«Kopfüber» ein Stück mit Kindern von tanz&kunst Königsfelden 
Auf der Insel aus Schokobäumen

Auf der Insel aus Schokobäumen

Verena Naegele, 09.06.2018

«Kopfüber», das am 1. Juni Premiere feierte, war bereits die dritte Produktion für Kinder von tanz&kunst Königsfelden. Das Konzept der alle zwei Jahre stattfindenden Aufführungen ist vergleichbar, das Resultat immer wieder zum Staunen und Freuen.

Sie sind aufwendig, die Projekte von Brigitta Luisa Merki, der künstlerischen Leiterin von tanz&kunst Königsfelden, denn sie fördern und fordern alle Sinne der Beteiligten auf der Bühne und des Publikums in der Klosterkirche Königsfelden Windisch. Für die diesjährige 70-minütige Aufführung brauchte es ein Bühnenbild, eine Choreografie, Lichtdesign, Musik und Texte: Alles wurde von Schülerinnen und Schülern unter kundiger Betreuung von professionellen Künstlerinnen und Künstlern erarbeitet und bis zur Aufführungsreife geprobt.

Diesmal kamen drei 5. Klassen der Primarschule Angelrain Lenzburg in den Genuss. Vor zwei Jahren waren auch Schulabgänger mit dabei gewesen, Kinder und junge Erwachsene begegneten sich. Diesmal waren ausschliesslich Elf- bis Zwölfjährige am Werk, die mit Lust und Eifer, noch ohne pubertäre Hemmschwellen, locker und doch hochkonzentriert agierten. Ob all der choreografischen Dichte wurde einem erst bei dem aus 72 Kinderkehlen gesungenen Lied Thereʼs a Place I found bewusst, wie jung diese noch sind.

Im Dezember 2017 war der Startschuss zum Projekt, das in den regulären Schulalltag integriert wurde. An den Aufführungen erlebte man dann ein wahres Märchenland: Videoprojektionen, basierend auf mit den Kindern erarbeiteten Zeichnungen und Collagen, evozierten eine zauberische Welt. Die live gespielte Musik ging individuell und mit Lust auf den zeitgenössischen Tanz und den Hip-Hop ein, der von verschiedenen Gruppen im Wechsel oder gar in kleinen Soloauftritten mit erstaunlicher Sicherheit vorgeführt wurde.

Bedenkenswert ist eines der Ziele, die Merki mit ihren Projekten verfolgt: «Mich interessiert, dass die Kinder mit Künstlern zu tun haben, Menschen, die ein anderes Leben führen, anders funktionieren.» Es geht also nicht «nur» um die Förderung der kindlichen Kreativität, sondern um das Verständnis für andere Lebensweisen, die sich schöpferischen Prozessen verschrieben haben.
 

Träumerisch-tänzerische Bilder

Die Kinder näherten sich tanzenderweise, rezitierend oder singend und spielend den «Kopfüberlandschaften». Zu Beginn blähte sich ein weisses federleichtes Tuch am Boden, unter dem sich vier Mädchen versteckten, um dann durch Öffnungen wie Nymphen zu erscheinen. Es herrschte spürbare Eiszeit, die Spielfläche ganz in Blau getaucht, die sphärische Musik des Komponisten Christoph Huber (Sax, Klavier, Effekte), der Sängerin und Cellistin Corinne Huber sowie des Perkussionisten Julian Häusermann unterstrich das Szenario. Für die Kinder hiess dies zuerst mal Bewegungen in Zeitlupe.

Videointermezzi (Visuelle Kunst: Eliane Zgraggen, Karl Egli, Doris Haller, Regina Bänziger) und Hip-Hop-Interventionen (Einstudierung: Patrick Grigo) brachten das Eis dann schnell zum Schmelzen. «Kopfüberland» war erreicht, wo Tanzszenen, Turnakrobatik (Zeitgenössischer Tanz: Teresa Rotemberg, Lucia Baumgartner) oder – besonders berührend – eine musikalische Sequenz das Publikum erfreuten. Kinder sassen auf Hockern und erzeugten mit Ukulelen einen Soundteppich für den groovenden Christoph Huber am Sax. Die Aufführung wirkte leicht und luftig, am Kirchenhimmel hingen von den Kindern bemalte Bäume.

«Das Kopfüberland ist eine Insel aus Schokobäumen, die Menschen essen Wolkenwatte und Sonnenstrahlen, und sie trinken den Mondschein.» So poetisch definierte eines der Kinder den verwunschenen Ort in der Klosterkirche. Für ein anderes ist die Kopfüberwelt «eine Chill-Insel, die Einwohner sind chillig, ihre Sprache ist chillig, es wird auf Wolken gechillt». Diese witzigen Texte hat der Schriftsteller Andreas Neeser in einer Werkstatt im Literaturhaus Lenzburg mit den Kindern erarbeitet.

Merki legte die Aufführung im Sinne eines Steigerungslaufs an, sodass erst zum Schluss alle gemeinsam auf der Bühne standen. Über den Prozess des Erarbeitens merkt sie an: «Ich betreue und beobachte die Jugendlichen in allen Workshops und erarbeite während dieser Zeit das dramaturgische Konzept. Ich kreiere tänzerische Bilder, in denen die einstudierten Tanzvariationen sowie die gestalterischen Elemente der Jugendlichen einbezogen werden. Gleichzeitig entsteht während dieser Zeit die musikalische Komposition.»

Kopfüber funktioniert als Teamwork, bei dem alle ihre Wertschätzung und Funktion erhalten. Gerade bei Fünftklässlern, wo das intellektuelle und kreative Niveau noch sehr heterogen ist, ist das gleichermassen eine Herausforderung wie es allen die Freude über das Erreichte bringt. Aufeinander hören und schauen ist dabei Pflicht für die Kids, die dies gut umsetzten. Und auch als Publikum fühlte man sich wie in einem Sommernachtstraum, wo manches kopfüber geriet!
 


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