Verleihung der Ehrenmitgliedschaft durch die AMG 
Laudatio für Ralf Weikert

Laudatio für Ralf Weikert

Alois Koch, 28.01.2016

Die Allgemeine Musik-Gesellschaft Zürich (AMG) hat am 26. Januar 2016 dem Dirigenten Ralf Weikert die Ehrenmitgliedschaft verliehen. Die Laudatio hielt Alois Koch, bis 2008 Rektor der Hochschule Luzern - Musik.

Lieber Ralf Weikert
Liebe Gäste

Es war eine Sternstunde für die Musikhochschule Luzern, als Maestro Weikert in meiner letzten Amtsdauer als Rektor die neu geschaffene Dozentur für Orchesterdirigieren übernahm. Vorausgegangen war ein abendfüllendes Gespräch über Musik, Kultur, Dichtung – ja auch vom Dirigieren war dabei die Rede – dem eine ebenso unkomplizierte wie konsequente Zusage folgte. Unkompliziert, weil Ralf Weikert alle Imponderabilien eines aufzubauenden Studienganges akzeptierte, und konsequent, weil dieser begnadete Dirigent sich als ein ebenso begnadeter Lehrer erwies, der die Studierenden führte und durch seine Persönlichkeit inspirierte.

Damit aber bin ich gleich zu Beginn meiner Laudatio, die ich für Ralf Weikert heute halten darf, beim Kern der Sache. Immer wieder frägt man sich ja – Publikum und Kritik – was eigentlich ein Dirigent ist, der einzige Musiker in Konzert und Oper, der kein Instrument spielt (es sei denn, er leitet vom Cembalo oder vom Klavier aus die Aufführung), der bloss mit einem unscheinbaren Werkzeug – heute sind ja die Dirigierstäbe keine reichverzierten, gar lebensgefährliche Schlagstöcke mehr – der mit einem feinen Stäblein nach einem Wort Bernard Haitinks «Luft zerteilt», der aber nach getaner Arbeit Beifall oder Missmut des Hauses entgegennimmt und nur durch freundliche, kollegiale oder gar gnädige Gesten, die ausübenden Musiker und Musikerinnen mit einbezieht. Die Frage, was eigentlich ein Dirigent sei, ist durchaus berechtigt.

Nun, Ralf Weikert, gibt und gab schon seit einem halben Jahrhundert
(er schloss 1963 seine Studien in Wien beim legendären «Dirigentenmacher» Hans Swarowsky mit besonderer Auszeichnung* ab), Maestro Weikert gibt
die Antwort darauf:
 

Ein Dirigent ist eine Persönlichkeit, die musikalisch führt und inspiriert.

Drei Aspekte also: Persönlichkeit, Führung und Inspiration.
Lassen Sie mich diese drei Aspekte am Wirken von Ralf Weikert darstellen:

Persönlichkeit

Zum Begriff Persönlichkeit finden Sie in Bibliotheken und Internet unerschöpfliche Literatur; es bestände jetzt also die Möglichkeit, zu einer ausufernden Vorlesung anzusetzen. Doch machen wir es uns einfacher, setzen wir uns als Musiker ins Orchester oder stellen wir uns als Sängerin auf die Bühne. Da dauert es in der Regel sieben Minuten, bis die ausübenden Künstler von der Persönlichkeit eines Dirigenten erfasst werden – oder eben leer ausgehen. Bei Ralf Weikert ist dieser Prozess besonders frappant, denn er gehört zu jenen Dirigenten-Persönlichkeiten, die vom ersten Auftreten an, beim Gang zum Pult, beim Blickkontakt mit dem Orchester, beim Avviso (das ist der erste, alles entscheidende Auftakt), bei allem, was dann musikalisch folgt, überzeugen. Es geht ihm konsequent um die Partitur – die Maestro Weikert selbstredend auswendig, par coeur, zur Verfügung hat – es geht ihm um das Werk, um die Musik. Wie sehr das Orchestermusiker und Opernsängerinnen schätzen, können Sie am besten während oder am Schlusse einer Aufführung feststellen, wenn Sie das Verhalten oder die Körpersprache des letzten Pultes Bratsche, des 4. Horns oder des 2. Schlagzeugers beobachten, die oft überdeutlich zum Ausdruck bringen, ob eine Persönlichkeit oder bloss ein Pultvirtuose vorne steht …

Über diesen sehr spezifischen, intimen musikalischen Bereich hinaus gibt aber auch das Lebenswerk eines Dirigenten Aufschluss über seine Persönlichkeit. Chefdirigent oder Generalmusikdirektor wurde nur eine ausgewiesene künstlerische und führende Persönlichkeit (ob das immer noch so ist, kann ich nicht beurteilen). Maestro Weikert verkörperte diese Funktion während insgesamt 20 Jahren. Damit aber sind wir beim zweiten Aspekt: Führung.
 

Führung

Auch Führung ist ein unscharfer Begriff, nicht nur in der Kunst, auch in Wirtschaft, Politik und Militär. Oft wird er mit Kommandieren, Macht oder Einfluss verwechselt. Letztlich aber ist Führung jener Prozess, der bewirkt, dass eine Institution, ein Orchester, ein Opernhaus, aber auch jeder einzelne Künstler, Kollege, Studierende sich optimal entfalten kann. Diesen Prozess steuert Ralf Weikert nicht nur subtil auf dem Podium, er bediente ihn auch in nachhaltiger Weise während seines Wirkens als jüngster musikalischer Chef eines deutschen Opernhauses* in Bonn, als Chefdirigent in Salzburg und schliesslich als Chefdirigent und musikalischer Oberleiter in Zürich – was de facto eine ausgewiesene Generalmusikdirektoren-Aufgabe war.
Ralf Weikert erfüllte diese Ämter mit grösster Kreativität nicht nur was den Spielplan anbetrifft, sondern auch was die Positionierung der Institutionen anbelangt. Dass die Oper Zürich heute über ein Orchester mit internationaler Reputation verfügt, ist letztlich sein Verdienst: Er hat bei der Verselbstständigung von Tonhalle und Opernhaus Zürich die entscheidenden Weichen gestellt und dafür gesorgt, dass die Qualität der Musiker, aber auch die Repertoire-Kompetenz des Opernorchesters stetig gewachsen ist. Was dieser Vorgang an persönlichem Engagement, Feinfühligkeit, aber auch Durchsetzungsvermögen, eben an Persönlichkeit und Führungskraft beinhaltet, können nur Insider ermessen. Ralf Weikert hätte dafür längst eine städtische bzw. staatliche Auszeichnung verdient – doch davon später. An dieser Stelle nur ein kleine persönliche Reminiszenz: Ich war damals als junger Chordirigent in Zürich tätig und hatte für Aufführungen immer wieder auch Musiker des Opernhauses zur Verfügung. Eines Tages kam der damalige Konzertmeister, Frank Gassmann, auf mich zu und sagte: «Unsern neuen Chef solltest Du kennenlernen, er ist nicht nur ein perfekter Dirigent, sondern weiss auch, was er will!» Wer Frank Gassmann persönlich kannte, kann ermessen, was eine solche Aussage damals bedeutete …

Bevor wir uns mit dem dritten Aspekt, der Inspiration, befassen, ist mir der Hinweis auf eine weitere, entscheidende Facette Ralf Weikerts wichtig: Die Gilde der Dirigenten ist ja – von Charakter und Aufgabe her – eher selbstbewusst und kritisch, vor allem was die Einschätzung von Kollegen betrifft. Umso mehr fällt da Ralf Weikerts Respekt vor Künstlerpersönlichkeiten auf: Wie begeistert und respektvoll er sich zeitlebens über seinen Lehrer und Mentor Hans Swarowsky äussert, ist ja durchaus verständlich, gibt es doch in diesem Bildungsbereich bis heute kaum eine gleichwertige Alternative. Dass er aber auch seine ganz anders strukturierten Kollegen, Hans Zender in Bonn und Michael Giehlen in Frankfurt, Herbert von Karajan in Salzburg, Nicolas Harnoncourt in Zürich, Gustav Kuhn im Tirol, Bernard Haitink in Luzern (um nur einige zu nennen), grössten Respekt zollt, hat mich in Gesprächen immer wieder beeindruckt. Was ihm hingegen nicht behagt, sind dirigentische Showmasters jeder Generation – und dafür sind wir ihm alle dankbar, denn obwohl der Dirigent optisch im Zentrum steht, ist er letztlich doch bloss Mittler und Vermittler, oder um es etwas pathetisch auszudrücken: Herold der Musik. Er muss die künstlerische Inspiration des Komponisten zu inspirierender Klanglichkeit der ausübenden Musiker und Musikerinnen transponieren.

Doch was eigentlich ist Inspiration?
 

Inspiration

Dass Inspiration mit Transpiration gekoppelt sei, lehrt uns ein Bonmot von Thomas Edison. Heisst das in unserem Falle, dass schwitzende Dirigenten der Idealfall seien? Es gibt sie ja, und das Publikum liebt sie – gerade heutzutage: Welche Energie! Wie sportlich! Unglaublich, dieser Furor! hört man dann im Pausengespräch. Doch was hat das mit Inspiration zu tun? Entsteht Inspiration nicht eher dann, wenn jemand die Energie und den Furor so bündelt, dass der Gehalt der Musik durch die Musiker hör- und erlebbar wird, nicht bloss optisch. Der Rezensent Frank Sindermann bringt es auf den Punkt, wenn er über eine Leipziger Aufführung von Berlioz‘ Symphonie fantastique schreibt: «Ralf Weikert dirigierte – man stelle sich das bei der Partitur vor – auswendig un hatte doch jederzeit den vollen Überblick. Ohne grosse Gesten oder gar eitle Selbstdarstellung gab er selbst die schwierigsten Einsätze und behielt immer den ganzen Orchesterapparat im Auge. Die Musiker gaben ihr Bestes [und] der Jubel am Ende des Konzertes gebührte vor allem dem Dirigenten, der einmal mehr unter Beweis stellte, dass er ganz unzweifelhaft zu den grossen Vertretern seines Faches zählt».

In seiner sympathisch erhellenden, (noch) nicht veröffentlichten autobiografischen Skizzen schreibt dieser «grosse Vertreter seines Faches», schreibt Ralf Weikert: den schönsten Beruf, den des Dirigenten, ausüben zu dürfen, ein Leben lang mit Musik und für die Musik zu verbringen, auch wenn man international eventuell nur in der 2. Liga spielt, ist wahrlich mehr, als man jemals erhoffen durfte.* Welches Understatement, welche ehrliche Bescheidenheit, wenn man Maestro Weikerts grosse internationale Karriere betrachtet! Ich freue mich sehr, hier und heute die Gelegenheit zu haben, an diese Karriere zu erinnern. Eine musikalische Karriere im besten Sinne des Wortes, keine hochgejubelte Event-Karriere, ein künstlerisches Lebenswerk, das Bewunderung und Respekt über den Tag hinaus verdient.
 

Karriere

Auf den klassischen Werdegang Ralf Weikerts habe ich bereits hingewiesen: Nach der konzentrierten und hart erarbeiteten Musikerausbildung in Wien ging es – von Anfang her liebevoll begleitet und unterstützt durch seine Frau Heidi – im Eilschritt nach Salzburg, Bonn, Frankfurt, wieder Salzburg, schliesslich nach Zürich, wo er bis weit über das übliche Pensionsalter hinaus (für wirkliche Musiker bekanntlich kein Thema …) tätig war.
Parallel dazu war Ralf Weikert regelmässiger Gast an den wichtigsten Opernhäusern von Wien bis Berlin und bei den bedeutendsten Orchestern Europas:

Er dirigierte an den Festspielen in Salzburg, in Aix-en-Provence, in Bregenz, in Verona und war während vier Jahren ständiger Gastdirigent an der New Yorker Metropolitan Opera. Dazu kamen Radio- Fernseh- und CD-Aufnahmen, auch preisgekrönte.

Bei diesen Einstudierungen und Dirigaten realisierte Ralf Weikert ein Repertoire, das einfach stupend ist: Über 150 Opern, praktisch das gesamte sinfonische Konzert-Repertoire, Musik von Mozart (Ralf Weikert ist ein überaus kompetenter Mozart-Interpret, auch heute im sog. «Zeitalter historisch informierter Aufführungen»), Musik von Mozart bis hin zu Strawinsky, Hindemith und – für uns in der Schweiz von besonderer Bedeutung – Rudolf Kelterborn, von welchem er 1984 dessen Bühnenwerk Der Kirschgarten zur Uraufführung brachte. Sie können sich wohl kaum vorstellen, welch unglaubliche Arbeitsleistung mit dem Studium und der Realisierung eines solch umfassenden künstlerischen Kosmos verbunden ist.

Doch nicht genug: Nach seinem Rückzug von festen Bindungen an ein Opernhaus, war und ist Ralf Weikert in aller Welt tätig, in Japan, China, Korea (um hier nur die markantesten Stationen zu nennen), weiterhin auch in Europa von Stockholm bis Palermo, nur leider (fast) nicht in der Schweiz.
Wie soll man solches sich erklären. Gilt hier das Wort vom «Propheten im eigenen Land»? Ralf Weikert ist nämlich bei aller Liebe zu Salzburg seit seinen Zürcher Jahren ein «bekennender Schweizer», bzw. Zürcher. Umso schöner, dass heute die ehrwürdige Allgemeine Musik-Gesellschaft Zürich diese Diskrepanz mildert und Ralf Weikert mit der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft würdigt.
 

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Feierstunde im Predierchor der Zentralbibliothek Zürich am 26. Januar 2016
Laurenz Lütteken, Vizepräsident der AMG, bei der Übergabe der Urkunde an Ralf Weikert

Ehrungen

Damit werden Relationen sichtbar und gewahrt, gehört doch die AMGZ zu den ältesten und renommiertesten musikalischen Institutionen der Schweiz, die immer wieder, in Vergangenheit und Gegenwart kulturelle Akzente setzte. Ich habe mir die Ehrentafel dieser venerablen Gesellschaft angeschaut und unter den künstlerisch bedeutenden Ehrenmitgliedern u.a. Richard Wagner entdeckt, aber auch den Luzerner Komponisten Xaver Schnyder von Wartensee, die Komponisten und Dirigenten Friedrich Hegar und Theodor Kirchner, und in jüngster Zeit den vormaligen Chefdirigenten der Tonhalle, David Zinman.

Meines Wissens ist dies die erste und bisher einzige Ehrung Ralf Weikerts in der Schweiz. Nun, ich weiss, wir sind in diesem Land in dieser Beziehung sehr demokratisch-zurückhaltend, haben keine Legion d’honneur, kein Bundesverdienstkreuz, keine Orden, nehmen aber wohlwollend zur Kenntnis, dass andere Länder da grosszüger sind. Und Ralf Weikert wurde international denn auch schon des Öfteren geehrt: 1965 mit dem 1. Preis beim Nikolai-Malko-Wettbewerb in Kopenhagen, 1966 mit dem Mozart-Interpretationspreis des österreichischen Unterrichtsministeriums, 1975 mit dem Karl Böhm-Preis für junge österreichische Dirigenten, schliesslich im Jahre 2000 mit dem österreichischen Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse.

So möchte ich mit grossem Dank an die Verantwortlichen der AMGZ schliessen, mit ganz herzlicher Gratulation an den Geehrten, Professor Ralf Weikert
– und mit aufrichtiger Hochachtung vor Deinem künstlerischen Lebenswerk, lieber Ralf!
 

* Die kursiv gesetzten Zitate stammen aus Ralf Weikerts autobiografischen Skizzen. 


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