52 x Beethoven - Woche 47: op. 118 
Elegischer Gesang

Elegischer Gesang

Michael Kube, 20.11.2020

Jeden Freitag gibts Beethoven: Zu seinem 250. Geburtstag blicken wir wöchentlich auf eines seiner Werke. Heute auf den «Elegischen Gesang» für Chor und Streichorchester.

Wie man sich täuschen kann. Denn Franz Schubert hat keineswegs kurz vor seinem Tod rasch noch ein paar Kontrapunktstunden genommen oder Alban Berg in seinem letzten Werk, dem Violinkonzert, vorausschauend den Bach-Choral Es ist genug zitiert. Das ist die verkehrte Logik der Nachwelt, die angesichts der Abfolge der Ereignisse Bedeutung sucht, biografische Schlüssigkeit konstruiert und einen grösseren Weltenplan annimmt – wobei einem, ganz nüchtern betrachtet, doch im eigenen Leben selten etwas wirklich folgerichtig erscheint. Auch Beethovens Elegischer Gesang op. 118, im August 1827 posthum im Druck erschienen, blieb von solchen Irrwegen der Rezeption nicht verschont. Adolf Bernhard Marx notierte im selben Jahr in einer knappen Rezension: «Aus Beethovens letzten Tongedichten spricht bisweilen eine so zarte, innige, verklärende Rührung, dass man versucht ist, ein Vorgefühl baldiger Abberufung daraus zu vernehmen; es sind Träume und Ahnungen, die über die Saiten, wie bald über die Erde hinschweben, mit leisem Hauch […] ihren Klang weckend und mit ihm dahin schwindend» (Berliner Allgemeine Musikalische Zeitung).

Heute wissen wir, dass der weithin unbekannte, auch nur sehr selten aufgeführte Elegische Gesang bereits 13 Jahre zuvor, vermutlich in Zusammenhang mit dem dritten Todestag von Eleonore von Pasqualati am 5. August 1814, entstanden ist. Es handelt sich um die im Alter von 24 Jahren wohl im Wochenbett verstorbene zweite Ehefrau von Beethovens Freund, Anwalt und langjährigem Vermieter Johann Baptist Freiherr von Pasqualati. Für grossen Chor und Orchester (wie es in der Regel eingespielt wird) war das Werk wohl nie gedacht, eher für eine Aufführung im Rahmen einer privaten Andacht oder Gedenkstunde. Jedenfalls deutet die Besetzungsangabe darauf hin, da den vier Singstimmen nur ein Streichquartett (ausdrücklich ohne Bass) an die Seite gestellt wird: «mit Begleitung von 2 Violinen, Viola und Violoncello». So ausgeführt, erschien der Gesang bereits den pragmatisch orientierten Zeitgenossen als ein «Meisterwerk, dessen man sich, ohne grosse Mittel, bey guter Einübung zur höchst würdigen Feyer von Leichenbegräbnissen geliebter Entschlafenen mit nicht zu bezweifelndem wirksamen Erfolge vorzüglich wird bedienen können» (Leipziger Allgemeine musikalische Zeitung, 1827).


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