Studienwoche Blasmusik an der Hochschule der Künste Bern 
«Ode an den Traktor»

«Ode an den Traktor»

Oliver Waespi und Theo Martin, 11.12.2017

Komponieren ist so spannend wie anspruchsvoll: Von einer ungeformten Idee zur Aufführung einer Komposition vor Publikum führt ein komplexer Weg. Die innere Auseinandersetzung mit eigenen Visionen muss die Komponistin oder der Komponist alleine führen. Wenn es aber darum geht, Musik auch tatsächlich mit Dirigentinnen und Musikern zu realisieren, sind praktische Erfahrungen mit Orchestern entscheidend. Dabei stellen sich viele Fragen: Welche Möglichkeiten der Notation gibt es, welches sind ihre Vor- und Nachteile, wie vermeidet man Missverständnisse? Welche Widerstände, praktischen Schwierigkeiten, aber auch neuen Perspektiven zeigen sich? Wie kann eine Komposition akustisch optimal in den Konzertsaal projiziert werden? Wie vielseitig und leistungsfähig ist das Medium «Blasorchester»?

Solche Fragen ging die Hochschule der Künste Bern (HKB) mit der Studienwoche Komposition und Direktion für Blasorchester an (14. bis 18. November 2017). Ebenso wurden im konzentrierten Meisterkurs (Projektleitung Rolf Schumacher) Komponierende mit Master-Studierenden im Bereich Blasorchesterleitung vernetzt.
 

Grosse stilistische Bandbreite

Die Arbeit an den neuen Stücken begann für die Komponisten bereits vor der Studienwoche, ebenso der Austausch mit dem Dozenten für Komposition, Oliver Waespi. Die stilistische Bandbreite und Qualität der entstehenden Komposition übertraf die Erwartungen deutlich: Festzustellen waren Einflüsse aus dem Jazz, der Filmmusik, der klassischen und traditionellen Bläsermusik wie auch der zeitgenössischen Musik. So war eine höchst anregende Studienwoche zu erwarten.

Diese begann zunächst mit einem Inputreferat, insbesondere über den Aufbau und die Ästhetik des sinfonischen Blasorchesters, sowie intensivem Einzelunterricht. Verschiedene Teilnehmer arbeiteten sehr lange an ihren Kompositionsentwürfen weiter. Teilweise erst morgens um 3 Uhr wurden den Dozenten neue Skizzen übermittelt.
 

Gegenseitige Anregungen

Anschliessend galt es, die Entwürfe in eine aufführungsreife Form zu bringen und brauchbares Notenmaterial herzustellen. Zudem trafen die Komponierenden zum ersten Mal mit jenen Studierenden zusammen, die ihre Werke aufführen würden. Dadurch ergab sich ein wertvoller Austausch. Darauf folgte die erste ganztägige Probesession mit dem Sinfonischen Blasorchester des Schweizerischen Armeespiels. Zunächst wurden die zwei Werke für Kammerensemble geprobt: Michel Byland deutete in seinem Stück «Die erzürnten Elfen» ein Märchen der Gebrüder Grimm aus, während Pascal Gendre in seiner «Suite Nr. 1» gewissen Ästhetiken der Kammermusik für Bläser im 20. Jahrhundert nachforschte und dabei eine reiche, persönliche Ausdruckspalette entwickelte.

Dann kamen sechs Stücke für sinfonisches Blasorchester auf die Notenpulte, darunter gewisse buchstäblich erst ein, zwei Stunden vor der Probe. Michael Künstles «On the Pulse of Time» enthielt für moderne Filmmusik typische Pulsformen, Melodielinien und Klangfarben, während Tobias Fasshauer in «Invenzione alla Minuetto» ein Menuett einer zeitgenössischen Deutung unterwarf, gleichzeitig dekonstruierte und mit persönlicher Handschrift neu zusammensetzte. Anton Vinogradov erklärte sein Stück «Music op. 16a» zur Hommage an Alfred Schnittke und liess fein gezeichneten, aleatorisch notierten Gesten der Holzbläser – die das Bild eines imaginären, geheimnisvollen Dialogs evozierten – ein erschütterndes Prozessional im ganzen Orchester folgen. «Genealogy» von Timmy Schenk wiederum steht in einer spektralistischen Tradition, in der das harmonische Material aus den Obertonbestandteilen gewisser Grundklänge abgeleitet wird; hier galt es für das Orchester, einen möglichst kontrollierten Klangausgleich zu entwickeln. David Carillos Klangfarbenstück «Translucency» lebte von der Spannung zwischen Licht und Schatten, ausgehend von der Filterung, der Licht unterworfen ist, wenn es durch lichtdurchlässige Materien scheint. Loris Knüsel schliesslich brachte in «Ode an den Traktor» einen Marsch gewissermassen auf Abwege und inszenierte ihn auf originelle und formal konzentrierte Weise neu.
 

Interpretation als nächster Schritt

Aufgrund dieser Erfahrungen wurden gewisse Stücke überarbeitet, worauf ein weiterer intensiver Probetag folgte, nunmehr, unter der Anleitung von Philippe Bach, stärker auf Aspekte der Probenmethodik fokussiert. Bach wird übrigens als Nachfolger von Ludwig Wicki ab Frühjahr 2018 an der HKB als Gastdozent wirken. Die neuen Werke wurden durch Dirigier-Studenten Loïc Bera, Jonas Danuser, Isabelle Gschwend und Stefan Popp geprobt und am Abschlusskonzert dirigiert. Sie alle – wie auch das Armeespiel – bewiesen dabei grosse Flexibilität und Durchhaltevermögen, mussten sie doch in den komplexen Proben gleichzeitig den Ideen der Komponisten gerecht werden, Inputs der Dozierenden entgegennehmen und dabei eine persönliche Interpretation entwickeln.

Alle haben diese Aufgabe bravourös gemeistert, wie das Abschlusskonzert der Studienwoche in Kriens zeigte. Hier war nochmals die grosse Vielfalt an Kompositions- und Dirigierstilen zu hören. Letztlich wird sich vielleicht nicht jedes Werk durchsetzen. Zur Weiterentwicklung der Musikgeschichte gehören aber immer auch Umwege. Wer – wie das interessierte Publikum im Südpol – die Uraufführungen mit wachem Geist und offenen Ohren verfolgte, erhielt äusserst spannende Einblicke.
 

Ein Kompetenzzentrum

Damit bekräftigt die HKB ihre Stellung als führender «Hub» im Bereich der zeitgenössischen Bläsermusik, als Ausbildungszentrum für angehende Dirigenten im Spannungsfeld zwischen Tradition, Gegenwart und Zukunft des bläserischen Musizierens. Dies wird auch durch die letztjährige Schaffung eines neuen Master-Kernfachs «Komposition Harmonie und Brass Band» unterstrichen.

Auf Herbst 2018 hin können neue Anmeldungen für den Master in Komposition für Harmonie und Brass Band innerhalb der Vertiefungen von Composition&Theory an der Hochschule der Künste Bern eingereicht werden. Dieser vermutlich europaweit einzigartige Ausbildungsgang ergänzt die bisherigen Master-Vertiefungen der HKB.
Als Hauptdozierender wirkt der mehrfach ausgezeichnete Schweizer Komponist Oliver Waespi, dessen Anliegen es ist, das Komponieren für Bläserbesetzungen in einen weiteren ästhetischen Kontext zu betten.

Der Master dauert vier Semester. Nebst dem Kernfach sind die künstlerische Praxis, Theorie und Forschung, individuelle Seminare und Vorlesungen im Wahlbereich sowie die abschliessende Master-Thesis und die Verbindung zur Masterausbildung für Blasmusikdirektion (Leitung: Rolf Schumacher) wichtig.
Anmeldeschluss ist der 15. März 2018, Studienbeginn ist im September 2018.

Kontakt: Xavier Dayer, Studiengangsleiter Master of Arts in Composition & Theory
E-Mail: xavier.dayer@hkb.bfh.ch
Tel.: +41 31 848 39 84
www.hkb.bfh.ch/de/studium/master/mact
 

Dieser Artikel erschien erstmals am 6. Dezember 2017 in unisono, S. 34 f.


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