Concours Reine Elisabeth 2013 
Ein strahlender Sieger aus Israel

Ein strahlender Sieger aus Israel

Martin Studer, 04.07.2013

Der 29-jährige Pianist Boris Giltburg gewann den diesjährigen Concours Reine Elisabeth. Seine Interpretation von Beethovens Klaviersonate Nr. 27 und Rachmaninows 3. Klavierkonzert begeisterte Jury und Publikum gleichermassen.

Im Alter von fünf Jahren wanderte Boris Giltburg mit seiner ganzen Familie aus der damaligen Sowjetunion nach Israel aus. Der sympathische und bescheiden auftretende Gewinner ist kein unbeschriebenes Blatt, hatte er doch bereits 2002 den 2. Preis beim Santander-Wettbewerb in Spanien, 2003 den 1. Preis beim Vendome-Wettbewerb in Lissabon sowie 2011 den 2. Preis beim Arthur-Rubinstein-Wettbewerb in Tel Aviv gewonnen. Er war auch schon mehrere Male in der Schweiz zu hören. Neben seiner begeisternden Musikalität beeindruckt Boris Giltburg durch die Fähigkeit, sich fliessend hebräisch, russisch, englisch, französisch und auch deutsch zu unterhalten. Sein Name deutet auf eine deutsche Herkunft, die Familiengeschichte lässt sich aber, wie er erzählte, nicht über mehr als drei Generationen durch die Wirren der Geschichte zurückverfolgen. Er zeigt neben seiner hauptberuflichen Tätigkeit als Pianist und Musiker grosses Interesse an (deutscher) Literatur, Malerei und neuerdings an Fotografie. Diese interdisziplinäre Kunstbetrachtung spielt hörbar in seine musikalische Interpretation hinein. Sein berührendes Spiel ist äusserst differenziert und nuancenreich, sodass die Musik zum agogisch atmenden und sogar die Pausen zum klingenden Erlebnis werden. Dass dabei die Technik nie Selbstzweck ist, sondern immer zu Gunsten der Musik überlegt eingesetzt wird, hob Boris Giltburg weit von zahlreichen der zwölf Finalistinnen und Finalisten aus neun Ländern ab. Man darf gespannt sein, wohin sein Weg noch führen wird.

Rémi Geniet
Der 2. Preis ging an den erst 21-jährigen Franzosen Rémi Geniet, der mit poetischem Spiel und differenzierter Anschlagskultur bei Beethoven (Sonate Nr. 9 op. 14/1) und beim zeitgenössischen Pflichtstück In the Wake of Ea des jungen französischen Komponisten Michel Petrossian faszinierte und überzeugte. Er verstand es sehr schön, zwischen Melodik und Harmonik ein Gleichgewicht herzustellen und auch graduelle Abstufungen bei Dissonanzen hörbar zu realisieren.

Mateusz Borowiak
Den 3. Preis gewann verdient der 25-jährige polnisch-britische Pianist Mateusz Borowiak. Mit seiner Interpretation von Beethovens As-Dur-Sonate (Nr. 31, op. 110) zog er das Publikum in Bann. Auch die kleinste Note hatte ihren intuitiv und bewusst vom Pianisten erfassten Sinn. Zudem bewies er überzeugendes formales Verständnis, was das Umsetzen von Rezitativ, Fuge, von polyfonen und homofonen Abschnitten in diesem Spätwerk Beethovens betraf. Borowiak positionierte sich weit oben im Feld aller Finalisten und bewegte emotionale Welten, etwa in seinen Modulationen. Dadurch wurde sein Auftritt im Finale (ähnlich wie bei Giltburg) zu einem Konzerterlebnis, das den Wettbewerbsrahmen vergessen machte. Er erreichte damit auch die überzeugendste und differenzierteste Interpretation des Stücks von Petrossian. Bei ihm entstehen durch Anschlagsaufbau- und -abbaureihen sogar Melodien. Das belgische Nationalorchester begleitete einfühlsam unter der kompetenten Leitung von Marin Alsop. Es verschmolz hier am eindrücklichsten mit dem Pianisten zu einer musikalischen Einheit.
Die weiteren Preisträger waren: 4. Preis: Stanislav Khristenko (Russland), 5. Preis: Zhang Zuo (China) und 6. Preis: Andrew Tyson (USA).

Höchst anspruchsvoller Wettbewerb
Der Concours Reine Elisabeth zählt zu den anforderungsreichsten internationalen Musikwettbewerben und das Niveau der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist zum Teil extrem hoch. Von den Kandidaten wird ein breites Repertoire über alle Stilepochen und Gattungen verlangt – bis hin zur selbständigen Einstudierung eines jeweils extra geschriebenen, ebenfalls preisgekrönten zeitgenössischen Stücks. Jeder der zwölf Finalisten hat nach dem überstandenen Halbfinal mit 24 Kandidaten genau eine Woche Zeit, sich dieses Stück in Klausur zu erarbeiten. Da bleibt nur wenig Zeit für das grosse romantische Solowerk und das Kammermusikstück. Wie die in den ersten beiden Runden gespielte Literatur müssen diese Stücke dann schon möglichst perfekt sitzen. Die Proben mit dem Orchester und der Dirigentin sind kurz. Auch wenn der Komponist während der Klausurwoche gelegentlich anwesend ist, um Fragen der Kandidaten zu beantworten, können ihre Emotionen in dieser Zeit oft Berg und Tal fahren. Das ist nicht erstaunlich, trotz freundschaftlicher und hilfsbereiter Stimmung unter den Finalisten. Wer aber schliesslich mit seinem Können obenaus schwingt, hat sehr gute Voraussetzungen für eine internationale Karriere als Solist. Unzählige haben es in den über 75 Jahren, in denen es diesen Wettbewerb schon gibt, geschafft, darunter heutige Stars wie Vladimir Ashkenazy, Gidon Kremer, Vadim Repin, Baiba Skride, um nur einige zu nennen.

Mehr Informationen zum Wettbewerb und zu den kommenden Austragungen: www.cmireb.be

 


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