Œuvres Suisses - ein neues sinfonisches Repertoire  
Elf Orchester machen sich stark für das aktuelle Schaffen

Elf Orchester machen sich stark für das aktuelle Schaffen

Zeno Gabaglio, Übersetzung Maja Enderlin , 09.01.2014

Mehr als 33 000 Zuhörer bis 2016 für ein neues Repertoire sinfonischer Werke von Schweizer Komponisten – dieses Ziel hat sich das Projekt «Œuvres Suisses» gesetzt, das am 12. Dezember 2013 im Palazzo dei Congressi in Lugano gestartet wurde.

Neue Schweizer Orchesterwerke sollen also geschaffen werden, um die Zusammenarbeit zwischen den zeitgenössischen Komponisten und den Sinfonieorchestern zu verbessern. Diese jahrhundertelange Verbindung, Rückgrat der europäischen Musikgeschichte, scheint seit mindestens dreissig Jahren in einer schweren Krise zu stecken. So wurde keine einzige nach 1980 entstandene Komposition ins Repertoire der Sinfonieorchester oder, als gleichwertige Werke zu denjenigen von Ravel, Brahms, Beethoven oder Mozart, regelmässig in die Konzertprogramme rund um die Welt aufgenommen.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass in der Zwischenzeit keine neuen Kompositionen entstanden wären. Vielmehr lernten wir zahlreiche und wertvolle neue Werke kennen, die von der Kritik und vom Publikum gleichermassen geschätzt wurden. Tatsache ist jedoch, dass es nicht gelungen ist, diese Stücke ins Repertoire zu integrieren, und das führt zwangsläufig zur Frage: Können die Sinfonieorchester heute noch ihren Beitrag zu einem neuen sinfonischen Musikschaffen in der Schweiz leisten?

33 neue Orchesterwerke

Mit einem unumstösslichen Ja haben der Verband Schweizerischer Berufsorchester orchester.ch, die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia sowie die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG SSR gemeinsam diese Frage beantwortet. Ein Ja, das glücklicherweise nicht dogmatisch, sondern kreativ ist, das Ideen für eine mögliche Entwicklung umreisst und die Kräfte optimieren will, um die oben erwähnte gefährliche Tendenz umkehren zu können.

Also haben sich die Sinfonieorchester aus Bern, Luzern, Basel, Biel und St. Gallen, die Kammerorchester aus Lausanne und Zürich, das Musikkollegium Winterthur, das Tonhalle-Orchester Zürich, das Orchestre de la Suisse Romande sowie das Orchestra della Svizzera Italiana verpflichtet, in den nächsten drei Jahren je drei speziell für diese Gelegenheit in Auftrag gegebene Werke uraufzuführen. – Elf Orchester, die sich als direkte Partner der Komponistinnen und Komponisten zur Verfügung stellen und ihnen gleichzeitig die Möglichkeit bieten, dieses so reiche und vielschichtige Werkzeug zu nutzen.

Mit Œuvres Suisses wird somit ein Repertoire an neuer Orchestermusik von beträchtlichem Umfang geschaffen, das – dank Direktübertragungen durch SRG SSR und einer zusammenfassenden Veröffentlichung am Schluss – auch über die Uraufführung hinaus verfügbar sein wird. Ein Repertoire, das eine neue sinfonische Tradition für die Orchester und das Publikum begründen und eine tragfähige Substanz für das Schweizer Musikleben bilden soll.

Andere Art der Förderung

Jetzt könnte man sich fragen, weshalb man nicht schon früher daran gedacht hat, ein solches, in jeder HInsicht wertvolles Projekt zu begründen? Eine Antwort auf diese Frage liegt zweifellos im Paradigmenwechsel bei der Förderung durch Pro Helvetia, Frucht der Zusammenarbeit aller beteiligten Initianten. Bisher unterstützte die Schweizer Kulturstiftung ausländische Gastspiele unserer Orchester nur unter der Bedingung, dass ein Werk eines zeitgenössischen Schweizer Komponisten ins Programm aufgenommen wurde. Zukünftig soll die gleiche Unterstützung auch ohne diese Auflage gewährt werden, aber nur jenen Orchestern, die sich vor heimischem Publikum nach den Regeln des Projekts Œuvres Suisses am neuen Musikschaffen beteiligen.

Die Institutionen haben einen ersten Schritt gemacht, die Orchester ebenfalls. Nun müssen auch die Komponisten aktiv werden, das ist ein wesentlicher Punkt des Projekts. Den Anfang gemacht als eine Art Wegbereiter hat Nadir Vassena, sowohl in einer Medienkonferenz als auch mit der Uraufführung seiner Komposition Vergessene Lieder. Die Autoren dürfen das Publikum nicht vergessen, an das sie sich wenden, und müssen gewisse starre Ansätze der Vergangenheit aufgeben. Nur ein vielschichtiges Zusammenwirken von Qualität, Kommunikation, Tradition und Gefühl wird ein sinfonisches Werke zum Erfolg führen. Und dieser Erfolg ist erst wirklich errungen, wenn er die Jahre überdauert.

Bild: Nadir Vassena (Mitte) nach der Uraufführung der «Vergessenen Lieder» vor dem Orchestra della Svizzera Italiana, mit Konzertmeister Robert Kowalski und Dirigent Ion Marin


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