Meinungsbeitrag zur Nutzung neuer Instrumente in Konzertsälen  
Saalorgel-Zwillinge

Saalorgel-Zwillinge

Rudolf Meyer, 17.06.2020

Sowohl in Basel wie in Zürich werden derzeit neue Orgeln in die Konzertsäle eingebaut. Der Orgelspezialist Rudolf Meyer aus Winterthur nimmt dies zum Anlass, die Diskussion über Zweck und Charakter solcher Instrumente mit einigen Stichworten anzuregen.

1956 wohnte ich einem Orgelabend von Helmuth Reichel in der Zürcher Tonhalle bei, es blieb wohl der einzige in neuerer Zeit. Seither beobachte ich das eher leidvolle Saalorgelkapitel aufmerksam. Und gerne trage ich dieses Votum bei, um Bewegung in die etwas zu ruhige Diskussion zu bringen im Hinblick auf die zwei im Bau begriffenen Instrumente. Es gilt, die sich eröffnenden, sagenhaften Chancen jetzt zu erkennen und zu nutzen! Wir sind einmal mehr gespannt auf den fairen Wettstreit zwischen «Basel und Zééri».

Konzertsäle verfügen über eine Akustik, die der absoluten Durchhörbarkeit des schwingenden Orchesterklangs dienen soll. Bei der Orgel sind Kirchenräume idealer, weil durch ihre Hallverhältnisse die starren Klänge der Pfeifen miteinander sozialisiert werden. Viele der neueren, mir bekannten Saalorgeln leiden darunter, dass sie knallig, gläsern und gerne zu laut klingen neben dem Orchester. Und dann heisst es, dass sie eigentlich unbrauchbar seien. Ist es nicht bezeichnend, dass in England Saalorgeln füllig und warm klingen und sich mit Orchestern wie von selbst mischen? Eher weniger geeignet sind sie für alte Meister. Meine Erinnerung an die Tonhallen-Orgel von 1939 bis 1986 geht genau in diese Richtung, weshalb ich mich 1985 für deren Erhalt einsetzte: als Alternative zum damals gängigen neubarocken Klanggewand bei Kirchenorgeln.

Freuen wir uns von Herzen, dass in zwei bedeutenden Konzertsälen neue Orgeln installiert werden und unser einheimischer Orgelbau einmal mehr seinen hohen Qualitätsstand beweisen darf. An beiden Orten ist es nun das dritte Projekt, das auf zwei «Provisoires qui ne durent pas» folgt.
 

Stichworte zu den neuen Instrumenten in Basel und Zürich

Stadtcasino Basel: Metzler-Orgel

  • Beibehaltung des historischen Gehäuses bei 56 Registern
  • Saalakustik: weitgehend Neuland für das Haus Metzler
  • Elektrisch gesteuertes Instrument mit mechanischem Effektmanual mit zwei Spieltischen für Dirigenten-, Ensemble- und Publikumsnähe
  • Klug beschränkte Disposition in Bezug auf die Windladengrösse und die Raumverhältnisse

 

Tonhalle Zürich: Kuhn-Orgel

  • Bezug zur alten Tonhalle-Orgel nach 1939 bei geglückter Neuinterpretation des damaligen Gehäuses. «Wiedergutmachung» für dessen Exil ins Neumünster
  • Reiche Erfahrung des Hauses Kuhn mit Sälen (USA, Japan, Europa)
  • Disposition beträchtlich und ausladend, wohl dank dem Wegfall der gesamten Spielmechanik, somit unter Preisgabe des physischen Kontakts zum Pfeifenventil
  • Echte Klangbereicherung durch neue Registerkreationen wie Flauto turicensis oder Nasenflöte!
  • Ein mobiler Spieltisch, dank fliegender Windlade bloss drei Manuale und damit bessere Dirigenten-, Ensemble- und Publikumsnähe
  • Pragmatischer Verzicht auf mechanische Traktur angesichts des Schaubedürfnisses des Publikums

Wunschzettel zur Wertschätzung

An beiden Standorten eigentliche Szenen für Orgel- und Orgel-Orchester-Anlässe, also ein Ruck durch die städtischen Musikwelten überhaupt
Was machen wir mit einer grossen, tollen, millionenteuren Villa auf der grünen Wiese? Gehen wir daran, Wege zu schaffen, damit sie öfter Gastgeberin sein kann. Die aufwendigen Neubauten sollten eine überregionale Ausstrahlung bekommen.


Lebendige Synergien mit beiden Musikhochschulen und Bühnen
Allein noch in Genf verfügt eine Musikhochschule über eine eigene grosse Saalorgel. An allen andern Orten ist das Instrument ideell und materiell ausgelagert in Kirchen, und ein grosses Repertoire an sinfonischer Orgelmusik muss mit dafür eher ungeeigneten Emporen vorlieb nehmen – mit und ohne Orchester. Mit den neuen Instrumenten soll die Zusammenarbeit erwachen zwischen Konzertgesellschaften, Hochschulen und Bühnen. Speziell im Bereich der Choreografie eröffnen sich mit diesen Sälen sensationelle Chancen. Orgeltänze kennen wir seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Frankreich: Widor, Vierne, Messiaen, Alain, Litaize, Heiller, Bovet. Hinzu kommen sinfonische Transkriptionen.


Die Konzertgesellschaften selber oder delegierte aktive Körperschaften als Orgelkonzertveranstalter
Dermassen gewichtige und ausladend-repräsentative neue Orgeln rufen nach einer eigenen Szene. Nach den Millionenaufwänden sind angemessene Einrichtungen für Orgelveranstaltungen zu schaffen. Entweder sind diese in den Betrieb der beiden Konzertgesellschaften integriert oder an Vereine zu delegieren. Dies ist deshalb vordringlich, weil das von mir mitinitiierte Projekt KunstKlangKirche Zürich infolge einer schwachen Interessenlage nicht zustande kam. Bei Luzerns KKL-Orgel sorgte bis vor Kurzem die Erbauerin und ortsansässige Firma Orgelbau Goll für Konzerte.


Mittel für den Betrieb proportional zu den hohen Baukosten und den prominenten Stellungen dieser Instrumente
Es sind beträchtliche Mittel bereitzustellen für Solistenhonorare, Werbung und die räumliche Infrastruktur wie etwa den Orgelunterhalt. In Basel und Zürich hat man bis heute seine Mühe mit letzterem.


Organisatorische Integration von Orgelkonzerten in den jeweiligen Saalbetrieb
Dem Vernehmen nach gibt es immer wieder Probleme, wenn Konzertsäle für einzelne Organisten stundenlang reserviert werden müssen. Ausreichende Probezeiten sind aber erforderlich, weil jedes Instrument ein Unikum ist und stets spezielles «Orchestrieren» jeder Partitur erfordert.


Titularstellen für Konzerte, Choreografien und ggf. Meisterkurse
Aus dem Geschriebenen resultiert die Errichtung einer gut alimentierten Organisten-Konzertstelle, weit über das Orchesteramt hinaus. Entweder spielen die künftigen Stelleninhaber selber, werden auch beigezogen bei Oratorienaufführungen, oder sie ziehen Konzertzyklen auf, auch mit Gästen aus dem In- und Ausland. In Zusammenarbeit mit den Dozenten der Musikhochschulen sollen auch Meisterkurse und dergleichen stattfinden können. Vorbilder haben wir in den angelsächsischen Städten mit ihren Town-Halls oder Universitäten, wo sich z. B. Mittags-Recitals einer grossen Beliebtheit erfreuen. Ist das Organistenamt jedoch mit einem städtischen Kirchenamt eng verbunden, so wird die Saalorgel immer zurückstehen müssen – wie die Geschichte beider Säle lehrt. Verhindern wir also das Dasein als «Seitenwagen» der tief verwurzelten Kirchenszene.


Orchester-Orgelkonzerte im Pflichtenheft von Haus- und Gastdirigenten
Warum kennen unsere Dirigenten die Eigenheiten eines jeden Orchesterinstrumentes, haben jedoch wenig Ahnung vom Wesen der Orgel? Noch immer wird an den Ausbildungsstätten die Orgel in die «ferne» Kirchenwelt wegbeordert. Kein Wunder, dass Dirigenten ohne konkreten Auftrag sich niemals an die zwei Dutzend wunderbare Orgelkonzerte mit Orchester heranwagen. Was habe ich dabei schon alles erleben müssen an absolut unbrauchbaren Anweisungen! Solche Konzerte gehören von jetzt an in die Pflichtenhefte von Chef- und Gastdirigenten. Wäre ein entsprechendes Interesse schon länger vorhanden, so hätte man die Saalorgeln in beiden Städten längst saniert und klanglich in Ordnung gebracht.
Freilich ist auch einzuräumen, dass der maschinelle Anteil an der Orgel viele Interpreten daran hindert, wirklich gestaltend zu spielen. Mit Apostel Paulus gesprochen: «... und könnte alle Noten tadellos hinbekommen, hätte aber der Musikliebe nicht …» Da verstehe ich gewisse Vorbehalte vonseiten der Dirigenten dann doch nur allzu gut!
 

Grundsätzliche Gedanken zum Orgelbau

Orgelbau als Balance zwischen Idealvorstellungen und Auftrag
Im Gegensatz etwa zum Geigenbau schwingt das nicht industrielle Handwerk der Orgelbauer hin und her zwischen eigenen Vorstellungen, die ganz aus dem Instrument selber herauswachsen, und den Wünschen der meist grösseren Gremien der Auftraggeber, der künstlerischen und materiellen Bauherrschaft.


Orgelkonzepte vom Instrument her denken
Es ist wichtig, dass instrumentenbezogenes Denken Vorrang hat vor den «Wünschbarkeiten» einer sehr zeitgebundenen Organistenschaft etwa in Bezug auf Finessen bei elektronischen Steuerungen. Solches heisst für mich Orgeldenken.


Das klassische Instrument ist wichtiger als Sensationseffekte
Es gibt Leute, die nach Sitzberg, Fribourg, Luzern oder Kufstein pilgern, nur um Zimbelsterne, Regenmaschine, Gewitter oder Flächensound zu bewundern. Im Orgelbau sollte die Grenze dort gezogen werden, wo die emanzipierte elektronische Klangbranche Tätigkeitsfelder besser beherrscht. Warum denn verfügen die Orchesterinstrumente nicht schon längst über elektronische Moderatoren an Geigenstegen, Bläserkörpern oder Schlagwerk?


Die wahre Kunst besteht aus dem fantasievollen Umgang mit der «starren» Tongebung
Gerade die gesteinsmässige Starrheit des Orgelklangs, sein Wesen von Klang oder Pause, ist so faszinierend wie herausfordernd. Oder wie es Marie-Claire Alain 1969 ausdrückte: «Le bon goût, c’est la connaissance du style.»
 

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Zurzeit sind beide Orgelzwillinge in statu nascendi. Mit vielen Glückwünschen, aber auch hohen Erwartungen an die beiden Orgelbauhäuser freue ich mich auf die Resultate und die neu und bald erblühenden Aktivitäten.



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