Rapport «einer Spielanordnung» 
«In den Hallen der Gehirnstadt»

«In den Hallen der Gehirnstadt»

Thomas Meyer, 16.10.2015

Eine Art Musiktheater zwischen Lyrik, Bild und improvisierter Musik mit Jeannine Hirzel, Peter K Frey und Daniel Studer. Bericht von der Uraufführung am 25. September im Kunstraum Walcheturm Zürich.

Ein Duo von Kontrabässen, in der Tiefe ansetzend und sich allmählich ausbreitend, im Lauf des Abends über etliche Klang- und Geräuschregister, wie sie zwei so exzellente Improvisatoren wie Daniel Studer und Peter K Frey draufhaben. Hinzu kommen über die Lautsprecher bald einmal erste Einstreusel aus einem traumartigen, halbschläfrigen Text des Lyrikers Kurt Aebli – und bald auch Geräusche. Woher? Ist es wichtig, das zu wissen? Das Programmheft verrät uns: aus einer Zürcher Tramwerkstatt. Hätten wir das herausgefunden? Was sagt uns dieser Ort des stillstehenden urbanen Verkehrs und der Wartung? Bewegen wir uns traumwandlerisch durch eine imaginäre Stadt? Später werden auf dem Monitor erste einzelne Bilder erscheinen, Bilder einer Landschaft, einer städtischen Umgebung.

Schliesslich ein Schnitt: Die Sängerin Jeannine Hirzel tritt auf, sie spielt keine Rolle, sie setzt sich, singt erste sinnfreie Laute, rezitiert dann sprechsingend Texte, es sind die bereits gehörten, die nun auch zuweilen antifonal aus den Lautsprechern zurücktönen. Die einzelnen Bilder fügen sich zu einem Film aus Stopps zusammen – einem Film mit unscharfer, etwas traumhafter Patina. Er stammt aus Super-8-Aufnahmen, die der Architekt Ernst Studer drehte, als er von 1975 bis 1977 an der ETH mit Wachsfiguren utopische Städte entwickelte.

Musik, Text, Laut, Gesang und Film also treffen aufeinander, und daraus wächst langsam das musiktheatrale Stück heran, das Peter Schweiger in Szene gesetzt hat. In den Hallen der Gehirnstadt, so der Titel nach einer Aebli-Passage: «ich war besessen von der Idee Wörter die sich durch die Hallen meiner Gehirnstadt bewegten ein Strom fremder Menschen ich liess ihnen ihr Leben ihre hässliche Gestalt vielmehr Gruppierungen von Buchstaben und Silben die mir mein Gehör wiedergaben die mir meine Augen wiedergaben die mir mein Herz meine Seele meinen Körper strenggenommen» …
Buchstaben, Silben, Wörter gruppieren – und ihnen über die Sinne und die Seele einen Sinn geben, so liesse sich auf simple Weise paraphrasieren, was in diesem Stück geschah. Denn erst die Wahrnehmung schuf bald aus den multimedialen Konstellationen Zusammenhänge. Pareidolisch bildete sie Grammatiken und Strukturen, stellte Beziehungen her und fragte sich zugleich selbstreflexiv: Sind überhaupt Beziehungen in der Heterogenität dieser Ereignisse vorhanden? Geht es nicht auch um die Selbstwahrnehmung des Wahrnehmenden? Wie im Text Aeblis – und auf der Bühne. Plötzlich nämlich blicken wir auf dem Bildschirm – via Kamera – ins Gesicht der Sängerin. Später beobachten wir die beiden Bassisten in ihrem Spiel. So betrachtete sich das Stück selber. Nun ja: Warum diese Selbstbespiegelung, die immer ein Moment des Peinlichen in sich hat? Ist solche vergrössernde und verdoppelnde Selbstbespiegelung nicht blind geworden? Ein schönes Accessoire aus den Zeiten der Reflexivität – vielleicht etwas zu viel und unnötig. Aber es gehörte wohl zu diesem «Versuch, das ständig reflektierte Verlangen nach Vollendung und dessen momentanes Scheitern oder Gelingen im bildmächtigen Entwurf einer Stadt der Zukunft erlebbar zu machen». So der Programmhefttext.

War’s das? Das formulierte Ansinnen wurde mir persönlich zu wenig klar. Insgesamt aber war die halbwache Geruhsamkeit der Konstellation eindrücklich, die angestrebte «ungefätterlige» Intensität, ein grosser Ernst. Ein in sich stimmiges Stück entstand so, wenn auch kaum fulminant oder spritzig, ja man mochte sich fragen, ob es nicht auch ein bisschen zufrieden war mit seiner verqueren, gehirnwindigen Stimmigkeit. Jedenfalls sprang es nicht auf, machte keine Salti, schon gar nicht mortali – musste, wollte es vielleicht auch nicht …

War’s nicht eklatant, so vielleicht doch wegweisend. Den Schlüssel liefert dafür der unscheinbare Untertitel: «Eine Spielanordnung». Die «Anordnung» verweist uns darauf, dass hier etwas vorgeordnet ist – wie man das ja eigentlich bei frei improvisierter Musik meist nicht macht. Es ist aber im Sinn einer Auslegeordnung, eine Dramaturgie zu ermöglichen und dennoch Raum zur freien Ausgestaltung zu geben. Das scheint nicht sonderlich neu zu sein, ist aber doch zentral, wenn es darum geht Gesang und Text einzubeziehen: Denn das ist immer noch keine Selbstverständlichkeit in diesem Genre, sondern eine Herausforderung, die eine lineare Fixierung voraussetzt. In dieser Richtung führten schon einige frühere Projekte wie jene etwa des Improvisationstrios Karl ein Karl, dem ja auch Peter K Frey angehört. Mit der musiktheatralen Anordnung und der freien Improvisation bzw. ihrem Zusammenspiel entsteht etwas Eigentümliches, eine Konstellation, die ich fast als essayistisches Musiktheatermachen bezeichnen möchte.


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