Unterkapitel des Artikels «Natürliche, temperierte und pythagoreische Intonation» 

Pythagoreische Reinheit

Jean Sidler (Übersetzung aus dem Französischen von Arthur Krachler und Rolf-Dieter Gangl), 19.06.2018

Es ist richtig, dass die pythagoreische Intonation dank der Übertreibung der Intervalle dem Spiel beispielsweise eines Geigensolisten zu erhöhter Brillanz verhelfen kann. Gleichzeitig muss aber betont werden, dass es ein Irrtum wäre, davon auszugehen, dass diese Stimmung, die unterschiedliche enharmonische Noten produziert, jeder Tonart zu einer anderen Farbe verhilft: Tatsächlich sind nämlich die Intervalle zwischen den Stufen einer B-Dur Tonleiter genau die gleichen wie diejenigen einer E-Dur Tonleiter. Der einzige Unterschied zwischen den verschiedenen Tonarten besteht darin, an welcher Stelle die Wolfsquinte steht, die man aber sowieso um jeden Preis zu vermeiden sucht.

Zudem ist bei Modulationen der Übergang beispielsweise von Kreuz zu b ausgesprochen schwierig und auch nicht sehr sinnvoll, da die betreffenden Intervalle um ein pythagoreisches Komma vergrössert oder verkleinert werden müssen. Kann man wirklich Tonleitern mit ungleichen Stufen spielen, oder einen verminderten Septakkord mit unterschiedlichen kleinen Terzen? Ist es wirklich notwendig, pythagoreische verminderte Quarten zu spielen, die kleiner sind als natürliche grosse Terzen, gefolgt von kleinen Terzen, die auch sehr falsch, weil pythagoreisch sind?
Nein, in der Mehrstimmigkeit zeugt die Verwendung der pythagoreischen Stimmung aufgrund ihrer falschen Terzen nachgerade von schlechtem Geschmack. Bei Tasteninstrumenten wird man diese Stimmung daher praktisch nie hören. Sie hat lediglich Anhänger unter den Streichinstrumentalisten.

Aus diesem Grund will mir auch scheinen, dass diese Art zu intonieren in vielen Fällen nicht ausreichend gut verstanden wird, und ich habe die Beobachtung gemacht, dass jene Instrumentalisten, die sich für das pythagoreische Konzept entschieden haben, häufig Schwierigkeiten haben, eine stabile Intonation zu erhalten. Die Werte der unterschiedlichen Halbtöne werden oft nur ungefähr ausgeführt, und da die Komplexität der Chromatik und der virtuosen Musik eine Angleichung der Intervalle bedingt, wird man nur sehr selten eine perfekte pythagoreische Intonation zu hören bekommen. Der Eindruck von Wahrheit und Stabilität, den die Streichinstrumentalisten im System des Pythagoras suchen, ist eine Illusion.

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