Buchrezension: Spex, das Magazin für Popkultur 
33 1⁄3 Jahre Popjournalismus

33 1⁄3 Jahre Popjournalismus

Hannes Liechti, 08.01.2014

Das deutsche Magazin für Popkultur «Spex» blickt mit einer Artikelsammlung auf drei Jahrzehnte Popkritik zurück, die es massgeblich mitgeprägt hat.

«Es gab nur zwei Lager: Wir selbst und die Doofen.» Für die deutsche Autorin Clara Drechsler war die Welt 1980 noch einfach gestrickt. Es gab jene, die sich mit der aktuellen Popkultur auskannten, mit Bands wie Throbbing Gristle, den Fehlfarben oder den Simple Minds. Und es gab jene, die davon keine Ahnung hatten. Zur ersten, eingeschworenen Truppe gehörte Drechsler selbst. Mit weiteren Eingeweihten gründete sie 1980 in Köln das Magazin für Popkultur Spex, das den deutschen Popjournalismus im Folgenden erheblich prägen sollte. Zu den Anderen gehörten nicht zuletzt die Feuilletons, für die Pop eher Fremdkörper denn ernstzunehmendes Massenphänomen war.

Heute, 34 Jahre später, ist alles anders. Pop ist überall. Die Zeitungen haben keine Berührungsängste mehr – die Ressorts heissen statt «Kultur» und «Feuilleton» «Entertainment» und «Lifestyle». Neue Medien wie Internet oder Gratiszeitungen drangen in die Sphäre von Spex. Für den ehemaligen Chefredakteur Max Dax und die Autorin Anne Waak ist die Zeit gekommen, zurückzublicken. In dem fast 500 Seiten starken Band Spex – Das Buch. 33 1/3 Jahre Pop versammeln sie über siebzig, in Spex veröffentlichte «Schlüsseltexte» von Joy Division über Northern Soul bis zu den Pet Shop Boys.

Die Sammlung beschreibt die Entwicklung einer kleinen und unabhängigen Musikredaktion mit freien Mitarbeitern hin zum etablierten Popmagazin und gibt einen Einblick in die neue Sprache, die Spex für die Popkritik zu erfinden hatte; ein Mix aus szeneaffiner Slangsprache und intellektueller Feuilleton-Schreibe. Der Fokus auf scheinbare Nebensächlichkeiten und der rasche Wechsel von Interview und Fliesstext – um nur zwei Stilelemente herauszugreifen – liest sich in den besten Momenten erfrischend, neu und anregend. In den schlechtesten Momenten aber auch abgehoben, skurill und unverständlich.

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Die Stärken von Spex liegen in der Analyse von Pop als interdisziplinäres, nicht auf Musik beschränktes Phänomen in Verbindung mit gesellschaftlichen und politischen Aspekten. Eine Dimension, der das Buch in Interviews mit Modeschöpfern wie Raymond Pettibon oder Penny Martin Beachtung schenkt. In dieser Hinsicht ebenso zu erwähnen sind ein ausgedehntes Interview mit Filmemacher Claude Lanzmann über dessen radikales Filmepos Shoah und eine soziokulturelle Analyse der Trip-Hop-Band Massive Attack.

Was die Artikelsammlung keineswegs leisten kann, ist ein Überblick über drei Jahrzehnte Popkultur. Vielmehr ermöglicht das Buch exemplarische Einblicke, die immer wieder – gerade aus der historischen Perspektive – überraschend sind. Wenn zum Beispiel auffällt, dass damals zeitaktuelle Referenzen und Verweise heute nicht mehr vorauszusetzen sind, oder über Bands wie Daft Punk berichtet wird, die damals noch vor ihrem grossen Durchbruch standen. Andere Bands wie Cpt. Kirk &. Oder 39 Clocks sind heute wiederum nur noch (oder immer noch nur) Insidern bekannt.

Vieles wird angesprochen und genauso vieles bleibt auf der Strecke. Die Texte werden weder kommentiert, noch in ihren jeweiligen Zeitkontext eingebettet. Was einerseits ein Verlust ist, wirkt andererseits aber auch der eigenen Bequemlichkeit entgegen und fordert die Lesenden auf, diese kritische Arbeit selbst zu übernehmen. Fehlende Illustrationen, Bilder und Plattencover reduzieren die Auseinandersetzung mit dem Phänomen Pop jedoch gleichzeitig zu einer rein textlichen. Das ist ebenso schade, wie die Unterbesetzung weiblicher Protagonistinnen. Wirklich verpasst hat Spex jedoch, dass die Geschichtsschreibung des Pop längst in andere Erdteile abgewandert ist. Die Globalisierung wird in Spex – Das Buch nur am Rande spürbar, der Blick bleibt auf dem deutsch- und englischsprachigen Raum haften. Dadurch entgehen dem Magazin aber eine ganze Reihe neuer, zentraler Fragestellungen. Gut möglich, dass wir mit dieser Blickrichtung schon lange wieder zur Gruppe der «Doofen» gehören.

Spex – Das Buch. 33 1/3 Jahre Pop, hg.von Max Dax und Anne Waak, 480 S., CHF 38.50, Metrolit-Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-8493-0033-3


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