Ein Platz an der Sonne 
Reihe 9 # 28

Reihe 9 # 28

mku, 09.04.2019

Auch wenn es drinnen ziemlich dunkel ist: So ein schicker Basistunnel ist eine feine Sache. Nimmt man einen bequemen EC in Richtung Süden, lassen sich in weniger als 20 Minuten ganze Jahreszeiten austauschen. So etwa Mitte März, als es nördlich der Alpen noch kalt, nass und grau war, im Tessin dann aber die ersehnte Sonne so warm vom blauen Himmel lachte, dass ein «Ah!» durch den ganzen Speisewagen ging. Entspannt und heiter war die Reise, zumal allzu geheimnisvolle Koffer, wie man sie noch aus den Agenten-Thrillern der Sechziger- und Siebzigerjahre kennt, schon lange ausgedient haben. Spätestens mit den Folgen der letzten Finanzkrise sind am Lago di Lugano einige Bankenplätze frei geworden. Wenn aber das Geschäft mit der Kohle nicht mehr so recht funktioniert, bleiben zahlungskräftige Gäste aus. Und so ist seit einigen Jahren nicht nur eine idyllisch gelegene Stadt, sondern auch ein ganzer Kanton dabei, sich neu zu erfinden.

Wie der Leuchttrum einer neuen Identität mutet jedenfalls das LAC an – ein kulturelles Signal, das im Herbst 2015 seine Pforten geöffnet hat. Angeschmiegt an einen Hügel und direkt gegenüber einer älteren Bebauung ist es an der Promenade architektonisch kein Fremdkörper. Hier hat das Museo d'Arte della Svizzera italiana sein Zuhause, hier ist die Spielstätte von LuganoInScena und LuganoMusica. Dass es zudem für jede musikalische Gattung eine passende Räumlichkeit bietet, zeigte das nun schon zum vierten Male ausgetragene Weekend di quartetti. Durch lange Gänge und ein kleines Treppenhaus gelangt man in das nüchtern-schmucklose Theaterstudio mit kaum mehr als 80 Plätzen. Anders als in so manch überdimensioniertem Kammermusiksaal spiegeln hier äussere Sachlichkeit und die Grösse des Raumes die Konzentration auf die Musik – zumal mit einer Akustik, die für diese traditionsreiche Form der Kammermusik wie gemacht erscheint. Eine Reihe 9 gab es zwar nicht, aber an drei aufeinanderfolgenden Abenden neun Werke von Haydn über Schubert, Beethoven und Brahms bis hin zu Barber, Britten, Malipiero, Prokofjew und Saariaho. Für gute, hohe und höchste Qualität standen die Quartette Energie Nove, Modigliani und Artemis (dieses noch in alter Besetzung), doch auch das bemerkenswert kenntnisreiche Auditorium wusste sehr genau, was es an den Interpretationen hatte. In dieser inneren Konzentration und äusseren Einfachheit (Pausengetränke gab es gratis) hat Kammermusik fraglos eine grosse Zukunft. Für mich als Quartett-Liebhaber ein Wochenende in bester Festtagsstimmung.

So erhebend der vierstimmige Satz am Abend war, so beeindruckend war tagsüber die Aussicht vom Gipfel des Monte Brè. Dort kam mir auch wieder mein Nachbar aus dem Speisewagen in den Sinn: Ein weitgereister Rentner mit GA. Er habe morgens daheim in Basel den Wetterbericht gehört und sich dann kurz entschlossen in den Zug Richtung wärmender Sonne gesetzt. Das Ziel seines Tagestrips: Ein Spaziergang am Lago, dann noch ein guter Kaffee. Und tatsächlich: Am Nachmittag waren in Lugano alle Bank(en)plätze belegt.

Ihr
Michael Kube

 

Image

Kommentare

* Pflichtfelder

Neuer Kommentar
Ihr Beitrag wird nach redaktioneller Prüfung veröffentlicht.

Wer sitzt in Reihe 9?

Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb.

PD Dr. Michael Kube ist Mitglied der Editionsleitung der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen) und berät des Berliner Klassik-Portal «www.idagio.com». Darüber hinaus ist er Juror für den «Preis der deutschen Schallplattenkritik». Seit der Saison 2015/16 konzipiert er die Familienkonzerte «phil. zu entdecken» der Dresdner Philharmoniker. Zudem unterrichtet Michael Kube Musikwissenschaft an der Musikhochschule Stuttgart sowie an der Universität Würzburg. - Für die Schweizer Musikzeitung schreibt er seit 2009.