Abgesagt! 
Reihe 9 # 39

Reihe 9 # 39

mku, 09.03.2020

Wer kennt das nicht: Ein «Cancelled» bringt den eigenen Flugplan durcheinander, ein «Zug fällt aus» sorgt für eine ungebetene Reiseunterbrechung – oder man strandet gleich ganz.

Doch nicht nur bei Flug & Bahn gibt es Absagen. Auch im Musikleben kommt dies vor – nicht so häufig, dann aber besonders schmerzhaft. So vor ein paar Tagen erst bei Peter Maffay. Gleich zwei Musiker seiner Band sind ernstlich krank, so dass der Rest der Tour 2020 terminlich verlegt werden musste. Was hier in eiligen Pressemeldungen durch das Netz spülte, ist für das KBB (Künstlerische Betriebsbüro) in jedem Orchester oder Opernhaus das täglich‘ Brot: Ein indisponierter Solist kann im Konzert rasch ersetzt werden, wenn auch das Werk ausgetauscht wird. Wo aber in der Eile einen Ersatz für die kurzfristig erkrankte Tuba finden? Natürlich hilft man sich gegenseitig aus, und jeder Künstlerische Betriebsdirektor hat seine Notfalllisten. Metropolen mit mehreren Orchestern und einer Musikhochschule sind hier eindeutig im Vorteil! Doch was tun, wenn während einer Vorstellung das vierte Horn plötzlich ausfällt? Ich kann mich nur dunkel daran erinnern, dass es einen solchen Fall einmal gegeben hat. Ob die Strauss-Oper trotzdem zu Ende gespielt wurde? Anders sieht es bei Sängerinnen und Sängern aus, wenn die Stimme versagt. Auftreten oder nicht, lautet die heikle Frage, zumal wenn sich der Infekt allzu plötzlich auf die Stimmbänder legt? Zwanzig Jahre ist es her, dass in Kiel ein Siegfried seine Partie für das ausverkaufte Haus dennoch markierte, weil keine Aushilfe zu beschaffen war. Trotz Ansage des Intendanten wurde der Ärmste am Ende von vielen vermeintlichen Kennern vernichtend ausgebuht. Undankbar.

Bei Raritäten ist es noch schwieriger, eine Vertretung zu finden. Als Opernhäuser noch feste Ensembles hatten, wurden im Graben einfach andere Noten aufgelegt und der Bühnenaufbau gewechselt. Statt des dunklen Boris kam ich so einmal in den Genuss einer verzuckerten Martha. Diese Zeiten sind vorbei, und ein Cardillac ist nicht allerorten aufzutreiben. So fiel am Theater Hagen bereits Mitte Januar die vorletzte Vorstellung dieser viel zu selten gespielten Hindemith-Oper aus gesundheitlichen Gründen aus. Zwei Wochen später war es dann Sabine, das stürmische Orkan-Tief, die zur allzu kurzfristigen Absage führte – ärgerlich für alle Angereisten, besonders für diejenigen, die es am Abend nicht mehr mit dem Zug nach Hause schafften. Da war dann tatsächlich alles ins Wasser gefallen, auch der Plan für diese Ausgabe der Reihe 9.

Nur gut, dass weniger Kilometer entfernt in Wuppertal-Elberfeld das Stadtbad aushelfen konnte. Die auf dem Johannisberg stehende «Schwimmoper» trägt ihren langjährigen Spitznamen seit August 2019 nun auch offiziell: Nicht allein wegen ihrer steil aufragenden Tribünen, sondern auch weil nach dem Zweiten Weltkrieg lange darüber diskutiert wurde, das vollkommen zerstörte Opernhaus an dieser exponierten Lage durch einen Neubau zu ersetzen. Man stelle sich das einmal in Berlin vor: Das Kanzleramt würde auch offiziell zur Waschmaschine erklärt – bitte, nur architektonisch!

Ihr
Michael Kube
 

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Was für ein Name in Wuppertal: früher «Stadtbad» heute «Schwimmoper»!

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Wer sitzt in Reihe 9?

Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb.

PD Dr. Michael Kube ist Mitglied der Editionsleitung der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen) und berät des Berliner Klassik-Portal «www.idagio.com». Darüber hinaus ist er Juror für den «Preis der deutschen Schallplattenkritik». Seit der Saison 2015/16 konzipiert er die Familienkonzerte «phil. zu entdecken» der Dresdner Philharmoniker. Zudem unterrichtet Michael Kube Musikwissenschaft an der Musikhochschule Stuttgart sowie an der Universität Würzburg. - Für die Schweizer Musikzeitung schreibt er seit 2009.