Nebenkosten 
Reihe 9 # 37

Reihe 9 # 37

mku, 09.01.2020

«Der zu zahlende Endpreis ist stets auszuweisen.» So steht es im Artikel 23 der EU-Verordnung mit der Nummer 1008, die den Verkauf von «Luftverkehrsdiensten» (also von Flugtickets) regelt. Und dieser Endpreis muss «alle anwendbaren Steuern und Gebühren, Zuschläge und Entgelte, die unvermeidbar und zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vorhersehbar sind, einschliessen». Eigentlich eine Selbstverständlichkeit gegenüber den Kunden – so möchte man denken.

Beim Besuch eines Konzertsaals, eines Theaters oder Opernhauses heisst es hingegen noch immer: Augen auf! Ich meine nicht die Reservierungskosten, die im Vorverkauf bei einem Fremdanbieter für dessen Service fällig werden. Oder gar das Ticket für die Tiefgarage. Nein, die versteckten Kosten lauern hinter dem Entree, zwar nicht in jedem Haus, dann aber umso ärgerlicher: an der Garderobe. Bis vor wenigen Jahren war es tatsächlich üblich, landauf, landab, hier eine gesonderte Gebühr zu verlangen – wohlgemerkt in Kombination mit einem Garderobenzwang. Aus Gründen der Sicherheit ist gegen diesen Zwang nichts einzuwenden, vermeidet er doch im «Ernstfall» bei einer raschen Räumung des Saals gefährliche Stolperfallen oder noch mehr. Warum aber eine Gebühr für einen verordneten Zwang bezahlen? Rechtlich ist diese offenbar noch nie beklagte Sache keineswegs eindeutig (und zwar in jede zu denkende Richtung) wie schon 2013 Rechtsanwalt Thomas Waetke in einem öffentlichen Beitrag festgestellt hat.

Juristische Spitzfindigkeiten sind freilich längst überholt, denn zahlreiche Kulturinstitutionen haben auf ein komfortables «all in» umgestellt: Beim Opernhaus Zürich, dem Theater Basel, dem Theater an der Wien, dem Staatstheater Wiesbaden oder dem Konzerthaus und der Berliner Philharmonie (und vielen anderen) ist das Abgeben von Garderobenstücken wie Mänteln, Schirmen, grossen Taschen und vergleichbaren sperrigen Gegenständen beim Ticketpreis längst inkludiert. Ioan Holender (1992 bis 2010 Direktor der Wiener Staatsoper) gab in einem Interview in den OÖNachrichten am 17. Januar 2018 zu Protokoll: «Ich habe die Garderobengebühr abgeschafft, weil, dass man das Publikum, das ohnehin alles bezahlt, bevor es überhaupt etwas sieht, auch noch zahlen lässt, um den Mantel abzugeben, ist nicht einzusehen.» Eine auch pragmatische Entscheidung, betrug die Gebühr doch bis zum 31. Dezember 2006 erstaunliche 90 Cent, bei der entweder viel Kleingeld über die Tresen ging oder gleich mit Trinkgeld aufgerundet wurde. Hingegen machen die Bühnen in Halle an der Saale aktuell noch immer eine Wissenschaft aus ihrer Abgabenordnung: «Garderobengebühr 1 € / Kind: 0,50 € / Zusatzteil: 0,50 € (ausser Kindervorstellungen).» Wie etwa Bremerhaven verlangt auch das Staatstheater Mainz für die Garderobe in allen Spielstätten Euro 1,50. Kein Wunder also, dass hier im Kleinen Haus bei einer Aufführung der Oper Zanaida von Johann Christian Bach (wunderschön ausgestattet und in einer geistreichen Inszenierung von Max Hopp) das Publikum mit den Füssen, Verzeihung: mit den Wintermänteln abgestimmt hat (Foto siehe unten).

Warum also nicht (endlich) aller Orten dem Vorbild der Staatstheater Hannover folgen: «Im Eintrittspreis ist eine Garderobengebühr in Höhe von EUR 2,00 enthalten. Dieser Betrag ergibt sich aus einer Mischkalkulation für alle unsere Spielstätten und Jahreszeiten.» Bis dahin aber lohnt, um Überraschungen vorzubeugen, in jedem Fall der Blick in die AGBs.

Ihr
Michael Kube

 

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Stillleben mit Wintermantel. Pause im Kleinen Haus des Staatstheaters Mainz
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Zur Nachahmung empfohlen. Einfach alles abgeben … (Konzerthaus Berlin)
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Ein Bild wie aus alten Zeiten (Theater Flensburg): Neben der Garderobenmarke noch ein Versicherungsschein als Werbeträger.

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Wer sitzt in Reihe 9?

Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb.

PD Dr. Michael Kube ist Mitglied der Editionsleitung der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen) und berät des Berliner Klassik-Portal «www.idagio.com». Darüber hinaus ist er Juror für den «Preis der deutschen Schallplattenkritik». Seit der Saison 2015/16 konzipiert er die Familienkonzerte «phil. zu entdecken» der Dresdner Philharmoniker. Zudem unterrichtet Michael Kube Musikwissenschaft an der Musikhochschule Stuttgart sowie an der Universität Würzburg. - Für die Schweizer Musikzeitung schreibt er seit 2009.