Reto Bieri leitet das Davos Festival zum dritten Mal 
Familienzone

Familienzone

Text und Fotos: Georg Rudiger , 16.08.2016

Vom 6. bis 20. August 2016 bestimmen am Davos Festival verwandtschaftliche Beziehungen das Programm und eine freundschaftliche Atmosphäre den künstlerischen Austausch.

Die Noten werden mit Wäscheklammern befestigt. Auf dem Büfett-Tisch warten Birchermüesli, Gipfeli und Schweizer Käsevariationen auf die Konzertbesucher. «Landpartie – der Familienbrunch am See» heisst das zweite Konzert des Davos Festivals. Der Anlass am Schwarzsee ist eine Premiere. Wieder einmal hat Intendant Reto Bieri einen neuen Konzertort entdeckt, der vertraute Musik in eine ungewohnte Umgebung setzt. Ein Sonntagsausflug in Freizeitkleidung mit Musik, netter Gesellschaft und leckerem Essen – eine Kombination, die an diesem Morgen bei strahlendem Sonnenschein perfekt funktioniert. Dabei ist das Open-Air-Konzert kein blosser Versuch, klassische Musik für den heutigen Konzertbesucher schmackhafter zu machen, denn die Bläser-Serenaden wurden von Wolfgang Amadeus Mozart wirklich für eine Aufführung im Freien komponiert. Wenn nun die acht jungen Bläser und ein Kontrabassist die Serenade in Es-Dur KV 375 spielen und man an Bierbänken sitzend zuhört, dann dringt Musik auf selbstverständliche Weise in den Alltag. Der Davos-Festival-Kammerchor unter der Leitung von Andreas Felber verzückt nicht nur mit perfekt intonierten Schubert-Sätzen, sondern singt auch gemeinsam mit dem Publikum die Volkslieder Meitäli, wenn dü witt go tanzä und Il Cucu. Auch die alpenländischen Klänge der Wiener Formation Alma passen sehr gut zu diesem lauschigen Platz am See. Kitschfreies Jodeln trifft hier auf knackiges, stark rhythmisch geprägtes Violinspiel. Ziehharmonika und Kontrabass sorgen für Farbe und Erdung.

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Reichhaltiges Menu

«Familienzone» heisst das diesjährige Motto. Entdeckt hat es Bieri in den Bahnwagen der SBB. Theoretische Dramaturgiekonzepte interessieren den kreativen Festivalmacher nicht. Seine Ideen entstammen dem Alltag und führen dorthin wieder zurück. «Ich bin wie eine Spinne und versuche, ein Netz von Beziehungen zu entwickeln. Hier in Davos begegnen sich 80 junge Künstler aus der ganzen Welt. Sie lassen sich ein auf dieses musikalische Abenteuer. Ich möchte, dass bei ihnen und den Besuchern etwas hängen bleibt», sagt Bieri. Deshalb hat er für seine dritte Festivalausgabe wieder 25 Konzertprogramme komponiert, die griffige Titel tragen wie «Habemus Papam», «Stammbäumchen» oder «Muttersprache». Kostenlose Konzerte im Kaffeehaus und Bahnhof, eine offene Bühne, ein Hörgang in der Natur für Kinder und der Workshop Junge Reporter ergänzen das Angebot. Die Familienzone beschäftigt sich mit verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen Komponisten und Tonarten. Es geht um Kindheit und Heimat. Zu Beginn des Konzertes «Nussdorferstrasse 54» malt der Intendant selbst das Geburtshaus Franz Schuberts auf einen Overheadprojektor. Mit der Ausgrabung von Joseph Weigls Die Schweizer Familie (1809), die Schubert geliebt hat, ist sogar eine Kammeroper in Davos zu erleben.

Auf den Tisch trommeln

Das Eröffnungskonzert im nüchternen Saal des Hotels Schweizerhof führt in die Familienzone von Clara und Robert Schumann. Die von Julian Lehr sensibel vorgetragenen Ausschnitte aus dem Ehetagebuch, in dem sich Clara von Robert wünscht, komponieren zu dürfen, korrespondieren mit den Binnensätzen des zur gleichen Zeit komponierten Klavierquintetts in Es-Dur op. 44. Das Quatuor Ardeo siedelt es gemeinsam mit dem Pianisten Benedek Horváth zwischen Glück und Verzweiflung an. Eröffnet wurde der Abend durch eine virtuose Performance von Thierry de Meys Table Music, die Eléna Beder, Carlota Cáceres und Frank Dupree mit blossen Händen auf den Tisch trommeln und streicheln. Der 24-jährige Deutsche ist eigentlich als Pianist zum Festival eingeladen, aber für das anspruchsvolle Werk wurde er vom Intendanten auch für sein Zweitinstrument Schlagzeug angefragt. «Hier in Davos ist alles ganz anders. Man tritt mit ganz verschiedenen Besetzungen auf. Es wird viel geprobt. Auch experimentelle Stücke finden hier ihren Raum. Neben Schlagzeug habe ich schon auf dem Flügel, dem Klavier, einem E-Piano und einem Spielzeugklavier gespielt», sagt Dupree und präsentiert sich als unkomplizierter, vielseitig einsetzbarer Musiker, der mit Franz Liszts Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen genauso viel anfangen kann wie mit John Cages Suite for Toy Piano (1948), die er im Yogasitz auf einem Hockerchen spielt. Er ist einer der vielen Hochbegabten, die in Davos zu hören sind. Mi-sa Yang vom französischen Quatuor Ardeo berührt in der Kirche Davos Laret mit einer reifen Interpretation von Bachs zweiter Partita für Violine solo in d-Moll. Das Kölner Asasello Quartett, das wie die andern Streichquartette auch kleinere Werke mit dem Festivalorchester einstudiert und vom Pult aus leitet, zeigt im «Kinderzimmer»-Konzert eine klanglich ausgewogene Interpretation von Mozarts d-Moll-Quartett KV 421.  

Nicht überessen

Das Festival-Budget wurde nochmals erhöht, auf 750 000 Franken, weil im Februar erstmalig eine Singwoche dazugekommen war. Die Hälfte des Etats wird von Unternehmen oder Förderstiftungen gestemmt. Nur knapp 15 Prozent sind Subventionen. Nicht alles gelingt gleich gut beim Festivalauftakt. Die Stücke von Valentin Silvestrov, dem diesjährigen Composer in Residence, wirken in ihrer Nostalgie und ungebrochenen Tonalität wie eine zarte Stilkopie von Franz Schubert oder Frédéric Chopin. Auch regen die kleingliedrigen, von Umbaupausen durchbrochenen Programme manches Mal nur den Appetit an, der dann nicht zur Gänze befriedigt wird. Aber diese Lust auf Mehr ist von Reto Bieri durchaus mit eingeplant. Die Zuhörer sollen angeregt werden, aber nicht übersättigt. Es soll Raum bleiben zum Nachdenken – und auch Nachsingen. Für Letzteres besteht jeden Morgen im Living Room des Hotels gemeinsam mit dem Davos-Festival-Kammerchor kostenlos die Gelegenheit. Deep River klingt nach einer halben Stunde Lockerungsübungen, Einsingen und Probe mit Andreas Felber im fünfstimmigen Satz schon aufführungsreif. Ein Konzert ist aber nicht geplant. Die Freude am gemeinsamen Singen reicht den Beteiligten.


www.davosfestival.ch
 

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