Die Musikschule Köniz bringt «Das kalte Herz» zur Uraufführung 
Verstrickt im Märchenwald

Verstrickt im Märchenwald

Pia Schwab, 13.09.2013

Im Rahmen des Musikfestivals Bern brachte die Musikschule Köniz die Märchenoper «Das kalte Herz» von Simon Ho zur Uraufführung. Ein frischer Impuls für das Genre der Kinderchoroper.

Die grosse Halle der Berner Reitschule ist der Länge nach dreigeteilt, zu beiden Seiten erheben sich Publikumsreihen, in der Mitte, vielleicht 7 Meter breit und 20 Meter lang, erstreckt sich die Bühne. Ein unebener Boden bestreut mit Holzschnitzeln verweist auf die unzimperlichen Mächte, die hier ins Spiel kommen werden, den rauen Weg des Protagonisten. Einige schwarze Stangen hängen darüber. Man vervollständigt sie mühelos zum Wald. In der Mitte dieses von beiden Seiten einsehbaren Handlungsraums ragt eine schmale Bretterwand hoch auf. Abgesenkt wird sie zum Wirtshaustisch oder Tanzboden, senkrecht gestellt kann sich darin eine Tür öffnen. Sie erinnert aber auch an eine Guillotine: Hindurchschreiten löscht jedes menschliche Empfinden aus.

Die Hauptfigur, der Köhler Peter Munk, geht durch diese Tür, wenn er beim Holländer-Michel sein Herz gegen unermesslichen Reichtum eintauschen will. Zuvor wurde er im Wirtshaus ob seines Berufs und seiner Armut gehänselt. Er versuchte, mit Hilfe des Glasmännchens, einem hilfreichen Waldgeist, zu mehr Prestige und Geld zu kommen, stellte sich aber so töricht an, dass er bald wieder mit leeren Taschen dastand. Jenseits der «kapitalen» Tür lässt er sich deshalb mit dem Bösen ein. Mit einem Stein in der Brust tyrannisiert er fortan seine Umgebung, erschlägt am Ende seine freigiebige Frau. Nur dank der Hilfe des Glasmännchens kann er sein Herz zurückgewinnen.

Waldweben
Das kalte Herz ist ein Märchen von Wilhelm Hauff. Sein bodenständig-bieder(meierlich)es Happyend wird hier glücklicherweise nur im Epilog, auf einer entrückten Ebene, nachvollzogen: eine Versöhnung im Jenseits. Aber die Geschichte wird durchaus märchenhaft erzählt, keine aufgesetzte Aktualisierung verkleinert den überzeitlichen Inhalt, den Widerstreit von Reichtum und Menschlichkeit – mit Ausnahme der klinischen Infusionsbeutel beim Holländer-Michel, in denen er die Herzen seiner «Kunden» aufbewahrt. Dies ist aber ein sehr gelungener, humorvoller Seitenhieb. Der Wald, in dem Peter Munk konfrontiert wird mit Gut und Böse, ist in ständiger Bewegung und Veränderung. Eine ganze Schar von herumhuschenden Wesen – der ganz in Weiss gekleidete, aber ganz und gar nicht uniformierte Kinderchor – verdeutlicht die beseelte Natur: personifiziertes Waldweben sozusagen.

So wird die grosse Bühne nicht nur belebt, der Chor, genauer gesagt der Basis- und ein Teil des Kinderchors, ist auch ganz zwanglos präsent, singt er doch in sechs der sechzehn Bildern mit. Die älteren Kinder und Jugendlichen bestreiten als Wirtshausgäste, Holzfäller und Nachbarn die meisten der übrigen Szenen: eine echte Kinderchoroper. Die Musikschule Köniz hat ja auch bereits seit 1995 eine Singschule. Schulleiter Lorenz Hasler und Sabine Hasler haben die Oper in Auftrag gegeben und in allen Arbeitsschritten begleitet, von der Stoffwahl über die Textgestaltung durch Lukas Hartmann und Christine Wyss, die Komposition von Simon Ho und die Inszenierung von Stephan Grögler.

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Peter Munk vor dem Glasmann, Foto: zvg

Musikbahnen
Lorenz Hasler dirigiert ein Doppelorchester aus Musikschülern und Profis, in der Mitte der langen Bühne zu beiden Seiten platziert. Ostinate, oft schwebende, durch die Wiederholung ins Flirren geratende Klänge werden wie Teppiche ausgelegt; Musikbahnen, aus denen sich einmal ein Walzer, einmal etwas Volksmusikalisches, einmal naturhafte Waldstimmung, einmal ein pochender Bass herauslösen, um wieder in flächige Klänge überzugehen. Auch die Chorpartien sind in diesem Duktus gehalten. Darüber erklingen die gut verständlichen, der Sprachmelodie recht nahen Phrasen der Solisten, die sich kaum je zu einem Ensemble verdichten. Wenn das Glasmännchen auftritt, sind geschlagene oder gestrichene Glasklänge zu hören. So entsteht der Eindruck einer entrückten, in sich verstrickten Welt. Eigentlich ideal für ein Märchen und doch hätte ich mir nach knapp 90 Minuten merkwürdig widerstandslos vorbeiziehender Musik ab und zu mehr Heftigkeit, Zusammenballungen, plötzliche Stille gewünscht.

Tonkomplikationen
Künftigen Aufführungen durch Kinder- und Jugendchöre sehr entgegen kommt die überschaubare Zahl an Solisten: Eine grosse Partie hat Peter Munk, in Bern sehr beweglich, glaubhaft zerrissen dargestellt und ausdrucksstark gesungen von Davide Fior. Er steht pausenlos auf der Bühne. Um ihn gruppiert kleinere Partien: seine Frau Lisbeth (Anett Rest, übrigens die Leiterin der Singschule), seine Mutter (Anne Schmid), Lisbeths Grossvater (Rudolf Ruch), das Glasmännchen (Susanne Rydén) und der Holländer-Michel (René Perler, der seine Interpretation mit sichtlicher Lust ins Vampirartige zuspitzt).

Wegen den akustischen Gegebenheiten in der grossen Halle (die eben als Reithalle gedacht war) und als Tribut an die optisch faszinierende Raumaufteilung mussten die Stimmen der Solisten verstärkt werden. Eine unausgegorene Tonmischung führte nun am Premierenabend vom 4. September dazu, dass man die Stimmen immer aus demselben Lautsprecher an der Decke hörte, was bei den ausladenden Dimensionen, in denen sich die Sänger bewegten, verwirrte. Zudem waren sie oft schlicht zu laut und degradierten den Chor zum Beiwerk, wo doch die Anlage des Stücks und die Regie genau das Gegenteil beabsichtigten.
 


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