Festival zur Orgeleinweihung in Basel an zwei Septemberwochenenden 
Orgel im Konzertsaal – ja!

Orgel im Konzertsaal – ja!

Matthias Wamser, 14.10.2020

Die neue Metzler-Orgel im Musiksaal des Basler Stadtcasinos hat den Stresstest ihrer öffentlichen Ingebrauchnahme glänzend bestanden.

An den zweimal drei Tagen des ersten Orgelfestivals im Casino wurde das Instrument im Rahmen unterschiedlicher Veranstaltungsformate vorgestellt. Anlässlich der Neubauten im Basler Musiksaal und in der Zürcher Tonhalle wurde viel über die Anforderungen an eine Konzertsaalorgel nachgedacht: Gefragt sind hier dynamische Flexibilität und raumfüllende Gesamtwirkung. Die Notwendigkeit einer differenzierten Palette von Registern der Normallage (Acht-Fuss-Lage) sowie eines lückenlosen Aufbaus vom leisesten Einzelregister bis zur Vereinigung fast aller Register führt zu Anleihen beim englischen, französischen und deutschen Orgelbau des späten 19. Jahrhunderts. Mit einer kühl klingenden neoklassischen Orgel, wie sie zuvor im Casino vorhanden war, bzw. mit einer Reihung heterogener Soloeffekte, wie sie jüngst aus der Tonhalle entfernt wurde, kann der für den Konzertsaal komponierten Literatur und den vielfältigen Begleitaufgaben kaum entsprochen werden.

Solistisch, mit Orchester und vom Nachwuchs gespielt

Die von Orgelbau Metzler unter Mitwirkung der Basler Firma Klahre erbaute Orgel wurde am 4. September mit einer stringenten Programmfolge erstmals vorgestellt: Auf die noch eher konventionellen Klangmischungen im Programm von Iveta Apkalna (Hamburg) – Werke von Widor, Bach und Kalniņš (letzteres pathetische Hochromantik aus der lettischen Heimat der Organistin) – folgten eine Auswahl ungewohnter Effekte in subtilen Improvisationen von Vincent Dubois (Paris) und der satte, opulente Wohlklang einer englischen Saalorgel in den Beiträgen von Thomas Trotter (London, Birmingham). Zu den innovativen Besonderheiten des Basler Instruments gehört das sogenannte winddynamische Werk, das einen flexiblen Zugriff auf Ansprache, Intensität und Klang einiger Register erlaubt.

Der 5. September wurde als Orgeltag mit Beiträgen von Basler Organistinnen und Organisten gestaltet. Zu hören waren überaus zahlreiche Bearbeitungen (vor allem von Orchesterwerken des 18. und 19. Jahrhunderts), daneben auch Improvisationen und neue Musik. Wie bei vielen kirchenmusikalischen Veranstaltungen neuerer Zeit wurde versucht, das traditionelle kirchliche Sonntagsgesicht der Orgel weitestgehend auszublenden – dies führte dazu, dass das neue Instrument ausgerechnet im Beitrag mit Musik jüdischer Komponisten am meisten nach «Kirche» klang.

Der dritte Festivaltag brachte zunächst den abwechslungsreichen Familiennachmittag: Auf ein Orgelmärchen folgten die Präsentation für Kinder, bei der mutige Teilnehmende selbst in die Tasten greifen durften, und das Preisträgerkonzert des Wettbewerbs «Orgelkompositionen für Kinder», der vom Verein «Kinder an die Orgel» und der Musik-Akademie Basel ausgerichtet worden war. Die abwechslungsreiche Folge neuer Stücke wurde von Nachwuchskräften im Alter von 8 bis 15 Jahren souverän vorgestellt.
Das Konzert des Basler Sinfonieorchesters am Abend begann ohne Orchester: Martin Sander (Basel, Detmold) spielte eine Bearbeitung der Ouvertüre zum Fliegenden Holländer; seine virtuose Tat vor den noch leeren Stühlen des Podiums erregte Bewunderung, führte aber auch zur ironischen Betrachtung, hier sei eine wahrhaft «Corona-taugliche» Version des Orchesterwerks gefunden worden. Es folgten als Uraufführung das süffige Concerto da Requiem von Guillaume Connesson, in dem die Klänge der Orgel raffiniert mit jenen des Orchesters verwoben werden, schliesslich die populäre Orgelsinfonie von Camille Saint-Saëns. Das engagiert und differenziert agierende Orchester wurde von Ivor Bolton geleitet. In einem Grusswort versicherte Orchesterdirektor Franziskus Theurillat, dass die künftige Nutzung der Orgel auch ein Anliegen des Orchesters sei. Dies liess aufhorchen angesichts der Situation in manchen anderen Städten, wo wertvolle Konzertsaalorgeln zwar vorhanden, aber nur selten zu hören sind. In die Konzerte des ersten und dritten Festivaltags waren Ehrungen integriert: Ein Preis der Europäischen Kulturstiftung Pro Europa ging an Jacqueline Albrecht (für ihren grossartigen Einsatz bei der Sammlung der für den Orgelbau nötigen Summe) sowie an die Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron. Allerdings führte die Reihung von Einführung, Laudatio, Preisübergabe und Ansprache der Frischgeehrten zu unerwarteten Längen.
 

Vielfarbige Klänge, mit Bedacht zu ziehende Register

Nach zwölf Tagen Wartezeit wurde das Festival mit drei weiteren musikalischen Ereignissen fortgesetzt: Am 18. September liess sich das Kammerorchester Basel unter der Leitung von Pierre Bleuse klangfreudig und liebevoll mit Musik aus Frankreich hören. Für das Orgelkonzert von Francis Poulenc hatte der Solist Olivier Latry eine von aller Routine freie, überlegene Klangregie gefunden, die unnötige Schärfen vermied und die farbenreiche Orgel von ihren besten Seiten zeigte. Der Konzertabend Orgel trifft Tango, Jazz und Balkanmusik führte drei Ensembles, die unter Nutzung der Orgel in den genannten Stilen zu Hause sind, und drei Tanzformationen zusammen. Die Performances lösten grosse Begeisterung aus und bestätigten nebenbei die Vielseitigkeit der Orgel. Das Abschlusskonzert sollte über 200 Sängerinnen und Sänger aus sieben Chören vereinen. Aus den allseits bekannten Gründen musste das Singen in dieser grossen Formation auf das Jahr 2021 verschoben werden. Der Abend wurde nun von den Basler Madrigalisten unter Leitung von Raphael Immoos gemeinsam mit den Organistinnen Babette Mondry und Iveta Apkalna gestaltet. Auch auf diese Weise war ein kontrastreiches Programm möglich – von Louis Viernes Carillon de Westminster und dem affirmativen Hymnus für Orgel solo von Peteris Vasks bis zur witzigen Cantata Rejoice in the Lamb von Benjamin Britten, bei der zur Überraschung des Publikums auch eine Auswahl von Mitgliedern der anderen vorgesehenen Chöre kurz zu hören war.

In Basel steht nun also eine Orgel zur Verfügung, die den spezifischen Anforderungen eines Konzertsaals vielfarbig und inspirierend zu genügen vermag. Allerdings setzt diese Orgel eine überlegte Nutzung voraus. Die unhinterfragte Übernahme von ererbten «Rezepten» für die Auswahl der Register kann zu unvorteilhaften Schärfen führen. Das aus England importierte Tuba-Register auf hohem Winddruck ist ein imponierender klanglicher Spezialeffekt für Krönungen oder Papstbesuche – Anlässe, die im Casino selten sind. Eine Verwendung für allfällige Meisterfeiern des FCB könnte in Betracht gezogen werden. Dass dieses Soloregister jedoch nicht in das Tutti der Orgel hineingemixt werden sollte, dürfte klar geworden sein. Und sogar beim Gebrauch der neobarock-strahlenden Mixtur des Hauptwerks der Orgel empfiehlt sich grosse Vorsicht – wie bei tausend anderen Orgeln des Landes auch.
 


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