Die zweite Sinfonie von Frédéric Bolli 
Hommage an Prag

Hommage an Prag

Hans-Jürgen Becker , 20.09.2022

Bei der Eröffnung des Konstanzer Musikfestivals am 21. Juli 2022 wurde die zweite Sinfonie von Frédéric Bolli uraufgeführt. Ihr liegen fünf Gedichte des Komponisten zugrunde.

Prag ist seit jeher ein Ort der Künste und vor allem der Musik gewesen. In der Barockzeit fand hier Jan Dismas Zelenka seine Ausbildung, für Prag komponierte Mozart eine seiner späten Sinfonien, sein Don Giovanni wurde dort uraufgeführt, und in der Spätromantik strahlte die Musik von Komponisten wie Antonín Dvořák und Bedřich Smetana aus Prag in die Welt. Damit hat des Schweizer Komponisten Frédéric Bolli zweite Sinfonie, mit dem Beinamen Prager Frühlingssinfonie, streng genommen wenig zu tun. Es gibt darin zwar teils barocke Kompositionstechniken wie den Kanon, der natürlich nicht im Sinne eines ausgeprägten Neo-Barock-Stils angewandt wird. Vielmehr bezieht sich Bollis Komposition auf ganz private Erinnerungen während eines Aufenthalts in Prag mit seiner Schulklasse, als er Lehrer an der Kantonsschule in Frauenfeld war.

Im Rahmen des Eröffnungskonzerts des Konstanzer Musikfestivals, 21. bis 29. Juli 2022, fand die Uraufführung statt. Bollis Frühlingssinfonie folgte auf Sergei Prokofjews gewichtiges Klavierkonzert Nr. 1 Des-Dur op. 10 und Erich Wolfgang Korngolds anspruchsvolles Violinkonzert D-Dur op. 35. Ausübende waren die Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz unter dem Dirigat von Benjamin Lack. Ort des Konzerts war die ehemalige Kirche des einstigen Dominikanerklosters auf der Insel im Bodensee, im Festsaal des Inselhotels. Ohne Frage ein schöner Ort für ein Konzert. Und nicht allzu oft dürfte man Gelegenheit haben, mit dem Komponisten nach der Aufführung am See zu sitzen, etwas Kühles zu trinken und über das Werk zu plaudern. «Jeden Tag schrieb ich ein kurzes Gedicht in freiem Versmass, jeweils an einem anderen Ort des alten Prag», erzählte mir Bolli. «Diese Verse sind inzwischen gut zwanzig Jahre alt. Insgesamt sind es fünf Gedichte, die jeweils den fünf Sätzen meiner Sinfonie die Satztitel geben und für Sopran solo auskomponiert sind. Insofern hat meine zweite Sinfonie nicht allein instrumentalen Charakter, sondern eine Struktur wie eine fünfteilige Kantate für Solosopran und Orchester. Eine sehr persönliche Hommage an Prag.»

Instrumental wird das Thema des ersten Gedichts Travestita di legno ausgekostet auf rhythmisch vertrackte Weise mit viel Holz-Schlagwerk:
 

Travestita di legno

Holzvermummt
steckte sie fest
in Strassenschluchten,
kluftverrannt in
grauen Verrichtungen,
bis die Stimmen
verklagter Schrecken
sie lösten aus
tatenlosen Beschaulichkeiten.
Dann erst wandte sie
für Sekunden
dem Licht Blicke zu.
 

«Allegretto» ist der Eröffnungssatz der Sinfonie überschrieben. Entsprechend munter und keck entfaltet sich ein instrumentales Vorspiel. Sobald der Sopran einsetzt, in freiem Melos den Wortspielen folgend, wechselt das Sinfonische zur Kantate. Sängerin Ania Vegry trägt ihren Part mit Ausdruck und Humor zugleich vor. Streicherakkorde und farbige Tupfer der Holzbläser in Zwölftonreihen begleiten die gesungene Lyrik. Fagott- und Klarinettensoli beleben das Ganze ebenso wie akzentuierende Pauken. Das zweite Gedicht mit dem Titel Postmoderne steht dem zweiten, langsamen Satz mit der Tempovorschrift «Largo» voran.


Postmoderne

Atavistische Bohnenkrautweisheiten
durchschlummern meine
kühnsten Tagträume.

Landesübliche Schlafmuster
durchkämmen die eisigen
Vorstädte.

Handänderungen
künden von meistgespielten Klassikern,
während sich treuloser Unfug
dickflüssig breitmacht.
 

Insbesondere in diesem Satz erweist sich Bolli als Meister der Klangfarben, vor allem wenn Bassklarinette und Kontrafagott dialogisieren und später Pauken und Englischhorn hinzutreten. Eine klagende Melodik drückt wohl die im Gedicht angesprochenen «landesüblichen Schlafmuster» und «die eisigen Vorstädte» aus, noch bevor die Sopranistin die Worte ausspricht. Ferner tauchen in einem rascheren Abschnitt barocke Formen auf, die dem Satz eine verspielte Note verleihen und sich auf die später gesungenen Worte «Handänderungen künden von meistgepielten Klassikern» beziehen mögen. Tumultuös und im Fortissimo endet dieser Satz.
Zum eigentlichen langsamen Satz der Sinfonie wird der ruhige dritte. Fahl und dissonant wirkt eine schwebende Streicherlinie, eingewoben wird ein helles Flötensolo. All dem fügt der Sopran lamentierend leuchtend das dritte Gedicht College bei.
 

College

Eutermuffiges Zusammenspiel
mürbt an langen Fäden.

Krost es im Hinblick,
so bleibt es doch verträglich.
Entrinnen bahnt sich
unverhofft an,
und tränenvergossen atmet
sich doch leichter
die ölgetränkte Luft.

Nach so viel schwebendem Lamento folgt eine Art Scherzo auf La primavera. Bezeichnenderweise lautet die Tempoangabe dieses kunterbunten Stückes «Tempo di valse». Noch bevor die Sängerin die Verse anstimmt, erblüht in diesem Prager Walzer geradezu ein Galopp in den Frühlingstag und wartet mit funkelndem Bläserpomp und zackigen Rhythmen auf. Fast klingt dieses Scherzo wie eine neo-barocke Komposition.


La primavera

Grüssen kunterbunte,
kugelrunde Fliederbüsche
dauerverwehte
himmelblaue
Sonnenalleen,
legen sich zweifelhafte
Kümmernisse
zur plötzlichen Ruhe,

bleiben
Seitenhiebe formbetont
in gelben Schlingen
farbverfangen und
unausgesprochen
in kaum verhehlten,
althergebrachten Rücksichten

stecken.

Endlich, im Finale frei nach dem Gedicht Jazz-Knödel, wird die Hommage an Böhmen und Prag etwas ironisch auf die Spitze getrieben. Denn Knödel sind eine gewichtige Beilage der böhmisch deftigen Küche. Mit swingenden Tonfolgen samt Pizzicato zu rhythmisch polterndem Schlagwerk hebt der Satz an. Dazu treten Solo-Oboe, Solo-Flöte und Solo-Fagott. Harmonisch expressiv werden gewisse Passagen des Gedichts, wie «Slowfox tanzende Lamento-Orgien» von breiten Streicherakkorden untermalt.
 

Jazz-Knödel

Nicht darüber hinwegtäuschen
können schwindende
swingende Klänge, dass
dem üppig-öden Treiben,
letzten Minuten des
zur Neige gehenden Beladens
von Filzmüllhalden
demnächst Slowfox tanzende

Lamento-Orgien folgen werden,
derweil Schienengeratter
und klaustrophobes Wälzen
unweigerlich den Kunstbombast
zu zerpoltern gedenken.

Schliesslich klingt die Sinfonie abrupt im Fortissimo aus, den «Kunstbombast zu zerpoltern». Einige Zuhörer meinten, die Prager Frühlingssinfonie habe das Zeug zu einem echten Repertoirestück.

 

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Frédéric Bolli

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