The Music Meeting Day 
Moderne Technologie und Copyright

Moderne Technologie und Copyright

Michael Gasser, 01.10.2013

Bei der neunten Durchführung des «Musiksymposiums – The Music Metting Day» standen Neuerungen bei YouTube und Diskussionen über Segen und Fluch von Streaming-Diensten wie Simfy oder Spotify im Zentrum.

Eröffnet wurde das neunte «Musiksymposium – The Music Meeting Day» von Michael Grossenbacher. Bis 2009 war der Berner Teil der A-cappella-Truppe Bagatello, zwei Jahre später stellte er seine erste Soloshow auf die Beine: «Therapie». Er erzählte von einem Teenager, der ihn unlängst gefragt habe, welchen seiner zwei Traumberufe er ergreifen solle: Bäcker oder Musiker? «Meine Antwort: Willst du Geld verdienen? Dann werde Bäcker.»

Womit der von der Schweizerischen Vereinigung der Musikverleger erstmals im Zürcher Hallenstadion durchgeführte Anlass im Nu bei einer Kernfrage angelangt war: Was muss ein Musiker alles unternehmen, um auch von seiner Kunst leben zu können? Wenigstens teilweise. Eine abschliessende Antwort auf diese Frage bot zwar auch das folgende Referat von Oliver Heckmann, Director of Engineering YouTube, nicht, aber: Der Vertreter des 2005 gegründeten Unternehmens zeigte Wege auf, wie via YouTube Geld generiert werden kann. Auch in der Schweiz. Möglich ist dies dank der Freischaltung von www.youtube.ch – seit April steht die Site jetzt Produzenten von Content, aber auch Werbetreibenden zur Verfügung. Für Schweizer Musikschaffende, die bei der Suisa angemeldet sind, bleiben die Geldtöpfe des Tochterunternehmens von Google Inc. bis auf weiteres verschlossen, denn noch sind sich die Genossenschaft der Urheber und Verleger von Musik und YouTube uneinig, wie hoch die Entschädigung pro gespieltem Clip ausfallen soll. «Wir sind am Verhandeln und ich glaube, dass bald eine Einigung erzielt wird», gab sich Heckmann optimistisch. Ebenfalls für die Schweiz freigeschaltet wurden die sogenannten Partnerprogramme. Mit diesen können Produzierende auf YouTube eigene «Kanäle» kreieren, was beispielsweise Julia Graf alias Miss Chiveous auch schon gemacht hat. Mit Erfolg. Die Bernerin hat sich – Stand Mitte September – einen Kreis von 564 935 Abonnenten aufgebaut. Allerdings ist Graf keine Musikerin, sie erteilt Schminktipps. Musikschaffende, die der Suisa angehören, finden sich bei den Partnerprogrammen noch keine. Auch hier gilt: Erst muss es zu einer Einigung zwischen der Verwertungsgesellschaft und YouTube kommen. «Um jetzt oder später in ein Partnerprogramm aufgenommen zu werden, muss man zudem gewisse Bedingungen erfüllen», führte Heckmann aus. Wer sich etwa schon einmal einer Urheberrechtsverletzung schuldig gemacht hat, kommt nicht mehr in Frage.

Heckmann malte ein blühendes Zukunftsszenario, sprach von der Milliarde YouTube-Nutzer, vom letztjährigen Wachstum um 50 Prozent und von den sechs Millionen Videos, die Monat für Monat auf das Portal hochgeladen werden. Die Chancen, via YouTube dereinst den einen oder anderen Franken verdienen zu können, sind zweifelsohne intakt. Um welche Beträge es sich dabei handeln könnte, ist hingegen offen. Zum Vergleich: In den USA schüttet YouTube pro 1000 Videostreams rund 10 Dollar aus, die es dann unter sämtlichen Rechteinhabern aufzuteilen gilt. Der Durchschnittsmusiker wird von derlei Summen nicht leben können. Es wäre ein Zubrot. Wie sagte doch Heckmann? «Je bekannter ein Musiker ist, desto schneller sollte er mit uns in Kontakt treten.»

Die «Mittelklasse» verdient fast kein Geld mehr
Beim Panel «Download vs. Streaming», äusserte Steffen Holly Verständnis für die Konsumenten. «Selber bin ich ja auch begeistert von den bestehenden Angeboten», sagte der Head of Business Unit Media Management & Delivery. Unter diesen würde vor allem die «Mittelklasse der Musiker» leiden. «Sie verdienen fast kein Geld mehr.» Eine Tatsache, die Dennis Hausammann, Mitinhaber iGroove Switzerland, mit Zahlen verdeutlichte: «Rund eine Million Streams sind nötig, damit ein Musiker nur schon seinen monatlichen Krankenkassen-Beitrag bezahlen kann.» «Kleinere» Künstler würden das Gros ihrer Einnahmen via iTunes erzielen und nicht etwa via Streamingdienste wie Simfy oder Spotify, sagte Hausammann. Man müsse den neuen Technologien eine Chance geben, plädierte Julie Born, Director Sony Music Schweiz. «In Schweden wurden bereits drei Millionen kostenpflichtige Premium-Streaming-Abos gelöst, in der Schweiz sind es bis jetzt erst gut 75 000.»

Alexander Herbst, CEO Simfy, erklärte: «Wir zahlen bereits einen siebenstelligen Betrag an die Major-Labels aus. Und einen deutlich kleineren an die Unabhängigen.» Doch das werde sich regulieren, gab er sich überzeugt. «Es wird wohl zu einer ehrlicheren Verteilung kommen.» Sein Unternehmen, das in Berlin beheimatet ist und an die 20 Millionen Songs im Streaming-Angebot hat, komme derzeit gut über die Runden, aber: «Auch für uns wachsen die Bäume nicht in den Himmel.» Poto Wegener, Direktor Swissperform, kritisierte, der momentan von Simfy und Spotify ausbezahlte Betrag pro Stream sei viel zu gering. Und als eines der Hauptprobleme machte er fehlende Transparenz aus. «Ich möchte von den Streaming-Diensten endlich mal wissen, was im Durchschnitt pro Stream ausgeschüttet wird.» Die Antwort von Alexander Herbst: «Wir geben einzig bekannt, wie viele Streams passieren.»

Trotz aller Differenzen schien die Mehrheit der Gesprächsteilnehmer an die Zukunft von Streaming-Diensten zu glauben. Und daran, dass sich Musiker auf diesem Wege wieder mehr Einkommen verschaffen könnten. «Ich denke, dass die Entwicklung nun wieder in Richtung Künstler und zulasten der Labels geht,» schloss Steffen Holly.

Verkaufszahlen und Vermarktungsmodelle
Mit seinem nachfolgenden Referat unter dem Titel «Mehr als eine Vision – Copyright und fortschreitende Technologie im Einklang» wagte Holly einen Blick in die Zukunft. Um Kommendes abschätzen zu können, gelte es, sich zunächst mit der Vergangenheit zu beschäftigen. 2009 hätten sich gerade zwölf Alben noch mehr als eine Million Mal verkauft. Gegenüber früheren Zeiten ein Klacks. Statt zu versuchen, das geltende Urheberrechtsgesetz zu ändern, solle man lieber darüber nachdenken, das ganze System neu aufzugleisen. Schliesslich sei anzunehmen, dass Streaming nicht der letzte Technologieschritt bleibe. «Ich möchte mich nicht immer wieder aufs Neue mit Anwälten beschäftigen müssen, um sicherzustellen, dass mein Business legal ist», bemerkte Holly. Heute sei es längst möglich zu eruieren, wer was und wie lange höre. «Content und Nutzer zu identifizieren ist nicht gratis, aber machbar.»

Das abschliessende Panel drehte sich ums Thema «Funktionierendes Netzwerk: Künstler – Produzent – Industrie». Vom sogenannten 360-Grad-Modell zeigte sich nur gerade Reto Lazzarotto, Geschäftsführer und Partner von Gadget Records, wirklich angetan. «Wir schwören auf das Modell.» Dabei bindet sich ein Künstler in allen Bereichen – vom Klingelton über das Management bis hin zu den Konzerten – an eine einzige Firma. «Ich bin zwar persönlich kein grosser Fan des Modells, aber für manche Musiker ist es das Richtige», erklärte Fabienne Schmucki, PR-Managerin beim Plattenvertrieb Irascible. Auch Ivo Sacchi, Managing Director von Universal Music Switzerland, sagte: «Man muss von Fall zu Fall schauen.»

Die Verkaufszahlen der Indie-Labels seien inzwischen ernüchternd, meinte Schmuki. «Da ist man froh, dass es noch andere Möglichkeiten gibt, Geld zu verdienen.» Bei Gadget werde vor allem auf Langfristigkeit gesetzt, so Lazzarotto. «Um einen Künstler richtig aufzubauen, sind zwischen drei und fünf Jahren nötig.» Mit den Major-Labels stehe man dabei nicht im Konkurrenzkampf, vielmehr arbeite man mit diesen zusammen, und zwar gut. «Auf der Schweizer Musikplattform mx3 finden sich an die 21 000 Bands. Da wäre es ja ein Zufall, wenn wir uns alle um dieselben Interpreten streiten würden.»

Ob Indie-Label oder Major – alle beklagten sich darüber, wie schwierig es mittlerweile sei, Radiozeit für einen Künstler zu bekommen. «Es wäre schön, wenn wir Druck auf die Stationen ausüben könnten, träumte Sacchi, «aber ich wüsste nicht wie.» Dass die Situation in Deutschland ähnlich prekär ist, bestätigte die Dozentin und Inhaberin einer Künstleragentur, Gabriele Skarda: «Eine gefährliche Entwicklung.»

Was bleibt, ist die Tatsache, dass überall viel Musik gehört wird. Vielleicht mehr denn je.
 


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