Alle Zehne 
Reihe 9 # 35

Reihe 9 # 35

mku, 09.11.2019

Warum nur erscheinen zu runden Geburts- und Gedenktagen immer diese allumfassenden Handbücher und Enzyklopädien? Sicherlich: Wer auf der Höhe der Zeit ist oder es zumindest sein will, der wird bei solch repräsentativen Unternehmungen gerne zugreifen, zumal wenn diese aus gutem Hause und versierter Feder stammen. Allein das Gefühl, man könnte (wenn man wollte) alles nachschlagen, beruhigt vielfach schon den Wissensdrang der Gegenwart. Auch bei mir stehen und liegen derartige Publikationen im Regal oder auf dem Schreibtisch – denn ich habe immer noch die Erwartung, dass in etwas Gedrucktem mit namentlich genannten Autoren und Herausgebern sauber recherchiert und redigiert wurde. Die so genannte Crowd-Intelligence des Netzes kann zwar vieles, aber eben nicht alles und nicht alles sicher (der Vergleich einiger beliebiger Wiki-Artikel in ihren unterschiedlichen Sprachversionen führt nur selten zu ungeahnten Höhen, in der Regel aber eher in den Abgrund).

Enzyklopädisches oder besser: der Wunsch nach allem, hat auch längst das Musikleben erfasst. Hier waren und sind es (noch) die schönen Boxen mit Schallplatten und CDs, die zusammenfassen, was zusammen gehört: alle Sinfonien eines Komponisten, sämtliche Klaviersonaten eines anderen oder gar das komplette Œuvre eines dritten. Alles ist verfügbar. Doch ob es auch gehört wird? Eine gründliche Portion Neugier auf Ungewohntes oder Unerhörtes ist jedenfalls nötig, um sich durchzuarbeiten. Doch Vergleichbares droht derzeit im Konzertsaal. Es mag Zufall sein oder charakteristisch für den aktuellen Hang zur kulturellen Selbstvergewisserung, dass im Herbst 2019 an verschiedenen Orten nicht nur eine Auswahl, sondern gleich ganze Blöcke aus dem Werkkanon der Königsgattung Streichquartett erklangen: Beethoven sowieso. Haydn am 26./27. Oktober in Oslo (69 Werke mit 16 Ensembles nonstop in fast 27 Stunden (dokumentiert unter www.absolutthaydn.no). Oder die zehn reifen Mozart-Quartette am 12./13. Oktober im historischen Jagdsaal des Schwetzinger Schlosses.

Dort schloss die örtliche Mozartgesellschaft im 50. Jahr ihres Bestehens das 44. Schwetzinger Mozartfest mit einem eigenen Streichquartett-Marathon ab. Die innerhalb des Festes kurioserweise nochmals als Festival titulierte Folge von drei Konzerten avancierte dabei auch zu einer «Schule des Hörens», so unterschiedlich gingen das Amaryllis-Quartett und das Schumann-Quartett (sich nahezu durchgängig von Werk zu Werk abwechselnd) an den Notentext heran. Auf der einen Seite stand das stark konzertant geprägte, sich an eine «musikalische Öffentlichkeit» wendende Spiel des Schumann-Quartetts: kräftig im Ton, virtuos im Gestus, vielfach dynamisch polarisierend. Mit den Werken in G-Dur (KV 387) und B-Dur (KV 458) hatte es aus der Sammlung der Haydn gewidmeten Quartette auch die beiden repräsentativeren Partituren übernommen. Anders hingegen das Amaryllis-Quartett, das wirklich kammermusikalisch auftrat: mit einem kommunizierenden Ensembleklang, feinsten Abstufungen im dynamischen Spektrum, einem wundervoll entzeitlichten sotto voce, insbesondere in den Quartetten A-Dur (KV 464) und C-Dur (KV 465). Dass Mozarts drei letzte Werke (die sogenannten Preussischen Quartette) sich von der Faktur her eher nach aussen richten, war so gleich in doppelter Weise zu erleben. Viel Applaus von einem Auditorium, das selbst einen Applaus verdient hätte.

Ihr
Michael Kube

 

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Spätsommerliches Panorama im Schwetzinger Schlosspark.

Manuskript oben: Wolfgang Amadeus Mozart. Verzeichnüss aller meiner Werke (British Library, Slg. Zweig MS 63, f.1v)


 


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Wer sitzt in Reihe 9?

Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb.

PD Dr. Michael Kube ist Mitglied der Editionsleitung der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen) und berät des Berliner Klassik-Portal «www.idagio.com». Darüber hinaus ist er Juror für den «Preis der deutschen Schallplattenkritik». Seit der Saison 2015/16 konzipiert er die Familienkonzerte «phil. zu entdecken» der Dresdner Philharmoniker. Zudem unterrichtet Michael Kube Musikwissenschaft an der Musikhochschule Stuttgart sowie an der Universität Würzburg. - Für die Schweizer Musikzeitung schreibt er seit 2009.