Four for ever 
Reihe 9 # 58

Reihe 9 # 58

mku, 09.10.2021

Da ist sie schon wieder: die Frage nach dem Repertoire. Kaum ist der Opern- und Konzertbetrieb angelaufen, sitze ich vielfach kopfschüttelnd vor den Spielplänen und Programmen (einschliesslich mancher gesprächsweise aufgeschnappten Vorankündigung). Zum Glück werden aktuell nur in Ausnahmefällen ausgefallene Beethoven-Veranstaltungen nachgeholt (Obacht! 2027 rückt bereits verdächtig näher). Doch hat dies wirklich neue Freiräume in der dramaturgischen Gestaltung eröffnet? Da werden auf vielen Bühnen parallel einmal mehr die bekanntesten Werke inszeniert, so dass man vor lauter Gleichförmigkeit am Ende zu Hause bleibt. Doch was hat es langfristig für Auswirkungen, wenn nun auch etablierte Konzertorchester mehr und mehr zu (konzertanten) Opernaufführungen tendieren, ihr angestammtes Repertoire dabei entweder in Frage stellen oder noch weiter verengen, statt sich auf Spurensuche, Neue Musik oder andere Kontexte einzulassen? Schaufelt man da nicht am eigenen Fundament, auf dem die gar nicht mehr so sicher verankerten Säulen stehen? Wo bleibt der Geist des Aufbruchs? Ist in der «Krise» vor lauter Angst der Mut verloren gegangen? Was trauen die Intendanzen und Dramaturgen ihrem Publikum noch zu (das sicherlich nicht eingelullt werden will)? Ich würde mir mehr Zuversicht wünschen – und schaue wieder einmal zurück, was noch vor drei Jahrzehnten alles in grösster Selbstverständlichkeit im Konzertsaal möglich war.

Ein wenig ausgenommen sind von diesen Überlegungen die grossen Konzerthäuser, die vielfach von dem leben müssen, was ihnen angeboten wird. Allerdings erscheinen sie wie ein Schmelztiegel, in dem die ganze Repertoire-Misere nur allzu deutlich hervortritt. Ein Beispiel habe ich selbst nun in Köln erlebt, in der Philharmonie, die ich wegen ihrer Architektur, der grossartigen Raumverhältnisse und natürlich der Akustik besonders schätze. Das Gürzenich-Orchester eröffnete hier seine neue Saison mit Bruckners «romantischer» 4. Sinfonie in der raren ersten Fassung von 1874. Eine spannende Begegnung, bei der dem «Kenner» sicherlich so manches Licht aufging. Wer jetzt im Schatten des Doms unter dem lang nachhallenden Eindruck den Vergleich sucht, muss in dieser Spielzeit aber nicht in den Plattenschrank greifen: Zwischen Ende September 2021 und März 2022 erklingt die Sinfonie nämlich in fünf (!) weiteren Konzerten mit vier (!) Orchestern. Fast philologisch hat das London Symphony Orchestra unter Sir Simon Rattle die zweite Fassung mit den dabei verworfenen Sätzen bereits präsentiert, es folgen in diesem Jahr noch das NDR-Elbphilharmonie-Orchester (Alan Gilbert) und das WDR-Sinfonieorchester Köln (Marek Janowski), im März bildet das Bruckner-Orchester Linz (Markus Poschner) den Abschluss dieser gleichermassen kuriosen wie erschütternd langweiligen Folge. Als ob die Auswahl bei Bruckner so klein wäre! Eher lohnt da das von drei Klangkörpern gespielte «Beiprogramm»: das fast kammermusikalische Doppelkonzert op. 102 von Johannes Brahms, die viel zu selten zu hörende Schottische Fantasie op. 46 von Max Bruch, das wundervolle Violinkonzert von Alban Berg und das neue Schlagzeugkonzert Frozen in Time von Avner Dorman. – Wer später über gelegentlich leer gebliebene Säle klagt, sollte auf das Ganze sehen.

Ihr
Michael Kube

 

Nachtrag:
Als ob eine PR-Agentur geahnt hätte, worüber ich gerade schreibe, landete kurz vor dem Neunten dieses Monats eine Neuveröffentlichung mit gleich 4 (!!) CDs in meinem Briefkasten. Auch hier: Bruckner 4 in allen Facetten – nun aber einschliesslich der Fassung von 1889 sowie Auszügen aus den frühen Entwürfen (Bamberger Symphoniker unter Jakub Hrůša).

 


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Inhalt «Reihe 9»

Wer sitzt in Reihe 9?

Immer am 9. des Monats setzt sich Michael Kube für uns in die Reihe 9 – mit ernsten, nachdenklichen, aber auch vergnüglichen Kommentaren zu aktuellen Entwicklungen und dem alltäglichen Musikbetrieb.

PD Dr. Michael Kube ist Mitglied der Editionsleitung der Neuen Schubert-Ausgabe (Tübingen) und berät des Berliner Klassik-Portal «www.idagio.com». Darüber hinaus ist er Juror für den «Preis der deutschen Schallplattenkritik». Seit der Saison 2015/16 konzipiert er die Familienkonzerte «phil. zu entdecken» der Dresdner Philharmoniker. Zudem unterrichtet Michael Kube Musikwissenschaft an der Musikhochschule Stuttgart sowie an der Universität Würzburg. - Für die Schweizer Musikzeitung schreibt er seit 2009.