Landpartie 
Reihe 9 # 24

Reihe 9 # 24

mku, 09.12.2018

Mit der Oper ist es ein Spagat. Da gibt es die grossen Häuser, die sich kaum ernsthaft um ihr Publikum sorgen müssen. Neben den teilweise gar vererbten Abonnements können sie auf all die (Kultur-)Touristen bauen, bei denen der Besuch einer Aufführung ein Must-have ist. Was gespielt wird, ist dabei nicht so entscheidend – in der Regel sind es ohnehin die bekannten und daher leicht bekömmlichen Leckerbissen des Repertoires von Mozart über Verdi bis Puccini. Auf der anderen Seite stehen die mittleren und kleineren Bühnen. Zwar sind wohl (vorerst) jene Zeiten vorbei, in denen man radikal, wenn nicht gar kopflos den Rotstift ansetzte, manches Budget in Not brachte, das Ensemble ums nackte Überleben kämpfte. Und doch stellen sich viele Fragen anders. So beim Spielplan. Was kann mit den zur Verfügung stehenden Mitteln und Kräften überhaupt realisiert werden, ohne auf allzu viele Gäste zurückgreifen zu müssen – auf den Brettern wie auch im Graben? Was lässt die Grösse und der technische Stand des Bühnenhauses zu? Zugleich fühlt man in kleineren Intendanzen eher eine Verpflichtung, Neues zu versuchen, Unbekanntes auf die Probe zu stellen und Perspektiven zu wechseln. Ein Wagnis, dass nicht immer gleich belohnt wird, ein Wagnis aber, ohne das Oper und Theater museal erstarren würden.

Noch komplexer wird die Situation, denkt man an jene wunderbaren Unternehmungen, die grosse Kunst abseits der Zentren auch in den ländlichen Bereich bringen. Angesichts der meist kleinen örtlichen Hallen, Säle und Aulen wird vielleicht so manch mondäner Dandy ein Lächeln auf den Lippen tragen. Doch dieses offenbart nur Unkenntnis der Anforderungen und Aufgaben. Tagtäglich wird mit dem Unmöglichen gearbeitet: Jede Inszenierung muss nach Mass, Zahl und Gewicht nicht nur ganz pragmatisch für alle Spielstätten passen, sondern auch rasch wieder ab- und aufgebaut sowie problemlos transportiert werden können. Für Bühnenbauer, Beleuchter und Disponenten eine Herkules-Aufgabe, steht ihnen doch selbst im Stammhaus oft keine geräumige Hinterbühne für Zwischenlagerungen zur Verfügung. Und überhaupt die Wege: Alle Sängerinnen und Sänger wie natürlich auch das Orchester gelangen nicht bequem mit S-Bahn oder Tram zum Spielort, sondern mit dem Reisebus.

So ergeht es auch dem 380 Mitarbeiter starken Ensemble des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters, das im hohen Norden seine weiten Kreise zieht. Flensburg, Rendsburg, Schleswig, Melsdorf und Itzehoe heissen die Spielstätten, in denen Oper, Operette und Sinfoniekonzert geboten wird. Und das Publikum weiss die damit verbundenen Mühen zu schätzen – im kuscheligen Rendsburger Stadttheater wie in der Schleswiger Dauer-Ausweichspielstätte, der A. P. Møller Skolen der dänischsprachigen Minderheit: Architektonisch fraglos sehenswert, bringt sie für die Sinfoniekonzerte allerdings kaum zu bewältigende akustische Herausforderungen mit sich. Zu hören war an diesem nebligen Novemberabend jedenfalls ein bemerkenswertes Programm, u. a. mit Franz Schrekers Vorspiel zur Oper Die Gezeichneten und der kleinteiligen, motivisch wie formal konsequent zyklisch geformten Sinfonie Nr. 1 op. 10 (1919) von Eduard Erdmann – der freilich mehr als Pianist denn als Komponist seine Platz in der Musikgeschichte gefunden hat und einst an der Flensburger Förde im kleinen Langballigau residierte. Den Erfolg von Generalmusikdirektor Peter Sommerer und seiner gut vorbereiteten Truppe indes mit purem Lokalpatriotismus zu begründen, wäre wahrlich zu kurz gegriffen.

Ihr
Michael Kube

 

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Improvisierter Bühnenaufbau in der A. P. Møller Skolen Schleswig.

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Wer sitzt in Reihe 9?

Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb.

PD Dr. Michael Kube ist Mitglied der Editionsleitung der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen) und berät des Berliner Klassik-Portal «www.idagio.com». Darüber hinaus ist er Juror für den «Preis der deutschen Schallplattenkritik». Seit der Saison 2015/16 konzipiert er die Familienkonzerte «phil. zu entdecken» der Dresdner Philharmoniker. Zudem unterrichtet Michael Kube Musikwissenschaft an der Musikhochschule Stuttgart sowie an der Universität Würzburg. - Für die Schweizer Musikzeitung schreibt er seit 2009.