«Frau & Klavier»: EPTA-Frühlingskongress am 8. Mai 2021  
Kampf, Klischees und Kompromisslosigkeit

Kampf, Klischees und Kompromisslosigkeit

Tomas Dratva, Präsident EPTA Schweiz , 26.08.2021

Um «Frau & Klavier» drehte sich der Frühlingskongress 2021 der EPTA Schweiz (European Piano Teachers’ Association). Er wurde zu einer beeindruckenden Demonstration der Vielschichtigkeit dieses Themas.

Es ging einerseits um faszinierende Pionierleistungen und spannende Lebensgeschichten von Musikerinnen, andererseits aber auch um Aspekte von Unterdrückung, Anfechtung, Gleichberechtigung und Chancengleichheit von Frauen in der Musik. Allen Referentinnen ging es um Würde, Dialog und Respekt im künstlerischen und professionellen Zusammenwirken von Musikschaffenden aller Geschlechter.

Pionierinnen

Die Keynote zum Auftakt des Kongresses hielt Eva Weissweiler mit ihrem «Rückblick einer Pionierin». Zahlreiche musikwissenschaftliche Publikationen und Buchveröffentlichungen zu Komponistinnen, die Gründung des Arbeitskreises «Frau und Musik» und die Organisation vieler Festivals und Konzertreihen stehen im Mittelpunkt von Eva Weissweilers Lebenslauf. Er dürfte beispielhaft sein für das künstlerisch-politische Wirken der Frauen ihrer Generation, und zeigt den unermüdlichen, international vernetzten Einsatz für die Selbstverständlichkeit, dass Frauen aktiv in der zeitgenössischen und klassischen Musikszene mitwirken. Auf kompromisslose Weise schilderte sie die schwierigen Zustände für Musikerinnen, Komponistinnen und Musikwissenschaftlerinnen in der deutschen und europäischen Öffentlichkeit der frühen Siebzigerjahre: «... dass ich zeitweilig in den Ruf einer Hexe geriet und von meinem Doktorvater auf der Strasse nicht mehr gegrüsst wurde, weil er sich schämte, solch eine Natter am nicht vorhandenen Busen genährt zu haben.» Die heutigen Verhältnisse sind mit den Frauenanfeindungen der Männergeneration von damals nicht mehr vergleichbar und doch belegte Weissweiler mit eindrücklichen Statistiken, dass auf allen Ebenen noch sehr viel zu tun bleibt: «Ich kann daher nur mit dem dringenden Appell schliessen: Lasst uns nicht nur forschen, sondern auch fordern! Machen wir unser Thema zu einem politischen! Ich wage zwar nicht, daran zu glauben, aber es wäre ein Traum, wenn eines Tages nur ein Drittel aller schweizerischen und deutschen Musikerinnen für nur eine Woche nicht mehr spielen, singen, unterrichten oder dirigieren würden. Denn dann würde der Rest der Menschheit endlich merken: Ohne uns wird es still, verdammt still!»

Im darauffolgenden Referat porträtierte die Pianistin Kathrin Schmidlin zwei bedeutende Komponistinnen des frühen 20. Jahrhunderts: Lili Boulanger (1893–1918) und Vítězslava Kaprálová (1915–1940). Beiden Komponistinnen gelang es unter schwierigen Lebensumständen, ihre eigene, unverwechselbare Musiksprache zu finden: Boulanger – vom französischen Umfeld geprägt – mit einer tiefen, poetischen Intensität der Klangfarben, Kaprálová – eine Schülerin von Martinů – mit expressiver Prägnanz im Rhythmus. Schmidlin schöpfte in ihrem abwechslungsreichen Vortrag aus dem Vollen, nicht zuletzt mit Beispielen aus ihrer frisch publizierten, viel beachteten CD-Publikation Frauenstimmen (mit Anna Fortova, Violoncello, erschienen beim Label Claves), und weckte beim Publikum die Lust auf eine weiterführende Auseinandersetzung mit beiden Komponistinnen und deren Umfeld.

Sabine Kemna, aus Kassel zugeschaltet, stellte nach der Mittagspause die Geschichte und Philosophie des Furore-Verlags vor: Seit der Gründung im Jahre 1986 publiziert er Werke von Komponistinnen, inzwischen wurde die beeindruckende Zahl von über 2000 Kompositionen herausgegeben. Eine wahre Pionierleistung, welche der Gründerin Renate Mathei 2012 die Verleihung des deutschen Bundesverdienstkreuzes einbrachte.
 

Pianistinnen

Der knackige Kurzfilm Frau & Piano des Österreichers Sebastian Leitner (SLfilm) gab Anlass zu einer regen und kontroversen Diskussion über Frauenbilder in der Musik. Wie weit sind Klischees zulässig oder sinnvoll? Welche Bedeutung haben Kleidung und Styling für Frauen (und Männer) auf der Bühne? Welche Erwartungen hegt welches Publikum? Wie umgehen mit sexistischen Reaktionen?

Die Diskussion führte nahtlos über zur zweiten Keynote «Hammer, High Heels und Kalkül» von Esther Flückiger. Die Pianistin und Komponistin, welche in der Schweiz auch zu den führenden Kunstschaffenden der elektronischen Musik zählt, nahm das Publikum anhand von zahlreichen Videos mit auf einen 200 Jahre überblickenden Streifzug durch die Geschichte, Hintergründe und Herausforderungen von Pianistinnen auf den Konzertbühnen der Welt. Beginnend mit Fragen der Biedermeier-Schicklichkeit folgte Flückiger «dem Weg zur Freiheit» bis zu den heutigen, mutig und kompromisslos auftretenden weiblichen Klassik-Klavierstars. Besonders neu für viele im Publikum dürften die Porträts von Jazz-Pionierinnen wie Dorothy Donegan, Carla Bley, Aki Takase oder Myra Melford gewesen sein. Ausgehend von ihrem Schaffen als Komponistin und Interpretin und als Mitbegründerin von zwei Frauenorganisationen (Frauenmusikforum Schweiz, 1984, heute ForumMusikDiversität und Suonodonne Italia, 1994, Rom) bot Flückiger Einblick in ihren reichen Erfahrungsschatz in Sachen «Frau sein» und «Mann sein» am Klavier – politisch, künstlerisch und publizistisch. Der Vortrag war eine leidenschaftliche Hommage ans Klavierspiel.

Die EPTA-Konferenz, welche ursprünglich in den Räumlichkeiten der Musikschule Baar geplant war, musste kurzfristig online durchgeführt. Das ermöglichte, Gäste aus allen Winkeln der Schweiz und auch aus den Nachbarländern willkommen zu heissen. Besonders erfreulich und ergiebig waren daher die Diskussionen im Anschluss an alle Beiträge. Der Kongresstag wurde mit schönen Video-Beiträgen von zwei jungen Musikschülerinnen (Sophie Hohl, Musikschule Brugg; Pauline Schielke, Musikschule Baar) am Klavier umrahmt. Zum Abschluss fand das traditionelle, thematisch freie «Podium der Mitglieder» statt. Die Pianistin Annamaria Savona widmete es einem pädagogischen Thema: Sie gab Einblicke ins Forschungsprogramm «Song leading» des Schweizerischen Nationalfonds, in welchem der Einsatz des Klaviers im Schulunterricht wissenschaftlich untersucht wird. Mit Video-Sequenzen aus Unterrichtssituationen demonstrierte sie die praktischen und pädagogischen Herausforderungen bei der Verwendung von Instrumenten und digitalen Medien für die Einstudierung von neuen Liedern mit Kindern und Jugendlichen.
 

Zahlreiche Links und Dokumente zur Konferenz können eingesehen werden unter www.epta.ch

Die diesjährige EPTA-Herbstkonferenz findet am Samstag, 13. November 2021, in Vevey statt. Thema: «Le piano et la musique contemporaine» mit Referaten und Konzerten von Jean-Jacques Schmid, Ludovic Van Hellemont, Jean-Claude Charrez, Raphaël Sudan, Antonin Scherrer, Anne Gillot und Victoria Harmandjeva.
 


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