Philippe Bach leitet die renommierte Hofkapelle  
Helvetisches Feuer in Meiningen

Helvetisches Feuer in Meiningen

Hanspeter Renggli, 20.06.2016

Der Schweizer Philippe Bach leitet seit 2010 als Generalmusikdirektor die geschichtsträchtige Hofkapelle. In seinen Programmen baut er mit vielen Schweizer Interpreten und Werken Brücken von einem Land ins andere.

Von Bach zu Bach. So liesse sich verkürzt die Geschichte der gut 325-jährigen Hofkapelle von Meiningen beschreiben. Es war Johann Ludwig Bach, ein ferner Verwandter des grossen J. S., der, gefolgt von weiteren Mitgliedern der weitverzweigten Familie, im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts mit der Hofkapelle die Residenzstadt Sachsen-Meiningen zu einem bedeutenden Musikzentrum formte. Seit sechs Jahren steht nun ein ganz anderer Bach, nämlich ein Schweizer Bach, als Generalmusikdirektor an der Spitze der Meininger Musikkultur: Philippe Bach, der in Bern, Genf, Zürich und Manchester Horn und Dirigieren studiert hatte, übernahm 2010 eines der geschichtsträchtigsten deutschen Orchester.

Stolze Geschichte
Meiningen ist eine ruhige und schmucke südthüringische Kleinstadt zwischen Rhön und Thüringer Wald, die von der Unbill der jüngeren deutschen Geschichte einigermassen verschont geblieben ist. Meiningen ist jedoch auch ein einzigartiges kulturelles Zentrum. Da ist eben zunächst die Hofkapelle, ein gut sechzigköpfiges Sinfonieorchester, dessen kometenhafter Aufstieg vor und um 1900 mit Namen wie Franz Liszt, Johannes Brahms, Hans von Bülow, Richard Strauss und Max Reger oder demjenigen des Geiger Alexander Ritter und des Klarinettisten Richard Mühlfeld verbunden ist. Es war die Meininger Hofkapelle, die nicht bloss der räumlichen Nähe wegen, sondern aufgrund ihrer hervorragenden Qualitäten während Jahren das Bayreuther Festspielorchester prägte. Da ist das Meininger Theater, in dem – ebenfalls Ende des 19. Jahrhunderts und wohl erstmalig in der Geschichte – eine Frühform des Regietheaters und ein konsequent naturalistisches Regie- und Bildkonzept entwickelt wurde, das unter dem Stichwort «Meininger Prinzipien» Geschichte gemacht hat. Während Jahren tourte das Meininger Theater auf den neugebauten Bahnstrecken durch Europa, immer die detailfreudigen und voluminösen Bühnenbilder des Coburger Theatermalers Max Brückner in bis zu 20 Bahnwaggons dabei. Kein Wunder, verehren die Meininger Herzog Georg II. noch heute wie einen Stadtvater. Der sogenannte «Theaterherzog» hatte ab 1866 über ein halbes Jahrhundert Orchester und Theater nicht allein gefördert, er hatte Regie geführt und Bühnenprospekte skizziert, und nicht zuletzt als sozialliberal denkender Politiker dem wilhelminischen Kaiserreich die Stirn geboten.
Da sind heute zudem die auf experimentelle Stücke ausgerichteten Kammerspiele, das Puppentheater oder die Kleinkunst- und Tanzhäuser … Meiningen ist eine ausserordentliche Kunststadt und mit seinen gut 20 000 Einwohnern nur gut halb so gross wie Thun oder so gross wie Aarau.

Mutige Gegenwart
Wer Meiningens offizielle Seite im Netz anklickt, blickt zu allererst ins goldene Gewölbe des Theaters, ein Haus im Empirestil. Hier geht Philippe Bach ein und aus, dirigiert Konzerte und Opern, wie momentan gerade Straussʼ Capriccio oder Adèsʼ Powder Her Face. Es sei denn, der Generalmusikdirektor (GMD) sei mit seiner Hofkapelle unterwegs, beispielsweise im Dampflokwerk im Norden der Stadt oder immer wieder im grossen Saal auf der Wartburg bei Eisenach, wo jeweils Wagners Tannhäuser gewissermassen am «Originalschauplatz» gespielt wird – ein touristischer Anlass der besonderen Art.
2015/16 war für die Meininger Hofkapelle, die auch die Orchesterkonzerte im Theater spielt, ein Jubiläum angesagt. Das Orchester, das seit 2006 wieder seinen alten Namen trägt, feierte sein 325-jähriges Bestehen. Indes, um Mahlers vielzitiertes Wort zu paraphrasieren, Philippe Bach ist weit davon entfernt, die Asche vergangener Hochzeiten anzubeten, sondern entfachte seit seinem Amtsantritt gleich mehrere Feuer, helvetische nota bene. Sicher, da mögen Brahms, Strauss und Reger eine gewisse Vorzugsstellung geniessen, aber ein Interpret, der sein Handwerk bei Persönlichkeiten wie Peter Eötvös verfeinert hat, kennt die Gegenwart und blickt in die Zukunft. Dass dabei eine Art Schweizer Konstante seine Programme bereichert, ist erfreulich und vor allem nicht selbstverständlich.

Fruchtbarer Austausch
Philippe Bach lud beispielsweise von Anfang an regelmässig Schweizer Interpreten wie den Pianisten Adrian Oetiker, den Hornisten Olivier Darbellay oder den Dirigenten Kaspar Zehnder nach Meiningen ein. Kompositionen von Honegger, Martin oder Rudolf Moser dürfte das Meininger Publikum in einer Weise verinnerlicht haben, von der man hierzulande nur träumen kann. Wen wundert es da, dass sich Bach auch nicht zurückhielt, in der Jubiläumssaison mit Heinz Holliger und Mario Venzago zwei Schweizer Interpreten einzuladen. Umrahmt von frühen Werken von Richard Strauss, präsentierte Holliger fünf seiner Solo- und Duo-Kompositionen mit dem klangart-Ensemble dem begeisterten thüringischen Publikum. Daraus entwickelte sich ein vielperspektivisches meiningisch-schweizerisches Programm. Konzertprogramme sprechen dann eine besondere Sprache, wenn sich die Stücke gegenseitig anschauen, sich ergänzen und in ihrer Konstellation über sich hinausweisen. Mario Venzago wagte mit der Verbindung von Arthur Honeggers Fünfter (di tre re) und Paul Juons A-Dur-Sinfonie gar ein rein schweizerisches Programm. Juons Sinfonie, die dem Komponisten zu Lebzeiten den ehrenden Titel eines «russischen Brahms» eintrug, war 1903 durch die Meininger Hofkapelle uraufgeführt worden. In der kommenden Saison präsentiert Philippe Bach in Meiningen mit dem Fagottisten Andrea Cellacchi, den Pianisten Adrian Oetiker und Teo Gheorgiu sowie dem Flötisten Matthias Ziegler erneut ein erstaunliches Schweizer Gastpaket. Gleichsam im Gegenzug wird im November Philippe Bach im Konzert des Berner Sinfonieorchesters Max Regers Variationen und Fuge über ein Thema von Mozart dirigieren, ein Werk, das der Komponist 1914 in Meiningen schrieb.
Da ist zwischen republikanisch-helvetischer Zurückhaltung und höfisch-thüringischer Geschichtsträchtigkeit eine ganz besondere musikalische Achse entstanden.
 

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Kinderkonzert mit Philippe Bach in Meiningen
  • Marion Thieme am 09.07.16 - 18:58

    Helvetisches Feuer

    Tolle musikalische Erlebnisse und immer mal was ganz Neues. Das ist toll für uns als Zuschauer und eine Bereicherung für Meiningen.


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