Antwort von auf die Reaktionen von Jean-Claude Zehnder, Richard Erig, Berhnard Ruchti  

O Tempo, o Mores ...

Thomas Leininger, 27.04.2022

(SMZ) Mit diesem Text wird die Tempo-Diskussion ins Netz verlegt. Kommentare sind bei den einzelnen Beiträgen möglich und werden nach redaktioneller Prüfung freigegeben.

Niemand hat (wie Herr Zehnder schreibt) «die Anhänger der Doppelschlagtheorie [...] mit dem Prädikat ‹bedenklich› bedacht». «Bedenklich stimmte» uns lediglich, «dass die ‹Doppelschlagtheorie› auch heute noch vehemente Vertreter findet», da es zur Reflexion über heutige Lebensumstände und die möglicherweise als «heile Welt» imaginierte Vergangenheit einlud. Das Personalisieren der Diskussion ist sicherlich kein geeignetes Mittel, um einer Klärung des Sachverhalts näherzukommen. Warum sollte Herr Zehnder nicht im besten Einklang mit den Quellen das Langsamspielen lieben? «So schnelle Gänge wie etwa auf dem Pianoforte, gehören für die Orgel gar nicht» heisst es auch bei Czerny zum Tempounterschied auf weltlichem und geistlichem Instrument. Auch Forkel berichtet aus zweiter Hand über den sehr unterschiedlichen Vortragsstil Bachs auf Cembalo und Orgel («niedlich» vs. «gross und feierlich»).

Es stand uns fern, ein «richtiges» Tempo diktieren zu wollen, als wir uns dafür aussprachen, zwischen künstlerischer Freiheit und Quelleninterpretation zu trennen. Die metrische Tempotheorie präsentierte sich eben von Anfang an als klassischer Bestätigungsfehler (confirmation bias).

Bleiben wir bei Czerny: «Die Wirkung des schönsten Tonstückes wird gestört, ja ganz vernichtet, wenn man es entweder übereilt, oder, was noch schlimmer ist, allzuschleppend ausführt.» «Brillante Compositionen, auf diese [letztere] Art ausgeführt, [werden] ihre Wirkung völlig verfehlen.»

Über Beethovens Spiel, das bisweilen so schnell und «charakteristisch» war, dass sich nicht jedes Detail technisch perfekt ausführen liess, heisst es: «Es gibt Werke für das Pianoforte, deren Vortrag grosse Kraft, vielen Ausdruck und grosse Geläufigkeit fordert, und die doch nicht in dem eben besprochenen brillanten [klar artikulierten] Stil gespielt werden dürfen. Die meisten Beethovenschen Clavierwerke gehören in dieses Fach, und der Unterschied beruht auf Folgendem: In charakteristischen Compositionen wirken die Töne in grossen Massen; die notenreichen Passagen sind nur da, um der Idee die gehörige Energie und Vollstimmigkeit zu geben, und jeder Nachdruck, jede Zartheit, die man da anbringen will, (und wozu die Gelegenheiten nicht minder zahlreich sind, als anderswo) muss in diesem Sinne ausgeführt werden, so dass mehr die Gesamtwirkung, als die Klarheit der einzelnen Töne zu berücksichtigen ist.» (Pianoforte-Schule, Op. 500, Dritter Theil, S. 50 u. 60). Beethovens Spiel zeichnete sich durch «Kraft, Charakteristik, unerhörte Bravour und Geläufigkeit [!] aus». (Erinnerungen, S. 18)

Lauschen wir dieser Spielart im dritten Satz der Mondscheinsonate in der Einspielung des Liszt-Schülers Frederic Lamond (1922)! Wer würde die von alptraumhaftem Entsetzen gejagte Menschenseele nicht unmittelbarer und wahrhaftiger in Lamonds ergreifender Wiedergabe des Presto Agitato hören als in einer vielleicht technisch makelloseren, letztlich aber betulichen Wiedergabe im halben Tempo?

Ähnlich die Einspielung der Chopin-Etüden von Raoul Koczalski (Wunderkind und Mikuli-Schüler), deren Klangschönheit, Geschmack, Leichtigkeit und Flow das technisch wie ästhetisch Machbare dokumentiert und uns allen den Gang ins Übzimmer weist.

Selbst wenn einige Tempi der Idee oder Übung wegen an der Grenze der Spielbarkeit angegeben wurden, braucht es also keine Halbierung, um dieses vermeintliche Problem zu lösen. Auf die grosse Schwierigkeit mancher Tempi hat Czerny selbst hingewiesen (und wo bliebe sie im halben Tempo?). Da sich die Idee vom «Virtuosen» zu Beginn des industriellen Zeitalters immer mehr mit dem Erwerb technischer Fertigkeiten verband, wäre es verfehlt, gerade dieser Epoche den anti-virtuosen Geist späterer Reformbewegungen überzustülpen. Wer wollte dem Geläufigkeits-Pädagogen Czerny auch seine Marketingstrategie verübeln: Etüdenproduktion am Fliessband mit Tempoangaben hart an der Grenze oder auch mal leicht darüber? Seinen Ruf als erster Pianist und Erbe des beethovenschen Klavierspiels verteidigte er kaum im halben Tempo.

Vielleicht metronomisierte Czerny seine Etüden angesichts ihrer schieren Menge mehr theoretisch als empirisch – die Zahlen halten sich jedenfalls konsequent im Grenzbereich der Spielbarkeit auf und zeigen vielleicht nicht immer das garantiert erreichbare Tempo, sondern (vom anderen Ende betrachtet) dasjenige, über das sich mit Sicherheit nicht hinauskommen lässt: Grenzsteine des Temporaums. Sollte man den Schlag wirklich verdoppeln, müssten jedoch häufig Tempi vorkommen, die (als Einzelschlag) nicht die Grenze markieren, sondern vollkommen unsinnig weit darüber hinausschiessen (statt 5-10% z. B. 50-80%). Das ist bezeichnenderweise nicht der Fall.

Sind die Metronom-Angaben also leerer Selbstzweck? Nein. Grenzwerte, auf die man steigernd hinübt? Ja. Vielfältigste Übmethoden können erprobt werden und auf eine sinnliche Reise durch den eigenen Spielapparat führen, dessen Optimierung, Sicherheit und Durchlässigkeit bei grösstmöglicher Leichtigkeit angestrebt und in lustvollem Flow erfahren wird. Auf jeder Tempostufe wird die innere Vorstellungskraft weiterentwickelt und das Kontrollverhältnis Kopf-Finger-Taste bis hin zum laissez-faire neu austariert. Es geht immer auch um klangschöne Gestaltung und agogische Phrasierung und nicht darum, das Metronom (ausser zu gelegentlichen Übungszwecken) zu einer gestaltlos-computerhaften Ausführung durchschlagen zu lassen. «Es gibt kein Stück, welches vom Anfang bis zum Ende in gleichmässigem Tempo gespielt wird», heisst es in der Methode des Czernyschülers Leschetitzky, und auch Czerny selbst nahm es mit seinen Angaben nicht allzu genau, wie die teils differierenden Metronom-Angaben zu den Beethoven-Sonaten in der Pianoforte-Schule und der Gesamtausgabe zeigen.

Steht also nicht vielmehr der Ansatz der Befürworter einer «entmechanisierten» Musizierpraxis Kopf, wenn sie der heutigen Tendenz zu maschinellem Überperfektionismus sowie einer apodiktischen Lesart ad litteram erliegen und einige der überlieferten Tempi für unspielbar halten, uns dagegen ein starres Diktat vorwerfen wollen? Wo vergangene Zeiten doch viel eher bereit waren, für den intendierten Effekt auch mal Fünfe gerade sein zu lassen – dafür aber auch wirkliche Effekte erzielten?

Über C.P.E. Bach schrieb Matthias Claudius: «Die Allegro fahren wie schnelle Donnerwetter unter seinen Fingern heraus. Wir müssen sie nach diesem etwas geschwinder spielen». Dass Interpreten mitunter langsamer, ausdeutender spiel(t)en als die Komponisten selbst, ist nichts Neues (und wir dürfen die unkomplizierte Selbstverständlichkeit von Claudius‘ Schlussfolgerung zur Kenntnis nehmen). Aber auch der Behauptung, man spiele heute schneller und besser als früher, begegnen wir oft, und in der Tat steigerte sich das Tempo für gewisse brillante Passagen. (Für ein typisches Konzert-Allegro à la Mozart kann die halbe Note im C-Takt bei MM 70-80 angesetzt werden, was Quantz‘ oberster Tempoklasse entspricht; für die Etüden Chopins mit ihren wunderbar in der Hand liegenden Kaskaden ist schon ein Temporaum von MM 80-96 gegeben. Vergessen wir nicht, dass sich parallel zur Fingertechnik auch die Instrumente stetig veränderten und den Bedürfnissen der Zeit anpassten.)

Von Herrn Ruchti, auf dessen Werbung in eigener Sache Verlass ist, erfahren wir, dass spekulatives Kaffeesatzlesen aller Art den gleichen Anspruch auf Plausibilität erheben darf wie eine Fülle eindeutiger Zeugnisse, die ihrerseits gar keiner solchen Mutmassungen bedürfen: historische Fakten als verhandelbare Ansichtssache? Wie sieht es dann jenseits der Klavierliteratur aus? Paganini und Bravour-Arien … auch im halben Tempo?

Der Aufführungsdauer von Liszts Ad nos stellen wir die von Händel notierten Dauern einzelner Oratorien-Akte oder die von Robert Brenmer dokumentierten Angaben zu Corellis Weihnachtskonzert gegenüber und plädieren nochmals dafür, das ganze überlieferte Spektrum langsamer bis schneller Tempi differenzierend zu würdigen. Gab sich die metrische Theorie doch doppelt unglaubwürdig, als sie die schnellen Metronom-Angaben halbieren, die langsamen aber weiterhin als Einzelschlag lesen wollte (es würde halt gar zu langsam …). Für eine derart aus der Not geborene Willkür geben die Quellen wenig her. Schon 1994 hiess es in einer Rezension über Willem Retze Talsmas Methodik entsprechend polemisch: «Da zitiert einer haarscharf um jenen heissen Brei herum, der seine Sache ad absurdum führen würde. Ausschütten würde er sich vor Lachen, der Eulenspiegel Willem Retze, wenn er an seine Jünger und Jüngerinnen und an die Frohbotschaft von der Langsamkeit denkt.» (NMZ 3/1994, S. 17)

Mälzels sorgfältige Beschreibung aus dem Jahr 1816 als möglichen Beleg für konsequente Doppelschlag-Angaben noch Jahrzehnte danach gegen den Strich zu bürsten, entbehrt nicht nur der gedanklichen Akrobatik wegen der Wahrscheinlichkeit, sondern auch, weil es im Widerspruch zu unzähligen gegenteiligen Aussagen steht. Als Talsma das Publikum mit seiner nur unter Einsatz grandioser Scheuklappen denkbaren Theorie in die Irre führte und diese, vanitas vanitatum, auf Kosten der Musik als historische Wahrheit präsentierte, war dies kein nachahmenswertes Beispiel. Müssten nicht zeitgleiche Angaben im Einzel- sowie im Doppelschlag und unmissverständliche Kontroversen dokumentiert sein? Über das, was niemals war, schweigen die Quellen jedoch verständlicherweise. Wir hätten es ihnen gleichgetan, wenn die Diskussion nicht seit über vierzig Jahren durch die Fachliteratur geistern und leider auch im Hochschulbereich nach wie vor für Fehlinformation und Verwirrung sorgen würde.

So mag man historischen Metronomangaben cum grano salis Glauben schenken oder nicht – dass man malen konnte, wie van Eyck oder dass es die unfassbar präzisen Werkzeuge wirklich gab, mit denen Miniatoren einst das Book of Kells ausschmückten, scheint ebenso unglaublich. Und doch stehen sie uns klar vor Augen, die Zeugnisse menschlicher Kunst und Geschicklichkeit.
 

  • Stefan Beltinger am 28.04.22 - 20:57

    Danke

    Bravo Thomas! und Danke. Die Diskussion auf einer philosophisch wie rational hohen Ebene zu führen ist das Gebot der Stunde. Niemand will (oder sollte!) dabei Personen diffamieren! Wissenschaftliche Sorgfalt und Ehrlichkeit lässt sich durch nichts ersetzen. Mögen die Anhänger der metrischen Tempotheorie glücklich werden mit der Entdeckung einer wunderbaren neuen Erlebniswelt, die wir ihnen gerne zugestehen wollen! Solange sie es nicht als historische Wahrheit verkaufen...


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