Zauber der Jugend 
Reihe 9 # 33

Reihe 9 # 33

mku, 09.09.2019

Jubiläen haben etwas Schönes an sich: Gäste aller Generationen sind geladen, man blickt oft voller Stolz zurück – und hoffentlich auch nach vorn. Wenn runde Geburtstage gefeiert werden, hat dies nicht nur im Kreise der Familie eine gute Tradition. Doch was ist schon ein Menschenalter gegenüber dem der meisten Städte? Oder auch eines sinfonischen Orchesters? Aus dem dänischen Kopenhagen etwa tönt es mit stolz geschwellter Brust im Superlativ: Die Königliche Kapelle ist das älteste Orchester der Welt (Det Kongelige Kapel er verdens ældste orkester – intet andet orkester har en så lang og traditionsrig historie, som går helt tilbage til 1448). Auch Weimar (1491), Wien (1498), Kassel (1502) und München (1523) hinterlassen mit ähnlich gewichtigen Zahlen bedeutenden Eindruck. Und doch sollte man ihnen nicht blind vertrauen: Am Öresund etwa begann alles mit einem einfachen Trompetenkorps, später wurden auch Sänger mitgezählt. Mit Blick auf die einstigen Aufgaben, das gespielte Repertoire und das Publikum hinkt indes jeder Vergleich mit dem heute 120 Musiker zählenden Klangkörper.

Das vor 50 Jahren gegründete Sinfonie-Orchester Biel Solothurn (SOBS) ist dagegen noch ein munterer Jüngling. Nach einer schwierigen Phase bewegt es sich nun im Jubiläumsjahr mit neuer Trägerschaft in einem deutlich ruhigeren Fahrwasser. Wenn auch kleiner besetzt, so zeigt es insgesamt ein an Formaten und Werken weitaus abwechslungsreicheres Programm als viele der manchmal schon altersmüden Global Player – mit gleich mehreren Uraufführungen, Musik von George Antheil bis Frank Zappa, einem rein frankofonen Weihnachtskonzert (u. a. mit Musik von Arthur Honegger) und Werken, denen man nur selten oder nie begegnet: der 2. Sinfonie a-Moll op. 55 von Camille Saint-Saëns oder der Sinfonie Nr. 1 (1896) des in Genf verstorbenen Joseph Lauber.

Diese Linie war auch beim Sommerkonzert auf dem Stadtplatz von Aarberg «open air» zu erleben. Gespielt wurden vor der mittelalterlichen Bebauung nicht etwa beliebte Ouvertüren, Intermezzi oder Walzerträume, sondern gemeinsam mit Studierenden der Stiftung Schweizer Orchesternachwuchsförderung (SON) und unter der Leitung von Francis Benichou zwei wundervolle Raritäten, die ich bisher noch nirgends live gehört habe: die im Sonnenuntergang herrlich entrückt leuchtende Serenade G-Dur op. 95 von Max Reger sowie zum heiteren Ausklang die knapp gefasste Serenade op. 3 von Léo Weiner. Da störte bei fortschreitender Dämmerung dann auch keineswegs der Glockenschlag der Uhr, die vom altehrwürdigen Turm der Stadtkirche herab auch an diesem Abend unbeirrt ihren Dienst versah.

Ihr
Michael Kube

 

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Das SOBS (Sinfonie-Orchester Biel Solothurn) spielt unter freiem Himmel.

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Wer sitzt in Reihe 9?

Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb.

PD Dr. Michael Kube ist Mitglied der Editionsleitung der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen) und berät des Berliner Klassik-Portal «www.idagio.com». Darüber hinaus ist er Juror für den «Preis der deutschen Schallplattenkritik». Seit der Saison 2015/16 konzipiert er die Familienkonzerte «phil. zu entdecken» der Dresdner Philharmoniker. Zudem unterrichtet Michael Kube Musikwissenschaft an der Musikhochschule Stuttgart sowie an der Universität Würzburg. - Für die Schweizer Musikzeitung schreibt er seit 2009.