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Reihe 9 # 42

Reihe 9 # 42

mku, 09.06.2020

Man sagt, Not mache erfinderisch. So entstand in den letzten Wochen ein Wettbewerb der Ideen, wie auf digitalem Wege das Publikum kontaktlos erreicht werden – mehr noch: wie man die Aufmerksamkeit an sich binden könnte. Glücklich all jene, die über Jahre hinweg eine grosse Community aufgebaut haben. Sie ernten nun die Früchte ihres Marketings und der fortwährenden Präsenz in den (sozialen) Medien. Narzisstische Exaltiertheit in der Kommunikation und Gestik gehören auch dazu. Rasch sind dann bei den von einem Smartphone live übertragenen Hauskonzerten mehrere Tausend Follower dabei, wenn mit tief gebeugtem Rücken die Finger durch eine Beethoven-Sonate rauschen. Hier besteht die Kunst aber nicht nur darin, ein Werk zu interpretieren, sondern auch kleine akustische Hürden aufzubauen, um den Gratis-Content vor Fremdverwertung zu schützen.

Sind solche Hauskonzerte für einzelne Musikerinnen und Musiker noch gut umzusetzen, so haben es Bühnen, Orchester und Ensembles deutlich schwerer. Live wird für sie auch in den kommenden Wochen nur wenig realisierbar sein. Und so haben im April und Mai einige Häuser ihre Archive geöffnet, Produktionen online gestellt oder wenigstens für einzelne Tage verfügbar gemacht. Hier sind klar die im Vorteil, die mit den Protagonisten eine solche Übertragungsform auch vertraglich vereinbart hatten. Wo aber derzeit grosse Klangkörper zur Generalpause verdammt sind, mag ich schon lange keine Grussbotschaften mehr sehen oder den Versuch, virtuell etwas vielstimmig zu musizieren. Weitaus origineller mutet mich das Format Weiter hören der Dresdner Philharmonie an: Die Programme der ausgefallenen Konzerte lassen sich dank kommentierten Internet-Links auf interessante historische oder aussergewöhnliche Produktionen daheim zu selbst gewählter Stunde durchhören (begleitet vom jeweils eigenen Programmheft als pdf-File). Kein Ersatz, aber eine Schule des Hörens.

Für viele Musiker sind allerdings Hauskonzerte schlichtweg unmöglich. Den einen fehlt es am technischen Equipment, anderen an angemessenen Räumlichkeiten. Und für viele Instrumente hat sich das solistische Repertoire auch rasch erschöpft. Ausserdem muss die Frage gestellt werden, in welchem Verhältnis Aufwand und Wirkung stehen. Denn inzwischen sind ohnehin – unübersichtlich genug! – viel zu viele Stunden online verfügbar. Was aber bleibt davon, wenn wir bald wieder Musik auch körperlich auf uns wirken lassen können?

Ihr
Michael Kube

 


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Wer sitzt in Reihe 9?

Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb.

PD Dr. Michael Kube ist Mitglied der Editionsleitung der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen) und berät des Berliner Klassik-Portal «www.idagio.com». Darüber hinaus ist er Juror für den «Preis der deutschen Schallplattenkritik». Seit der Saison 2015/16 konzipiert er die Familienkonzerte «phil. zu entdecken» der Dresdner Philharmoniker. Zudem unterrichtet Michael Kube Musikwissenschaft an der Musikhochschule Stuttgart sowie an der Universität Würzburg. - Für die Schweizer Musikzeitung schreibt er seit 2009.