Lockdown-Leid 
Reihe 9 # 47

Reihe 9 # 47

mku, 09.11.2020

Ob die zweite Welle wirklich so überraschend kam? Oder hatten wir alle wider besseres Wissen und voller Optimismus die Augen fest verschlossen? Nach einem vielfach propagierten «Sommer der Möglichkeiten», in dem das eine oder andere Festival ein aus der Not geborenes Rumpfprogramm auf die Beine stellte, schien mit Beginn der Saison 2020/21 wieder ein Stück «Normalität» vorhanden. Hatten wir tatsächlich schon gelernt, mit der Pandemie zu leben?

Jetzt haben wir plötzlich mit ganz anderen Fallzahlen zu tun. Und gezielt wird all das «runtergefahren», was im Bereich der Freizeitgestaltung liegt. Schlimmer aber noch als das Schliessen der kleinen und grossen Häuser ist die fehlende Anerkennung der Kulturschaffenden. So fanden sich am 28. Oktober beispielsweise auf den Seiten des Norddeutschen Rundfunks (NDR) im Katalog der «neuen Massnahmen» unter einem Punkt einträchtig gelistet: «Theater, Opern, Konzerthäuser, Messen, Kinos, Freizeitparks, Saunen, Spielhallen und Bordelle.» Tatsächlich wird auf der Bühne gelegentlich so geschwitzt wie in der Sauna. Auch mag es angehen, ein Konzerthaus einmal vorwitzig als «Spielhalle» zu bezeichnen. Bach, Beethoven und Brahms aber im Freizeitpark? Ein Gleichsetzen mit einem Laufhaus? Jedenfalls haben alle Kulturstätten in den letzten Wochen und Monaten ihr Augenmerk darauf gelegt, dass ihre Vorstellungen kontaktfrei vonstatten gingen, über die Reichweite der Aerosole bei den Bläsern wurde gar wissenschaftlich geforscht. Kaum ein Ort schien also bis vor wenigen Tagen sicherer als ein Platz im Parkett: mit namentlicher Erfassung, gesperrten Reihen, Abstand und Zuweisung eines Einzelplatzes im Schachbrettmuster.

Doch was nützen die besten Hygienekonzepte der Häuser, wenn das Publikum mit Bus, Tram oder S-Bahn anreist? Dort steht man noch immer gedrängter als zu gesunden Zeiten am Büffet oder an der Garderobe. Wie überraschend die Situation alle Kulturschaffenden traf, zeigt eine mich surreal anmutende Situation vom 29. Oktober. Da kommt zur Mittagszeit per Mail die Pressemitteilung aus Baden-Baden, dass das Festspielhaus nicht nur im November zwangsweise die Pforten schliesst, sondern dass «aufgrund der zu kurzen Vorbereitungszeit und anderer Unwägbarkeiten allerdings auch keine Veranstaltungen bis Ende des Jahres stattfinden können». Nur wenige Minuten später fällt mir aus dem Briefkasten die druckfrische Ausgabe 1 (November 2020) des neu gestalteten Magazins dieses Haues in die Hände, das auf dem Postweg unversehens von der Realität eingeholt wurde. Wie Schnee von gestern lesen sich im Editorial die Worte des Intendanten: «Denn jeden Tag frage ich mich aufs Neue: Was wird bleiben von dem, was wir uns vorgenommen haben – was wird dennoch oder gerade jetzt gelingen?»

Aktuell bleibt uns allen nur, mit Zuversicht in einen ungewissen Herbst zu gehen.

Ihr
Michael Kube

 

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Hygiene-Informationen aus dem November-Magazin 2020 des Festspielhauses Baden-Baden

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Inhalt «Reihe 9»

Wer sitzt in Reihe 9?

Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb.

PD Dr. Michael Kube ist Mitglied der Editionsleitung der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen) und berät des Berliner Klassik-Portal «www.idagio.com». Darüber hinaus ist er Juror für den «Preis der deutschen Schallplattenkritik». Seit der Saison 2015/16 konzipiert er die Familienkonzerte «phil. zu entdecken» der Dresdner Philharmoniker. Zudem unterrichtet Michael Kube Musikwissenschaft an der Musikhochschule Stuttgart sowie an der Universität Würzburg. - Für die Schweizer Musikzeitung schreibt er seit 2009.