Mizmorim-Festival Basel 
Vergessenes hörbar machen

Vergessenes hörbar machen

Niklaus Rüegg, 03.02.2015

Am 17. und 18. Januar 2015 fand im Basler Hans-Huber-Saal die erste Ausgabe eines neuen Festivals statt, das sich der jüdischen Musik widmet. Im Fokus stand dieses Jahr die «Neue Jüdische Schule».

«Das Mizmorim-Festival verdankt seinen Namen biblischen Gesängen und Psalmen, den Mizmorim eben, welche die musikalische Form des Gebets und des gedanklichen Austausches im jüdischen Glauben darstellen.» So erklärt es die Website www.mizmorimfestival.com. Eine Gruppe engagierter Musikerinnen und Musiker um den renommierten Klarinettisten Chen Halevi verwirklichte unter tatkräftiger Unterstützung der Israelitischen Gemeinde Basel ein hochstehendes, sympathisches Musikfest mit hörenswerter Musik.

Der Präsident der Israelitischen Gemeinde Basel, Guy Rueff, der zugleich als Finanzchef des Festivals fungiert, wünschte sich in seinem Begrüssungswort, dass Mizmorim in Basel in ein paar Jahren die gleiche Bedeutung für die jüdische Musik haben werde, wie die Swiss Indoors für das Tennis: «Alle haben einmal klein angefangen.» – Diese Aussage passte zum bescheidenen Publikumsaufmarsch, nicht aber zum Gebotenen, das wesentlich mehr Zuhörer verdient hätte.

Die «Neue Jüdische Schule» als Nationalstil
Während sich in der Musik die nationalen Schulen etwa von Russland, Tschechien, Spanien oder Norwegen ungehindert entwickeln und im kulturellen Bewusstsein verankern konnten, wurde die Entwicklung der jüdischen Schule nach nur drei Dekaden erst durch den Stalinismus und dann durch den Nationalsozialismus gewaltsam beendet. 1908 begannen jüdische Komponisten – in der Folge des neu erwachten Nationalgedankens, der sich am ersten Zionistenkongress 1897 in Basel verdichtete – sich für die Quellen ihrer Musik zu interessieren. Das Zentrum der jüdisch-nationalen Bewegung in der Musik wurde Russland. In St. Petersburg wurde die «Gesellschaft für Jüdische Volksmusik» gegründet. Zu Beginn lag das Interesse beim Sammeln, Bearbeiten und Herausgeben von jüdischer Folklore. Hunderte von Konzerten im In- und Ausland, Lesungen und ethnologische Expeditionen wurden organisiert. Viele Komponisten erhielten eine Plattform zur Präsentation ihrer Werke. In der ersten Phase spielten unter anderen die Komponisten Joseph Achron, Michail Gnesin, Alexander und Grigori Krejn sowie Alexander Weprik eine wichtige Rolle. Ende der Zwanzigerjahre wurde der Sitz der Gesellschaft nach Moskau verlegt. Zunehmend von kommunistischem Gedankengut durchdrungen musste sie Ende 1929 ihre Tätigkeit in Russland ganz einstellen.

Inzwischen hatten sich aber Aktivitäten in ganz Europa und auch in der Schweiz ausgebreitet. Wien wurde das neue Zentrum. Die wichtigsten Komponisten waren hier Israel Brandmann, Joachim Stutschewsky und Juliusz Wolfsohn. 1938 war es schliesslich der Nationalsozialismus, der ein Weiterbestehen der Gruppierungen vereitelte. Stutschewsky floh in die Schweiz und organisierte am Vorabend des Zweiten Weltkriegs zusammen mit seinem befreundeten Musikerkollegen Alexander Schaichet in Zürich und Basel Konzerte mit jüdischer Musik. Die beiden mussten als russische Juden bereits 1914 ein erstes Mal in die Schweiz fliehen. Während sich der Geiger Schaichet in Zürich etablierte, ging Stutschewsky 1924 nach Wien. Schon bei diesem ersten Aufenthalt hatten die beiden etliche Konzerte durchgeführt.

Vergessenes wieder zugänglich gemacht
Die Wiederentdeckung der verschwundenen Werke der Neuen Jüdischen Schule ist dem Pianisten und Musikwissenschaftler Jascha Nemtsov zu verdanken, der am Mizmorim Festival als Musiker und Referent mitwirkte. Der 52-Jährige wurde in Petersburg zum Pianisten ausgebildet und kam im Alter von 29 Jahren nach Deutschland. Hier stiess er auf die Geschichte der Neuen Jüdischen Schule, begann zu forschen und machte sich unter anderem in Russland, Israel, Holland und Amerika auf die Suche nach Notenmaterial, das er unter zum Teil abenteuerlichen Umständen heimlich kopierte und später archivierte. Bis heute nahm er zudem fast 30 CDs mit kammermusikalischen Werken auf. Nemtsov promovierte 2004 über dieses Thema und habilitierte sich 2007. Heute wirkt er als Professor für Geschichte der Jüdischen Musik an der Musikhochschule Franz Liszt in Weimar und an der Universität Potsdam.

Die stilistischen Wurzeln der Neuen Jüdischen Schule verortet Nemtsov zum einen in der jüdischen Volksmusik aus Osteuropa, dem jiddischen Liedgut, vor allem den chassidischen Liedern, und dem Klezmer. Der andere Haupteinfluss sind Motive der Synagogenmusik. Die Kindersuite von Joseph Achron, die am Sonntagmorgen aufgeführt wurde, arbeitet exemplarisch mit solchen synagogalen Kantillationsmotiven. Die Ausführenden waren der Schauspieler Hans Jürg Müller, das Arkhé-Streichquartett der Hochschule für Musik Basel, Jascha Nemtsov, Klavier, und Michal Lewkowicz, Klarinette. Letztere zeichnete übrigens auch als Organisatorin des Festivals.

Tradition und Vielfalt
Natürlich ist jüdische Musik nicht nur der eigenen Tradition verpflichtet, sondern bewegt sich in ihrem zeitgeschichtlichen musikalischen Umfeld. Im dritten Satz des Klarinettenquintetts von Paul Ben Haim (1897–1984), interpretiert vom wunderbaren Doric-Streichquartett und Chen Halevi an der Klarinette, sind orientalische und jüdische Stilelemente erkennbar, doch dominiert ein spätromantischer Charakter. Das zweite Stück in derselben Besetzung, The Dreams and Prayers of Isaac the Blind des Argentinier Osvaldo Golijov (*1960), verband eine höchst spannende, moderne Tonsprache mit Elementen jüdischer Volksmusik. Definitiv nicht zur Neuen Jüdischen Schule gehört Sergej Prokofjew (1891–1953). Ausser in seiner Ouvertüre über Hebräische Themen, die am Festival eine fesselnde Wiedergabe erlebte, hatte er immer nur eigene Themen verwendet. Nichtsdestotrotz wurde dieses Stück ein grosser Erfolg und fand Eingang ins Konzertrepertoire.

Beispiele für die Neue Jüdische Schule im engeren Sinne waren die Stücke von Alexander Weprik, Juliusz Wolfsohn und Joachim Stutschewsky, Julius Chajes und Joseph Achron. Neben dem vielbeschäftigten Doric-Quartett und dem blendend aufspielenden Chen Halevi konnte sich hier der Spezialist des Abends, Jascha Nemtsov, als Pianist profilieren und einige seiner Ausgrabungen persönlich präsentieren.
Auch die Lieder Victor Ullmanns stehen abseits der jüdischen Schule. Das Konzert bildete einen eindrücklich musizierten Kontrapunkt zum Hauptthema. Dorothee Kurmann (Sopran) und Martin Bruns (Bariton) boten zusammen mit Cornelia Lenzins hochkompetenter Klavierbegleitung eine brillante Auswahl aus Ullmanns Liederschatz. Schliesslich konnte Chen Halevi mit dem Auftragswerk des «Composer in residence» Menachem Wiesenberg, Reverberations für Klarinette, seine Vielseitigkeit und Virtuosität erneut unter Beweis stellen.

Das nächste Mizmorim-Festival findet vom 13. bis 17. Januar 2016 zum Thema Amerikanisch-jüdische Komponisten statt.
 


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