Wittener Tage für neue Kammermusik vom 22. bis 24. April 
Witz, Kraft, Farbe

Witz, Kraft, Farbe

Torsten Möller, 28.04.2016

Bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik überwiegt Positives. Nur am Ende ging es gehörig daneben.

Viel ist von Austausch die Rede, von europäischer Kultur, auch von Internationalem und Globalem. Nationale Schulen hätten ausgedient, heisst es – gerade auch in jener Neuen Musik, die sich die Emanzipation von Vergangenem auf die Fahnen schrieb. Nun, in Witten: ein ganz anderes Bild. Der Festivalleiter Harry Vogt hat ein Faible für Franzosen. Tristan Murail war in den letzten Wittener Jahrgängen dabei, oft auch Georges Aperghis oder Pascal Dusapin. Nun ist es Gérard Pesson, dem Vogt im Rahmen eines Komponistenporträts viel Raum bot, sowohl für seine elektroakustische wie auch für seine Kammer- und Orchestermusik. Pesson ist ein gewitzter, ein einfallsreicher Komponist, dem die Leichtigkeit nicht fehlt. Spielerisch verwebt er Zitate aus vielen Etappen der Musikgeschichte. Dazu: ein untrügliches Gespür für eine farbige Harmonik, die dem Ohr schmeichelt.

Besonders überzeugt Pessons uraufgeführte Catch Sonata, die er – nomen est omen – dem Trio Catch auf den Leib schrieb. Bei der Komposition habe er oft Fotos der jungen Interpreten auf dem Schreibtisch, sagt Pesson im Gesprächskonzert. In dieser besonderen Sonate ist aber nicht nur ein persönlicher, durchaus französischer Ton des Komponisten zu vernehmen, sondern auch eine Interpretationsqualität, die ihresgleichen sucht. Boglárka Pecze (Klarinette), Eva Boesch (Cello) und Sun-Young Nam (Klavier) haben in wenigen Jahren einen phänomenalen Standard erreicht, der auch Musikhochschulen zu verdanken ist, die sich endlich verstärkt dem 20. und 21. Jahrhundert widmen.


Unter- statt Überordnung

Neue Musik, das heisst auch: Suche nach anderen «Formaten» und nach Komponisten, denen noch nicht schwindlig wurde im europäischen Festivalkarussell. An diesen Wittener Tagen ist ein Stummfilm des deutschen Regisseurs Arthur Robison zu sehen namens Schatten. Johannes Kalitzke schrieb eine neue Musik zum Film von 1923. Kalitzkes Klänge sind füllig, drängen sich aber nicht in den Vordergrund. Manches Filmgeschehen verdoppelt er augenzwinkernd; so eine Passage, wo drei Salonmusiker ihre Instrumente heben und just in dem Moment verquere Melodien aus dem 19. Jahrhundert ertönen. Solch «Plakatives» sorgt beim Fachpublikum für Kopfschütteln. Die Episoden zeigen aber in aller Deutlichkeit, dass sich Kalitzke ganz bewusst in Filmmusiktraditionen bewegt und der amüsanten Allerweltshandlung von Eifersucht und Liebe nichts übertrieben Komplexes entgegenstellt.

Es überwog Positives in diesem Wittener Jahrgang. Angesichts solch stupend-dichter Kraft wie in Enno Poppes Streichquartett Buch ist das Scheitern jüngerer Komponisten leicht zu verschmerzen. Für die etablierte Bratschistin Tabea Zimmermann sollte die einstige Schülerin Wolfgang Rihms, Birke Bertelsmeier, ein Solostück schreiben. Sie tat es in Form eines dreisätzigen Von Kopf durch Kopf zu Kopf, das arg versandet zwischen kraftlosen Wiederholungen und merkwürdig folkloristisch-virtuosen Attitüden. Ähnlich enervierend ein Ensemblestück des 28-jährigen Komponisten Malte Giesen, der eine Zeit lang bei Gérard Pesson studierte. Völlig disparat reihen sich verschrobene Teile und hässliche Synthesizer-Sounds unverbindlich aneinander. So etwas mag einem Konzept geschuldet sein. Im Kopf aber bleibt wenig haften.


Schwachpunkt Orchester

Bedenklicher als das – zuweilen notwendige – Scheitern des Nachwuchses war der Schlusspunkt des Festivals. Selten agierte ein Orchester so schal, so demonstrativ lustlos wie das WDR Sinfonieorchester Köln, das unter der Leitung von Emilio Pomàrico spielt. Die Pastorale von Gérard Pesson dürstet nach französischem Esprit und Akkuratesse. Was es gibt, ist nicht mal gute deutsche Arbeit, sondern hölzernes Klappern, wohlgemerkt nicht nur bei heiklen Pizzikati. All das erklingt im faden, durchgehenden Mezzoforte, das sich sowohl der Trägheit wie der offensichtlichen Überforderung der Musiker verdankt. Spätestens als der grosse Dämpfer des Tubisten aus Versehen, aber lautstark über die Bühne rollt, steht die Frage mangelnder Professionalität im Raum. Dieses Orchesterkonzert werde einen bitteren Nachklang haben, hörte man sagen. Muss es sein? Ja, es muss.
 


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