Oper im Knopfloch im Zürcher Theater Stok 
20 Jahre lustvoll verkleinern

20 Jahre lustvoll verkleinern

Niklaus Rüegg, 23.10.2019

Die Oper im Knopfloch begann als einmaliges Projekt. Heute ist das Zürcher Mini-Opernhaus im Theater Stok eine Institution.

Wenn es einen Preis für das kleinste Opernhaus der Welt gäbe – die Oper im Knopfloch wäre eine heisse Anwärterin dafür. Vor 20 Jahren wollte die Mezzosopranistin Rosina Zoppi mit ihrem spanischen Pianisten «mal was Spanisches» machen und brachte im Keller 62 eine Zarzuela von José Serrano auf die Bühne: «Die Sache ist gut herausgekommen, dann haben wir halt weitergemacht», berichtet Zoppi lakonisch. Die Mitwirkenden hatten damals aus Idealismus und für eine geringe Entschädigung mitgemacht: «Stiftungen sind am Anfang verständlicherweise vorsichtig. Wenn es ein, zwei Mal klappt, fliesst das Geld leichter.» Heute kann Zoppi vernünftige Gagen zahlen und gute Leute engagieren. Das Konzept hiess von Anfang an «klein aber fein», wobei das ursprüngliche Werk nicht immer klein und fein sein muss. Im Gegenteil, oft bringt die Sängerin grosse Oper, jedoch in radikaler Verkleinerung auf die Bühne. Im letzten Jahr wählte sie zum Beispiel die Grand opéra Marie Stuart des Schweizers Louis Niedermeyer aus: eine fünfaktige romantische Oper mit fast 20 Solistinnen und Solisten, Ballett, Chor und Orchester. Im Theater Stok blieben eine stark gekürzte Partitur, sechs singende Darstellende und ein vierköpfiges Bläser-Ensemble (Flöte, Oboe, Klarinette und Fagott) übrig: «Das hat wunderbar funktioniert», strahlt die Intendantin, schränkt allerdings ein, dass solche radikale Verkleinerungsaktionen nicht bei allen Komponisten möglich sind: «Ich liebe zum Beispiel Ravel, aber ich weiss beim besten Willen nicht, wie man diese Musik auf wenige Instrumente reduzieren könnte».

Ausgrabungen unter dem Rotstift

«Wenn ich Stücke suche, interessieren mich zunächst Themen. Dann suche ich passende Vertonungen dazu. Viele Bibliotheken spicken einem ihre Schätze im Internet nur so entgegen», sagt Zoppi. Schwieriger sei es in Italien: «Für die Partitur unserer nächstjährigen Produktion, der Hamlet-Oper Amleto von Saverio Mercadante, mussten wir über den Verlag gehen. Der verfügte aber nur über die ersten beiden Seiten des Stücks». Fündig wurde man schliesslich bei der Scala-Bibliothek. Dort lag eine handschriftliche Partitur, die es erst einmal zu digitalisieren galt.
Unter den in den letzten zwei Jahrzehnten zum Zuge gekommenen Komponisten gibt es einige bekannte Namen; weniger bekannt sind indes die Stücke, etwa The Zoo (Arthur Sullivan), Marc’Antonio e Cleopatra (Johann Adolf Hasse), Bunbury (Paul Burkhard), Prestami tua moglie (Ruggero Leoncavallo), The Bear (Willam Walton), Ô mon bel inconnu (Reynaldo Hahn), L’importanza di esser Franco (Mario Castelnuovo-Tedesco), Geneviève de Brabant (Jacques Offenbach).

Für die Dramaturgie zeichnet die Chefin jeweils persönlich verantwortlich. Sie spart nicht mit dem Rotstift, streicht ganze Partien, legt andere zusammen, lässt Hosenrollen von Männern singen und umgekehrt. Chöre entfallen oft ganz oder sind den Solisten im Ensemble übertragen. Und dann das Orchester: Wer ein romantisches Orchester auf vier Bläser zusammenstreichen kann, kann erst recht eine Barockoper für Flöte, Laute, Kontrabass und Cembalo arrangieren, so geschehen bei der diesjährigen Produktion.
 

Der verkleidete Ritter ist ein Popstar

Die Knopfloch-Jubiläumsproduktion, die fünfaktige und im Original fünfstündige Oper Angelica, vincitrice de Alcina wurde von Johann Joseph Fux 1716 anlässlich der Geburt des Prinzen Leopold in Wien komponiert. Die Uraufführung der mit «Festa teatrale» untertitelten Oper fand im Freien auf zwei Inseln im Wiener Augarten statt. Die Story stammt aus Dem Rasenden Roland (italienisch: Orlando Paladino), dem Heldenepos aus dem Jahr 1516 von Ludovico Ariost, welches die Vorlage für etliche musikalische Bühnenwerke bildete. Die bekanntesten sind vielleicht Händels Alcina und Haydns Orlando Paladino. In Fux’ Adaption fehlt Roland, dafür erscheint die mildtätige Prinzessin Angelica, die sich am Schluss des Stückes durch ihre grossmütige Gnade gegenüber der hinterlistigen Alcina auszeichnet. Alcina liebt sowohl Medoro als auch Ruggero, die sie beide auf einer ihrer Inseln festhält. Medoro liebt Angelica und Angelica liebt Medoro. Deshalb macht sie sich auf den Weg zu Alcinas Inselreich, um ihren Geliebten zu befreien. Derweil verfällt Ruggero, der eigentlich Bradamante liebt, vorübergehend den Reizen Alcinas. Die als Ritter verkleidete Bradamante und die Alcinas Zauberkräfte zum Schwinden bringende Angelica obsiegen schliesslich und können ihre Geliebten in die Arme schliessen.

Die kammermusikalische Umsetzung des Stücks durch die Oper im Knopfloch konzentriert sich auf die fein musizierten und mitunter virtuosen sängerischen Aspekte ebenso wie die intimen Interaktionen zwischen den Figuren. Auf Requisiten und Bühnenversatzstücke wird fast ganz verzichtet. Rezitierte Zwischentexte erlauben die Einordnung der Szenen. Der dramaturgische Kniff, Bradamante mit einer Popsängerin zu besetzen, übersetzt die barocke Sinneswelt auf eine unmittelbare Art und Weise ins Heute.
 

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Publikumsnähe ist Programm

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