Heidelberger Frühling vom 16. März bis 14. April 
Ein Versuchslabor

Ein Versuchslabor

Georg Rudiger, 23.04.2019

Erstmals aufgeführt wurden David Philip Heftis «Media nox» und das multimediale Musiktheater «Castor&&Pollux».

«Wie wollen wir leben?», heisst das diesjährige Motto des Heidelberger Frühlings (16. März bis 14. April). Es ist der letzte Teil der Aufklärungstrilogie, die in den Jahren zuvor das «Fremde» und die «Eigen-Arten» behandelt hatte. Das Festival beinhaltet neben Orchesterkonzerten, Kammermusik und Liederabenden auch eigene Meisterkurse wie die von Igor Levit geleitete Kammermusikakademie oder die Liedakademie von Thomas Hampson, deren künstlerische Ergebnisse im Festivalprogramm zu hören sind. Den Blick nach vorne gerichtet hat Intendant Thorsten Schmidt vor allem im sogenannten LAB, das Vertreter verschiedener Künste vereint und mit neuen Konzert- und Musiktheaterformen experimentiert. Mit der Uraufführung von Castor&&Pollux präsentierte man nun in der gediegenen, holzgetäfelten alten Aula der Universität Heidelberg ein «Multimediales Musiktheater für Ensemble, Videokunst und 4DSound», wie sich der rund 70-minütige Abend nennt. Das klingt zumindest schon mal sehr nach Innovation und neuen Hörerlebnissen. Ein Gitterboden wurde in der alten Aula eingezogen. Einige Damen müssen deshalb am Eingang ihre Absatzschuhe gegen Finken tauschen, um nicht im begehbaren Soundsystem stecken zu bleiben. In der Saalmitte steht eine achtsäulige Lautsprecherkonstruktion. Mehrere Monitore und eine grosse Leinwand am Kopf des Saals, wo auch das Barockensemble The Rossetti Players unter der Leitung von Barbara Konrad postiert ist, komplettieren das Setting. Die acht Mitglieder des Vokalensembles haben sich unters Publikum gemischt, das zum Teil auf Holzbalken sitzt.

Gesichtslose Mythenadaption

Der Abend ist dem ewigen Wunsch nach Unsterblichkeit auf der Spur und sucht den Brückenschlag zwischen dem antiken Mythos von Castor und Pollux und künstlicher Intelligenz, zwischen den barocken Klängen aus Jean-Philippe Rameaus gleichnamiger Oper und der Live-Elektronik von Lukas Rehm, der auch die Videos für den Abend gedreht hat. Leider hält die Produktion (Lisa Charlotte Friederich: Libretto und Regie; Jim Igor Kallenberg: Dramaturgie) nicht, was sie verspricht. Sie verheddert sich in den vielen Bezügen, die sie zu spinnen versucht. Vor allem schafft sie zu wenig musiktheatralische Präsenz. Schon der Beginn ist verschenkt, wenn Natalie Pérez die gesamte Geschichte des menschlich-göttlichen Zwillingspaars Castor und Pollux nüchtern erzählt. Was hätte man aus einzelnen Szenen an musikalischer Dramatik entwickeln können, etwa wenn Castor tödlich verletzt wird und in die Unterwelt muss, wenn Pollux von Sehnsucht zerrissen wird und dem Bruder für einen Tag in den Hades folgt. Rameaus Ouvertüre erklingt erst danach – zunächst federnd-majestätisch gespielt vom neunköpfigen Barockensemble, dann, digital bearbeitet, über die Lautsprecher geschickt. Die Maschine ersetzt den Menschen. Dazu flimmern Videos über die Monitore vom Bergmassiv Castor und Pollux in den Walliser Alpen, später auch Statements von Wissenschaftlern oder rein digitale Landschaften. Die acht Sängerinnen und Sänger wandeln durch den Raum, stellen sich als Castor oder Pollux vor und erzählen vom Heidelberger Human Brain Project, für das in einem vierstöckigen Gebäude ein menschliches Gehirn als Riesencomputer nachgebaut wird. Die gesungenen Arien, Duette und Chöre von Rameau können einzelne berührende Momente schaffen, hängen aber zusammenhanglos im Raum. Dazwischen prägt auch immer wieder die elektronische Musik von Lukas Rehm das Geschehen mit wabernden Klangflächen, vielfarbigem Rauschen und durchaus faszinierenden Soundkreationen in exzellenter Klangqualität. Ein zwingender Kontakt zwischen den verschiedenen Elementen des Abends entsteht aber nicht. Castor&&Pollux gleicht einer Collage – montiert aus Versatzstücken, die zu wenig miteinander zu tun haben. So bleiben auch die Figuren bei diesem Laborversuch bis zum Schlusschor Que les cieux, que la terre gesichtslos und austauschbar.

Schattenreiche Nachtmusik

David Philip Heftis Media nox für Flöte und Kammerorchester dagegen hat einen ganz speziellen Ton. Das Auftragswerk des Heidelberger Frühlings ist das dritte Werk des Schweizer Komponisten innerhalb seines vierteiligen Zyklus Nachtwache. Es entfaltet von Beginn an eine besondere Atmosphäre zwischen Ruhe und Unruhe, verschwommenen und klaren Konturen, tonalen Zentren und vierteltönigen Mehrdeutigkeiten. Für den Flötenpart, den Tatjana Ruhland, Soloflötistin beim SWR Symphonieorchester, mit grösster Differenzierungskunst modelliert, verlangt Hefti moderne Spieltechniken wie Multiphonics, perkussive Slap Toungs und Glissandi, die immer wieder den Boden unter den Füssen wegziehen. Hefti spielt mit Klangfarben, wenn der gleiche Ton von den verschiedenen Registern immer wieder neu gemischt wird. Auch die Deutsche Radio-Philharmonie Saarbrücken-Kaiserslautern lässt sich unter der sensiblen Leitung von Jamie Phillips ein auf diese fragile, mit vielen Schattierungen angereicherte Musik, die auch mal für einen Moment aus dem Dämmerzustand ins gleissende Licht herausfährt und alptraumhafte Grimassen zieht.


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