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Reihe 9 # 46

Reihe 9 # 46

mku, 09.10.2020

Nördlich des Rheins bemerkt man den Föderalismus an nur wenigen Stellen des alltäglichen Lebens. Etwa wenn Kulturpolitiker einmal mehr über das angeblich so unterschiedliche Niveau der Matur klagen. Oft ist es aber einfach nur der Asphaltbelag der Autobahn, der einem die «Binnengrenze» körperlich vermittelt: Während die einen um die ewigen Schlaglöcher Geschwindigkeitsbegrenzungen aufstellen, sorgen sich andere tatkräftig um die «freie Fahrt für freie Bürger». Neuerdings geht es um Abstandsregeln. Vor allem in Bayern hat man dahingehend ein wachsames Auge auf Stromtrassen und Windräder, die einem nicht zu nahe kommen sollen. Auch in der Staatsoper zu München gelten strenge Regeln. Seit September dürfen dort wieder Vorstellungen vor 500 registrierten Besuchern stattfinden. Wer sich seine Karte daheim ausgedruckt hat, kommt kontaktlos zur Sitzgelegenheit – einem Einzelplatz oder einer begehrten Zweier-Kombination als «Love-Seats». Man rechnet mit der Selbstverantwortung des Besuchers, dass auch wirklich der zugeteilte Platz eingenommen wird: Nichts ist abgesperrt oder mit einem farblich passenden Schal überworfen. Umso einsamer darf man sich fühlen, wenn ein musikalisch hinreissender Figaro über die Bühne geht. Ja, hier wurde im Szenenbild tatsächlich gesungen; das Orchester spielte hingegen breit auseinandergezogen vor der Bühne. Dennoch: 2,5 Stunden ohne jegliche Pause können am Ende dann auch eine Herausforderung sein …

Woanders macht man es anders: Die Deutsche Oper Berlin brachte im September unbeirrt die Neuinszenierung einer Walküre auf die Bühne (mit täglichem Testen von allen Beteiligten), die Komische Oper indes hatte schon früh ihren Spielplan kassiert, komplett angepasst und begeisterte das Auditorium einen ganzen Abend lang unter dem Motto «Igor I» mit russischer Musik für Kammerensemble aus den ersten beiden Dekaden des 20. Jahrhunderts. So ein buntes Programm mit vielen Raritäten wird man wohl im kommenden Jahr schon nicht mehr zu hören bekommen – leider!

Lasse ich meinen musikalischen Monat Revue passieren, so erscheint angesichts dieser uneinheitlichen Möglichkeiten das zugrunde liegende Mass beliebig. Dabei ist es für jedes Haus individuell durchdacht und amtlich abgesegnet (ich wünschte mir so etwas auch für Bus und Tram, die U- und S-Bahn). Manchmal mutet der Umgang mit den Hygienekonzepten aber auch wie ein Drama an, wenn es wie in Wiesbaden Ende September zu (wie es heisst) «Missverständnissen» zwischen Theater und Gesundheitsamt kommt und kurzerhand der Spielplan ausgesetzt wird. Anders in Madrid: Dort erzwang am 20. September das viel zu eng platzierte Auditorium durch protestierendes rhythmisches Klatschen selbst den Abbruch der Vorstellung, kurioserweise ausgerechnet von Verdis Maskenball.

Dicht gedrängt geht es auch auf dem Dach der Bayerischen Staatsoper zu: Dort interessieren sich die beiden hauseigenen Bienenvölker herzlich wenig für die geltenden Abstandsregeln – und produzieren unbeirrt ihren Opernhonig.

Ihr
Michael Kube

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Im Vergleich: der normale Sitzplan …
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… und die aktuellen 500 «Möglichkeiten»

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Wer sitzt in Reihe 9?

Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb.

PD Dr. Michael Kube ist Mitglied der Editionsleitung der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen) und berät des Berliner Klassik-Portal «www.idagio.com». Darüber hinaus ist er Juror für den «Preis der deutschen Schallplattenkritik». Seit der Saison 2015/16 konzipiert er die Familienkonzerte «phil. zu entdecken» der Dresdner Philharmoniker. Zudem unterrichtet Michael Kube Musikwissenschaft an der Musikhochschule Stuttgart sowie an der Universität Würzburg. - Für die Schweizer Musikzeitung schreibt er seit 2009.