnung, Klangraum, Konzertsaal, Jenseits, Sterbezimmer. Die Komponisten treten auf, flüstern ein, musizieren, verschwinden wieder. Rosemary Brown singt mit dünner Stimme, spielt mit, spricht mit, unterbricht. Grosse schwarze Kisten rollen wie von Geisterhand über die Bühne. Alles ist abgedunkelt, dämmrig, in Nebel gehüllt. Die Darsteller erscheinen nur noch als Silhouetten im Gegenlicht. Und als Stimmen, die singen, sprechen, flüstern.
When I die ist ein subtil arrangierter Abend, der, auf das Unbewusste zielend, mit allen theatralen Mitteln erzählt, allem voran mit der Musik. Personen und Geschehen bleiben seltsam ungreifbar und mehrdeutig, und alles wirkt etwas entrückt. Beim Rausgehen fühlt es sich an, als habe man grade einen Geist gesehen.
 


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