52 x Beethoven - Woche 3: op. 106 
Hammerklavier-Sonate

Hammerklavier-Sonate

Michael Kube, 17.01.2020

Jeden Freitag gibts Beethoven: Zu seinem 250. Geburtstag blicken wir wöchentlich auf eines seiner Werke. Heute auf seine Hammerklavier-Sonate.

Einigermassen überflüssig mutet bei dieser Sonate heute der Beiname «Hammerklavier» an. Für welches Instrument sonst sollte sie 1817/18 geschrieben worden sein? Tatsächlich geht er aber auf das Titelblatt der Wiener Erstausgabe von 1819 zurück, bei der Beethoven selbst nicht länger die traditionelle, aus dem Italienischen stammende Besetzungsangabe dulden wollte: «... daß hinführo auf allen unsern Werken, wozu der Titel Deutsch, statt piano-Forte Hammerklawier gesezt werde.» Dass mit dieser Angabe bereits zwei Jahre zuvor die Sonate A-Dur op. 101 im Druck erschienen war, hat die Nachwelt nicht wahrgenommen oder wahrnehmen wollen. Möglicherweise spricht aus der Verwendung des Beinamens aber auch der Respekt vor einem Werk, das wegen seiner spieltechnischen Anforderungen und der ausgreifenden formalen Dimension für lange Zeit als unspielbar galt – oder in den Worten von Daniel Barenboim: «Die Hammerklaviersonate wird nicht leichter, wenn man sie nicht spielt.»

Zu diesem Respekt hat zweifelsohne auch die missverstandene Metronomisierung des Kopfsatzes beigetragen (Halbe = 138), durch die das vorgegebene Tempo bei üblicher Lesart verdoppelt würde (eine Einspielung von Artur Schnabel aus dem Jahre 1935 zeigt die musikalische Absurdität einer solchen Realisierung auf, ein lesenswerter Essay von Johann Sonnleitner in der Neuausgabe der Wiener Urtext Edition sorgt indes für mehr Klarheit in der Sache). Franz Liszt jedenfalls ging noch davon aus, dass die Aufführung der gesamten Sonate «fast eine Stunde dauern» würde – mit seiner eher nachdenklichen Interpretation benötigte Glenn Gould immerhin knapp 50 Minuten. Die mit dieser Spieldauer verbundene, bis dahin unerhörte Monumentalität schwebte Beethoven freilich von Anfang an vor: «Jetzt schreibe ich eine Sonate, welche meine größte seyn soll» (so in der Überlieferung durch seinen Schüler Carl Czerny). Die klanglich weit über die Möglichkeiten des Instruments hinausgehende Anlage des Werks veranlasste übrigens 1925/26 Felix Weingartner zu einer Fassung für grosses Orchester.

 


SMZ - Die genannte Neuausgabe der Sonate ist mit der Verlagsnummer UT 50432 in der Wiener Urtext Edition erschienen. Karl-Andreas Kolly hat sie für die Schweizer Musikzeitung besprochen: zur Rezension



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  • Marcel Schuler am 23.01.20 - 14:43

    Danke für das Umsetzen der Idee!

    Hochinteressant, dieser Vergleich zwischen den Aufnahmen der Hammerklavier-Sonate von Glenn Gould und Artur Schnabel! Wäre es möglich, den von Michael Kube erwähnten Essay von Johann Sonnleitner betreffs der Tempofrage wieder in der Musikzeitung zu lesen? Ich glaube, dass er vor Jahren einmal abgedruckt war...

  • Katrin Spelinova / Schweizer Musikzeitung am 23.01.20 - 15:42

    Tempofrage

    Vielen Dank für diesen Kommentar! In der Musikzeitung erschien im Juni 2016 von Johann Sonnleitner der Artikel «O Freunde, nicht diese Tempi!» - Zum Gedenken an Nikolaus Harnoncourt wurde in Zürich die «Neunte» aufgeführt. Müsste man, der Spur des Verstorbenen folgend, Beethovens Metronom-Angaben anders lesen, als wir es gewohnt sind? Diesen Artikel können Sie nun oben im Anschluss an Michael Kubes Text als PDF herunterladen.

  • christine heggendorn am 27.01.20 - 07:32

    o freunde nicht diese tempi

    danke für den artikel von johann sonnleitner; wir können nicht genug auf seine fundierten erkenntnisse hinweisen!


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