Sichten & Hören 
Reihe 9 # 36

Reihe 9 # 36

mku, 09.12.2019

Alle Jahre wieder kommen die Feiertage. Dabei stehen nicht nur Weihnachten, Ostern und Pfingsten als Familienzeit hoch im Kurs. Auch sonst wird im Kalender gerne Ausschau gehalten, wo man seine persönlichen Brücken bauen kann. Es ist heute nicht mehr so wichtig, ob es sich um einen kirchlichen oder weltlichen Feiertag handelt; Hauptsache, ein längeres «Frei» lässt sich organisieren. Vermutlich war das auch der Grund, warum die Schweizer Bundesfeier 1993 per Volksinitiative zum allgemeinen Feiertag erhoben wurde. Identifikation mit dem Anlass einer Feier ist ohnehin selten. So auch bei den deutschsprachigen Nachbarn:

In Österreich wurde 1965 mit Parlamentsbeschluss der 26. Oktober zum Nationalfeiertag erklärt, verbunden mit der schon elf Jahre zuvor in die Verfassung aufgenommenen «immerwährenden Neutralität». Kurios mutet die Festlegung auf den 3. Oktober in Deutschland an: Hier geht es um den Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes. Gefeiert werden seither am «Tag der Deutschen Einheit» die Unterschriften, kaum aber die Bevölkerung, die alles überhaupt erst in Gang setzte, bis am 9. November 1989 dann die Berliner Mauer fiel. Es ist die Angst vor den politischen Rändern und den dunklen Flecken in der eigenen Geschichte, die diesen «Schicksalstag der Deutschen» als Feiertag unmöglich macht, an erster Stelle die Reichskristallnacht von 1938 und die damit verbundenen Pogrome.

Umso erstaunlicher ist es, dass sich 30 Jahre nach dem legendären «sofort, unverzüglich» die Perspektive auf den Osten langsam verändert. Stellvertretend für viele kulturelle Überrumpelungen und Verletzungen der letzten Jahrzehnte war es 2017 zum sogenannten «Dresdner Bilderstreit» gekommen, als es so schien, dass Kunst aus der DDR ins Depot verbannt worden wäre. Und Musik aus der DDR? Wo ist sie geblieben? Wo werden beispielsweise noch Partituren von Ruth Zechlin, Tilo Medek oder Reiner Bredemeyer aufgelegt? Da mutete es fast wie eine Pioniertat an, was die Dresdner Philharmonie im Kulturpalast am 9. November mit einer kleinen Reihe von Wieder- und Neubegegnungen aufs Podium brachte: angefangen mit der Sinfonie In memoriam Martin Luther King von Friedrich Schenker (1942–2013), die bei ihrer Uraufführung im Jahre 1972 an gleicher Stelle einen Skandal auslöste, noch heute vieles zu sagen hat und dringend auch andernorts gespielt werden müsste, bis hin zu einem Programm mit dem Collegium Novum Zürich, das rare Werke von Paul-Heinz Dittrich (*1930), Georg Katzer (1935–2019) und Friedrich Goldmann (1941–2009) wieder zum Leben erweckte. Doch eigenartig, dass sich selbst zur Sinfonie nur ein überschaubares Auditorium eingefunden hatte und der Kreis bis zum abendlichen Dokumentarfilm über Friedrich Goldmann immer kleiner wurde. Dennoch: Das Sichten und Hören hat hoffentlich erst begonnen.

Ihr
Michael Kube

 

  • Dorothea Medek am 26.12.19 - 23:54

    Tilo Medek 2020 = 80 Jahre (22.01.1940 - 03.02.2006)

    Die Folgen von 13 Jahren Verbot, Tilo Medeks Werke zu spielen wie auch die Nichterwähnung seiner in Publikationen ostdeutscher Musikwissenschaftler zeitigt bis heute Folgen.


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Wer sitzt in Reihe 9?

Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb.

PD Dr. Michael Kube ist Mitglied der Editionsleitung der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen) und berät des Berliner Klassik-Portal «www.idagio.com». Darüber hinaus ist er Juror für den «Preis der deutschen Schallplattenkritik». Seit der Saison 2015/16 konzipiert er die Familienkonzerte «phil. zu entdecken» der Dresdner Philharmoniker. Zudem unterrichtet Michael Kube Musikwissenschaft an der Musikhochschule Stuttgart sowie an der Universität Würzburg. - Für die Schweizer Musikzeitung schreibt er seit 2009.