44. Internationales Jazzfestival Bern 
Im Mittelpunkt steht das Gepflegte

Im Mittelpunkt steht das Gepflegte

Michael Gasser, 10.04.2019

Das Internationale Jazzfestival Bern hat sich seit seinen Anfangstagen nicht nur dem Jazz, sondern auch dem Blues, Soul und Latin verschrieben. Ein Zwischenbericht zur 44. Festival-Ausgabe.

Gegründet wurde das Internationale Jazzfestival Bern 1976 vom Hotelunternehmer Hans Zurbrügg. Inzwischen leitet es sein Sohn Benny Zurbrügg. Die 44. Ausgabe ist seit Mitte März in vollem Gange und bietet einmal mehr keine Experimente, sondern gepflegte Sounds. «Grundsätzlich halten wir daran fest, ein echtes Jazzfestival zu bleiben und nicht stilistisch alles reinzupacken, was Verkaufspotenzial hat», erklärt Benny Zurbrügg. Was sich seit den Anfangstagen geändert habe, sei der Hauptaustragungsort, der 2003 vom Kursaal Bern in den deutlich intimeren Marians Jazzroom im Untergeschoss des Hotels Innere Enge verlegt worden sei. Dies unter dem Motto «back to the roots», schliesslich seien sowohl der Jazz als auch der Blues in Clubs entstanden. «Seither spielt jede Band bei uns ein bis zwei Konzerte pro Abend, was dem Publikum die Chance gibt, ihre Lieblingsband mehrmals erleben zu können.»

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Bettye LaVette

Bettye LaVette: lebenserfahren und spannungsreich

Das Konzept scheint aufzugehen, wie das diesjährige Beispiel von Bettye LaVette illustriert: Vier ihrer fünf Konzerte waren schon im Vorfeld ausverkauft. Und das nicht von ungefähr, wie ihr dritter Auftritt nahelegt: Begleitet von ihrer vierköpfigen Band führt die 73-jährige R’n’B- und Soulsängerin durch ihre seit 1962 erlebten Karrierehighlights. Dabei zeigt sie sich mal selbstironisch («In meinem Alter sollte man sich nicht mehr vornehmen, zwölf neue Dylan-Songs lernen zu wollen»), mal stolz: So erwähnt sie gleich mehrfach, dass sie bereits fünfmal für den wohl begehrtesten aller Musikpreise, den Grammy, nominiert worden sei. Die Stimme von Bettye LaVette, bürgerlich: Betty Jo Haskins, zeigt zwar ein paar Altersspuren, vermag aber immer noch durch Leidenschaft, Temperament und viel Selbstvertrauen zu bezirzen. Während die US-Amerikanerin die Dylan-Komposition Things Have Changed mit Verve, Blues und ihrer gesammelten Lebenserfahrung anreichert, bietet sie mit My Man – He’s A Lovin’ Man ein Stück, das sie bereits als 16-Jährige aufführte – ebenso knackigen wie unverblümten R’n’B. Der rund 80-minütige Auftritt, in dessen Rahmen LaVette auch beim Swamp-Rock (He Made A Woman Out Of Me) sowie beim Gospel (Close As I’ll Get To Heaven) vorbeischaut, ist dicht und derart spannungsreich, dass sich das Publikum zum Konzertschluss zu einer Standing Ovation animiert fühlt.

Jerron «Blind Boy» Paxton: authentisch und eindringlich

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Jerron Paxton

Eine Stunde später beginnt sich dann Jerron «Blind Boy» Paxton auf der Bühne von Marians Jazzroom einzurichten. Der 30-Jährige trägt Jeans-Latzhosen und erinnert ein wenig an einen Farmer von anno dazumal. Wozu auch seine Musik passt, die sich vorwiegend am akustischen Folk-Blues der frühen 1920-Jahre orientiert. Die rund 50 Zuschauerinnen und Zuschauer bekommen zu hören, wie Paxton – der sein Augenlicht als Teenager fast vollständig einbüsste – dem Sound seiner aus Louisiana stammenden Vorfahren nachspürt und dabei auf grösstmögliche Authentizität bedacht ist. Besonders eindrücklich gelingt Ole Dog Blue, in welchem der Künstler über die Hungerjahre nach dem amerikanischen Sezessionskrieg berichtet, während derer eine Million Schwarzer umkamen. Das organische Zusammenwirken von Banjoklängen und Paxtons eindringlichem Gesang sorgt dabei für einen Höhepunkt. Dass der Event gleichwohl nicht ausverkauft sei, hänge damit zusammen, dass der Musiker leider noch nicht über den Bekanntheitsgrad einer Bettye LaVette verfüge, meint Festivalleiter Benny Zurbrügg. Er zeigt sich jedoch überzeugt, dass die abendlichen Doppelkonzerte wie dafür gemacht seien, die Popularität von Künstlern wie Paxton zu befördern.

Eddie Palmieri: vertrackt und elegant

Nach drei Festivalwochen sei es noch zu früh, ein Fazit zu ziehen, erklärt Zurbrügg. «Aber die bisherigen Konzerte waren sowohl künstlerisch als auch von den Besucherzahlen her ein voller Erfolg.» Für diese Sicht der Dinge spricht auch der Auftritt von Musiklegende Eddie Palmieri. Der 82-Jährige, der sich selbst nie als Jazzer, sondern als Vertreter des Latin Dance sah, benötigt unterdessen etwas Unterstützung, um zu seinem Flügel zu gelangen, aber: Der New Yorker mit puertoricanischen Wurzeln führt sein Afro-Carribean Jazz-Sextet mit unverändert sicherer Hand. Das Rampenlicht und die Soli überlässt er allerdings mehrheitlich dem Trompeter Jonathan Powell und dem Saxofonisten Louis Fouché, die für viel Zug und Druck sorgen. Obschon Palmieri Songs wie den Mambo Picadillo aus der Feder von Tito Puente oder Samba Do Suenho von Cal Tjader inzwischen eher untermalt als antreibt, besticht das Ergebnis durch Leichtfüssigkeit. Zu verdanken ist das nicht zuletzt seiner versierten Rhythmussektion, bestehend aus Vincente Rivero an den Congas, Luques Cortes am Kontrabass und dem Perkussionisten Camilo Molina. Das Trio versteht es, nonstop zwischen Vertracktem und Elegantem zu variieren – was für ein Feuerwerk aus mitreissenden Momenten sorgt.

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Eddie Palmieri und das Afro-Carribean Jazz-Sextet

Das 44. Internationale Jazzfestival Bern dauert noch bis zum 18. Mai.
 

www.jazzfestivalbern.ch
 


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