Frauen im Mittelpunkt beim Festival Femmusicale 
Entdeckungs- und Expansionslust

Entdeckungs- und Expansionslust

Walter Labhart, 13.10.2016

Der Auftakt zum diesjährigen Festival fand am 9. Oktober in der Tonhalle Zürich statt. Weitere Konzerte folgen im November.

Der in Bern lebende Patrizio Mazzola ist einer der wenigen Pianisten in der Schweiz, die sich schon seit vielen Jahren regelmässig für Musik von Komponistinnen einsetzen. Kaum hatte er mit Kaspar Zehnder die Flötensonate von Mel Bonis (Mélanie Bonis) auf CD eingespielt, tauchte diese Komponistin wiederholt in den Programmen seiner Konzerte auf. Ihr hält er auch in der dritten Auflage des 2014 in Bern gegründeten Festivals Femmusicale die Treue. Ihre Sonate für Violoncello und Klavier op. 67 erklingt zusammen mit Werken der deutschen Rheinberger-Schülerin Luise Adolpha Le Beau und Nadia Boulanger in einem Konzert in Bern unter dem etwas schrägen Motto «Ne rien va femme» (18. November, Aula NMS).

Miniaturen im Vorfeld
Im Unterschied zu diesem auf drei herausragende Komponistinnen konzentrierten Programm strebte Mazzola zur Festivaleröffnung mit dem tschechischen Geiger René Kubelík grösstmögliche Vielfalt an. Mit «Liedern ohne Worte» in der abweichenden französischen Formulierung «Poèmes sans paroles» expandierte das Festival Femmusicale erstmals nach Zürich in den Kleinen Saal der Tonhalle. Das Überangebot an ausgesprochenen Miniaturen und sonstigen kleinformatigen Stücken liess die Gefahr einer Zersplitterung erkennen. Mit 17 Stücken von 14 Komponistinnen und Komponisten von der Chopin-Vorläuferin Maria Szymanowska-Wołowska (1789–1831) bis zu Ruth Dürrenmatt (*1951) und Jan Fila (*1982) präsentierten die beiden Musiker eine anthologieartige Werkauswahl, die stark an Mazzolas CD Idyll und Refugium mit kurzen Klavierstücken von 25 Komponisten erinnerte, die alle einen unterschiedlichen Bezug zur Schweiz aufweisen (Gallo 1422).
Die kleinen Kompositionen etwa von Judith Cloud oder Nancy van de Vate waren aber zu kurz, um die Eigenart ihrer Autorinnen verdeutlichen zu können. So abwechslungsreich das gestalterisch auf sehr hohem Niveau bestrittene Konzert mit fünf Uraufführungen auch war, floss letztlich mehr Herzblut in die Interpretationen als Geld in die Abendkasse. Die Schuld an der geringen Besucherzahl trug wohl am ehesten das ohne einen roten Faden auskommende, überladene Konzertprogramm. Der Vermittlung von Angaben zu Personen und Werken stand die Schauspielerin Céline Beran mit einer zu schnellen und oft kaum verständlichen Vortragsart im Wege. In gedruckter Form hätten diese Informationen wohl mehr bewirkt.

Grenzen verwischen
Das am 9. Oktober in Zürich präsentierte Programm wird am 10. November in Prag wiederholt, nicht aber in Bern gespielt. Dort, am Gründungsort von Femmusicale, werden die Grenzen von E- und U-Musik ein weiteres Mal lustvoll verwischt. Unter dem Motto «Petting goes classic» werden Bravo Hits der 80er- und 90er-Jahre klassisch interpretiert (17. November, Mahogany Hall). Ratskcors, ein Berner Rockduo, bietet im Kulturhof Köniz (20. November) «echte Musik» an, was immer das bedeuten mag. Das aus der Violoncellistin und Sängerin Fatima Dunn bestehende One Woman Orchestra tritt mit viel Elektronik im Erlacherhof auf (19. November). Als unorthodoxen Ausklang gibt es eine Abschlussparty zum Tanzen, Rocken und Swingen mit verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern (30. November, Mahogany Hall).
Zuvor wird der 80. Geburtstag der Komponistin und Pianistin Erika Radermacher mit einer Matinee gewürdigt, an der sich die Jubilarin, Bettina Boller und Katharina Gohl beteiligen. Da nebst einem von Gedichten Rose Ausländers inspirierten Klaviertrio von Erika Radermacher Gattungsbeiträge von Fanny Hensel Mendelssohn und Clara Schumann-Wieck gespielt werden, entspricht auch diese Kammermusikveranstaltung (27. November, Aula NMS) nicht dem Typus eines monografischen Konzerts.
Solche könnten dem bei aller Ausweitung auf verschiedene Sparten der E-Musik bereits etwas erstarrten Festival belebende Impulse vermitteln. Es ist zu hoffen, dass in weiteren Auflagen ebenso vielseitige wie unerschöpfliche Komponistinnen wie etwa Cécile Chaminade, Grażyna Bacewicz, Germaine Tailleferre oder Sofia Gubaidulina in Einzelkonzerten mittels weniger bekannten Werken porträtiert werden.
Der Einbezug sehr unterschiedlicher Lokalitäten mit entsprechendem Publikum, wie er auch in diesem Herbst für Abwechslung sorgt, dürfte das Ansehen des noch jungen Musikfestivals in weiten Kreisen festigen. Zu wünschen wären in Zukunft eine klare thematische Ausrichtung und ein präziseres Konzept. Der Einsatz, den in erster Linie der Initiant und Organisator Patrizio Mazzola leistet, verdient zusammen mit seinen hörbar engagierten Interpretationen als Ausdruck eines heute rar gewordenen Idealismus Wertschätzung. Seinem Ziel, «die immer noch währende extreme Vernachlässigung der Komponistinnen zu eliminieren», ist der hinter dem Festival stehende Verein Femmusicale in diesem dritten Jahr jedenfalls ein beachtliches Stück näher gekommen.

Die Website des Festivals

 

www.femmusicale.org

 


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