Instrumente, Tabulaturen und Hochschulpädagogik im Mittelpunkt der Konferenzen 
Basler Lautentage

Basler Lautentage

Berichte von Ya’qub El-Khaled, Nicole Merkel und Sigrid Wirth, 11.11.2022

Auf dem Campus der Musik-Akademie fanden vom 14. bis 18. September 2022 die «Basel Lute Days» statt, eine Kollaboration zwischen der Deutschen Lautengesellschaft und der Schola Cantorum Basiliensis. Ein internationales Fachpublikum verfolgte Konferenzen der International Musicological Society Study Group «Tablature in Western Music», die 2nd International Conference on Lute Study in Higher Education sowie das Internationale Lautenfestival der Deutschen Lautengesellschaft.

Am 14. September eröffnete John Griffiths ein Treffen der International Musicological Society Study Group «Tablature in Western Music» bei den Basel Lute Days. Den Start machte anschliessend Irina Döring mit der Besprechung von nicht eindeutig interpretierbaren Schreibweisen in den frühesten erhaltenen Lautentabulaturen. Besonders die Frage, wie bestimmte Zusammenklänge auszuführen seien – arpeggiert, gleichzeitig angeschlagen, mit Fingern oder mit Plektrum gezupft – wurde von ihr diskutiert. Maria Christina Clearys Vortrag griff eine ähnliche Thematik auf, allerdings mit Bezug auf spanische Harfentabulaturen des 16. Jahrhunderts, in denen Cleary zufolge auch intuitive Spielgesten zu finden seien. Im Anschluss machte Grzegorz Joachimiak auf die Problematik aufmerksam, dass manche Lautenwerke nur noch in Transkriptionen des 20. Jahrhunderts erhalten sind, während die Originalquellen kriegsbedingt verloren gingen. Exemplarisch führte er einen Fall vor und erörterte die Entstehungsumstände der Transkription. Anschliessend präsentierte Hector Sequera seine Beobachtungen zu Robert Ballards Lautenbüchern. Sequera stellte die These auf, dass angesichts der tiefgreifenden Veränderungen der Musik Anfang des 17. Jahrhunderts die Tabulaturen geradezu wie Fossilien dastanden und die stilistischen Veränderungen nicht widerspiegelten. Eine angemessene instrumentale Interpretation müsse dies aber berücksichtigen. Ebenfalls einer aufführungspraktischen Frage ging Sara Salloum nach, die sich mit ungewöhnlich platzierten Verzierungen im Margaret Board Lute Book beschäftigte. Sie konnte überzeugend darstellen, dass die Verzierungen mit den Haupttönen des Modus eines Stücks zusammenhängen. David Dolata verglich in seinem Vortrag die beiden Ausgaben von Vincenzo Galileis Lehrdialog Il Fronimo, die 1568 resp. 1584 erschienen waren. Die spätere Ausgabe ist um ca. 30 Seiten erweitert und behandelt Themen wie Stimmungen, Tastini, Lauten mit mehr als sechs Chören und spiegelt Galileis intensive Beschäftigung mit antiker Musiktheorie wider.

Offene Fragen bei Neueditionen

Schliesslich stellte Victor Coelho ein neues Grossprojekt der Lautenwelt vor: die Neuausgabe der Gesammelten Werke Francesco da Milanos. Die erste Gesamtausgabe, welche unter der Herausgeberschaft von Arthur J. Ness bereits 1970 erschienen ist, sei inzwischen naturgemäss nicht mehr auf dem neusten Stand und rechtfertige eine Neuausgabe. Anschaulich berichtete Coelho von den zahlreichen Problemen, die die neuen Herausgeber nun lösen müssten: Welche Stück stammen wirklich von Francesco, welche sind ihm nur zugeschrieben? Wie vertrauenswürdig sind die einzelnen Quellen? Wodurch unterscheiden sich italienische von nicht-italienischen Quellen? Welcher Quelle sollte im Falle einer mehrfachen Überlieferung der Vorzug gegeben werden? Usw. Ganz ähnliche Problem- und Fragestellungen griff Joshua Rifkin in seinem Vortrag auf, allerdings mit Bezug auf Josquin des Prez. Auch bei der Werküberlieferung Josquins gebe es viele Unklarheiten, und Rifkin konstatierte eine Neigung vieler Musikwissenschaftler, auch bei dürftiger Quellenlage Stücke berühmten Komponisten wie Josquin zuzuschreiben. Tatsächlich aber sei das erhaltene Œuvre von Josquin wahrscheinlich viel kleiner als bisher angenommen.
(Ya’qub El-Khaled)
 

Alte Musik und moderne Technik

Gleich zwei Programmpunkte schlugen den Bogen der «alten» Musik hin zur aktuellen Computertechnik: Kateryna Schöning stellte ihr neues, vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes Projekt «E-LAUTE: Electronic Linked, Annotated, and Unified Tablature Edition» vor. Hier geht es um nichts weniger als eine digitale, frei zugänglich Edition der Lautentabulaturen des deutschen Sprachraums zwischen 1450 und 1550, die nicht nur die Scans der Faksimiles, Transkriptionen in allen üblichen Tabulatursystemen, sondern auch aufführungspraktische Informationen, Audio-Aufnahmen und weiterführende Texte beinhalten wird. Daneben gab Schöning auch noch einen Überblick über ihr noch laufendes Projekt «Tablatures and Humanism – Semantics of Maxims and Music in 16th Century Lute Tablatures» (gefördert vom FWF).

Beim Roundtable zum Thema «New Technologies and Practices for Tablature Encoding» beleuchteten Laurent Pugin (Répertoire International des Sources Musicales RISM), David Lewis (University of Oxford), Reinier de Valk und Tim Crawford (Goldsmith University of London) verschiedene Aspekte, Chancen und Möglichkeiten der Digitalisierung im Kontext von Lautentabulaturen.
(Nicole Merkel)
 

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Lehrkräfte für Laute an der SCB/FHNW
v.l. Marc Lewon, Peter Croton, Julian Behr

Lauteninstrumente an der Hochschule

Als zweite Veranstaltung der Basel Lute Days schloss sich am 15. und 16. September die 2nd International Conference on Lute Study in Higher Education an. Bei dieser auf den recht begrenzten Bereich des Hochschulstudiums der Lauteninstrumente ausgerichteten Konferenz konnten keine schnellen administrativen Lösungen der vielfältigen pädagogischen Probleme, keine direkte Beeinflussung hochschulpolitischer Strukturen erwartet werden. Vielmehr ging es den aus aller Welt zusammengekommenen Lautenistinnen, Lautenisten, Lautenpädagoginnen, -pädagogen und -enthusiasten darum, Gedanken und Ideen auszutauschen, Kontakte zu knüpfen und die Vergangenheit der Laute mit ihrer Zukunft zu verbinden.

Die erste Konferenz dieser Art hatte im September 2019 an der Hochschule für Künste Bremen mit grossem Erfolg stattgefunden. Auch dieses Mal war die Riege der Vortragenden international und prominent besetzt und das Publikumsinteresse gross. Und wiederum bildeten die Vorträge eine grosse Bandbreite an Themen der Hochschulbildung junger Lautenisten ab. Nach Begrüssungsworten von Stephan Schmidt, Direktor der Hochschule für Musik der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW), Martin Kirnbauer, Leiter Forschung, Studiengangsleitung Theorie Alter Musik, Schola Cantorum Basiliensis (SCB) und Peter Croton (Dozent für Laute SCB, Präsident der Deutschen Lautengesellschaft und Organisator der Konferenz) gab Kelly Landerkin (SCB) in ihrem Eröffnungsvortrag Teaching Teachers: Early Music Pedagogy in the 21st century einen interessanten Überblick über die Entwicklung von Lehrmethoden der vergangenen Jahrhunderte und ihre Auswirkungen auf die moderne Lehre.
 

Hochschullehre historisch …

Die folgenden Vorträge behandelten teils direkt die Hochschullehre betreffende Themen: Marc Lewon, an der SCB als Professor für mittelalterliche und frühneuzeitliche Lauteninstrumente tätig, warf einen Blick zurück auf die Entwicklung seines Faches unter seinen Vorgängern Thomas Binkley, Ken Zuckerman und Crawford Young sowie auf die frühen Rekonstruktionsversuche mittelalterlicher Plektrumlauten. Seine Fragen «Was tue ich, warum tue ich es, und was wird von mir erwartet?» beantwortete er mit einem Überblick über die relevanten Entwicklungen der musikhistorischen Forschung zu Repertoire und Spieltechnik der vergangenen Jahrzehnte. Besonders interessiert betrachtete das fachkundige Publikum die mitgebrachten Instrumente wie z.B. Citole, Cetre und Giterne.

… in Grossbritannien …

Lynda Sayce, Lautenistin und Professorin für Theorbe an der Universität Birmingham, sprach über die vielfältigen Herausforderungen ihrer Tätigkeit innerhalb der universitären Strukturen auf Bachelor- und Masterniveau in Grossbritannien. Sowohl heterogene Vorkenntnisse als auch die Zugangsmöglichkeiten zu Studium, kostspieligen Instrumenten und Repertoire stellten die Studierenden vor erhebliche Probleme. Spontan wurde im Publikum die von Sayce vorgetragene Idee aufgegriffen, auf internationaler Basis eine Anthologie von Lehrmaterial für Theorbe zusammenzustellen.

… und gesellschaftskritisch

Die britische Lautenistin Elizabeth Kenny, Professorin für Laute an der Londoner Royal Academy of Music, ging in ihrem Vortrag auf die Problematik frühneuzeitlicher Liedtexte bei Aufführungen Alter Musik in der Zeit von Cancel-Culture- und Me-Too-Bewegungen ein. Wie solle ein Ensemble z. B. mit der veränderten Bewertung des Frauenbildes umgehen: kontextualisieren, abändern, vermeiden? Die Vergangenheit sei wie ein fremdes Land, in dem vieles anders gemacht werde, doch gebe es auch Musikstücke, die als Brücke zwischen den Jahrhunderten wirken könnten.

Basso continuo, Improvisation

Julian Behr, Professor für Laute an der SCB, stellte am Beispiel des sog. Carlo-G-Manuskriptes für Chitarrone aus dem frühen 17. Jahrhundert seine Überlegungen zur Basso-continuo-Praxis dar. Die Bassbegleitung ist ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung und der späteren Ensembletätigkeit von Lautenisten. Die ausgeschriebenen Bassstimmen in Versionen für Orgel und Chitarrone fasste Behr als Übergänge zwischen beziffertem Bass und Intavolierungen auf.

Auch der englische Lautenist Nigel North gab seine reichen Erfahrungen weiter: Er vermittelte unter Zuhilfenahme seiner Laute Grundlagen und typische Muster der für Improvisation und Interpretation wichtigen Melodieverzierungen frühneuzeitlicher, besonders englischer Lautenmusik, die selten in Originalquellen überliefert wurden.
 

Studieninhalte und Physiologie

Weitere Vorträge boten ebenfalls konkrete Anleitungen zum Lautenstudium. So referierte Peter Croton, der an der Schola Cantorum Laute und Generalbass unterrichtet, über die Ausbildung für Barocklaute im 21. Jahrhundert, illustriert durch Beispiele aus seinem Lehrbuch. Anspruchsvolle Konzerte setzten viel Wissen um theoretische Zusammenhänge basierend auf historischen Quellen voraus. Der Unterricht für Lauteninstrumente müsse, fand Croton, jedoch auch das Verständnis von rhetorischen Elementen, Phrasierungen, Klangvorstellungen sowie eine anatomisch nicht belastende Haltung beim Spielen und effiziente Übepraktiken vermitteln.

Dem letztgenannten Thema widmete Paul O’Dette seinen lebhaften Vortrag. Die «Kunst des Übens» («The Art of Practicing») bestehe aus gezielten Problemlösungen. Bereichert durch zahlreiche praktische Beispiele und Tipps wusste er das Publikum davon zu überzeugen, dass ein überlegtes und motiviertes Üben nicht nur für Anfänger unverzichtbar und produktiv sei.

Einem ebenfalls grundlegenden Thema widmete der Lautenist und Physiotherapeut Jacob Heringman seinen Vortrag: Er sprach über den grossen Nutzen der von F. M. Alexander entwickelten ergonomisch orientierten Technik auch für Lautenisten. Haltungsschäden und chronische Beschwerden, so wurde auch aus Rückmeldungen aus dem Publikum deutlich, sind nicht selten und erfordern eine frühe Erkennung und Korrektur von Bewegungsabläufen.

 

Quellenstudium

Die Erforschung alter Musikdrucke und -manuskripte und das Studium von Originalquellen, so wurde allseits erneut betont, müssten Studierenden Alter Musik als unverzichtbare Fähigkeiten vermittelt werden. Diese Aspekte beleuchteten die Vorträge von Andrea Damiani, Paul Breier und Catherine Liddell.

Andrea Damiani, Professor für Laute in Rom, referierte über Musikstücke verschiedener Komponisten aus dem Konvolut von Lautenmanuskripten des 17. Jahrhunderts aus dem Castelbarco-Albani-Archiv in Pesaro. Die von Damiani in ihrer musikalischen Struktur vorgestellten und später in einem Konzert auf der Laute erstmals zu Gehör gebrachte Beispiele, Orazio und Malatesta Albani zugeschrieben, beeindruckten in ihrer Komplexität und Schönheit.

Paul Breier (Mailand) unterzog das Lautenbuch des Vincenco Capirola, eines der schönsten, farbig illustrierten und musikalisch ergiebigsten Manuskripte des frühen 16. Jahrhunderts, einer Analyse im Hinblick auf seine Publikationsgeschichte durch Capirolas Schüler Vidal. Sowohl die Selbstdarstellung Vidals und die Frage nach Autorisierung des Manuskripts durch Capirola wurden diskutiert.

Die Lautenistin und Vorsitzende der Lute Society of America Catherine Liddell nahm die mit allegorischen Titeln bezeichneten Musikstücke für Laute in Denis Gaultiers Rhétorique des Dieux aus der Mitte des 17. Jahrhunderts in den Blick, indem sie ihre Gedanken über einen Zusammenhang der Titel und der musikalischen Struktur der Lautenmusik darstellte.
 

Konzerte und Diskussionen

Alle Vortragenden (viele davon Absolventen der SCB) präsentierten sich in drei gut besuchten Konzerten mit einem musikhistorisch und stilistisch breit gefächerten Repertoire auf unterschiedlichen Lauteninstrumenten; einige nahmen Bezug auf ihre Vortragsthemen.

Wichtige Denkanstösse trugen darüber hinaus zwei Round-Table-Diskussionen bei: Die überaus heterogenen Erfahrungen und Möglichkeiten beim Studium der Laute an europäischen Lehrinstituten wurden im Gespräch der acht Studierenden und jungen Absolventen aus sechs Ländern zum Thema «Studying the Lute from the Student’s Perspective» deutlich. Der Wissenserwerb zum Continuospiel wurde als besonders wichtig erachtet. Einige zogen eine spätere pädagogische Tätigkeit in Betracht. Die abschliessende Diskussionsrunde der Lehrenden zu Fortschritten und Perspektiven der Hochschullehre für Laute fasste Anregungen der vergangenen Tage und Gedanken zum modernen Lehrer-Schüler-Verhältnis zusammen. Sowohl Studierende, Lehrende, Interpretierende als auch nicht-professionelle Lautenistinnen und Lautenisten konnten aus dieser sehr gut organisierten Veranstaltung eine Fülle neuer Erkenntnisse und Anregungen zum Nutzen der Lautenwelt mitnehmen.
(Sigrid Wirth)
 

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Referenten an der Konferenz
v.l. Catherine Liddell, Nigel North, Paul O’Dette, John Griffiths, Julian Behr, Andrea Damiani, Jacob Heringman, Elizabeth Kenny, Lydna Sayce, Marc Lewon, Peter Croton

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