Historische Improvisation 
Flüchtiger Gegenstand

Flüchtiger Gegenstand

Michael Kube, 01.07.2014

Die Improvisation des 18. und 19. Jahrhunderts in Einzelaspekten beleuchtet.

Nach der sowohl theoretischen wie auch praxisnahen Erforschung historischer Aufführungspraktiken (die zwar noch lange nicht als abgeschlossen gelten können, wohl aber in der dritten Generation schon wieder selbst Gegenstand von Forschung geworden sind), wird seit einigen Jahren der Fokus zusehends auf etwas noch Vergänglicheres gerichtet: die Improvisation. Als Gegenkonzept zum Werk und seinem gewichtigen ästhetischen Charakter ist sie doch ohne dieses nicht zu denken – von einer kleinformatigen Ornamentierung des Notierten über eine ergänzende Konzertkadenz bis hin zur grossformatigen Steggreif-Komposition.

Wer Anregungen zum weiteren Nachdenken sucht, wird in diesem Sinne daher gerne auf den vorliegenden Band Beyond Notes. Improvisation in Western Musik of the Eighteenth and Nineteenth Centuries zurückgreifen; um ein Handbuch, wie es vielleicht der Titel suggerieren mag, handelt es sich allerdings nicht. Vielmehr versammelt der Band als gewöhnlicher Tagungsbericht (La Spezia, 2010) insgesamt 20 Beiträge – und damit kaum mehr als ebenso viele einzelne Aspekte, die sich bisweilen an den Rändern ergänzen, die aber schon in der Übersicht schmerzliche Lücken offenbaren. Dem Herausgeber ist dies bewusst, und er sucht es im Vorwort auch nicht zu verbergen. Umso entscheidender ist daher die nahezu durchwegs hohe Qualität der auf Englisch oder Italienisch publizierten Beiträge, auch wenn man sich gelegentlich bei den behandelten Themen weniger Details, dafür aber einen das Ganze berücksichtigen Blick gewünscht hätte, so wie dies etwa einleitend Martin Kaltenecker (The Fantasy-Principle) gelungen ist.

Die einzelnen Aspekte, die von der portugiesischen Musik für fünfsaitige Gitarre, über das Violinspiel von Tartini, Bériot und Paganini, die Tastenkünste eines Hummel und einer Clara Wieck bis hin zum Singen von Passagen bei Rossini und Donizetti reichen, lassen denn auch den Eindruck eines nur schwer zu systematisierenden Gegenstandes entstehen. Die das Inhaltsverzeichnis ordnenden Überschriften geben jedenfalls Orientierung – und decken die entsprechenden Fehlstellen auf: Allein der über alle Jahrhunderte und Stile kaum zu überblickende Bereich der Orgelmusik ist nur durch einen gerade einmal fünfeinhalb Seiten umfassenden Text vertreten (über Louis Vierne). So ist der Band schließlich doch nur an den Spezialisten adressiert, er wird aber hoffentlich in vielen Bibliotheken ein Zuhause finden. Wie immer bei Brepols ist die Ausstattung vorzüglich.

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Beyond Notes. Improvisation in Western Musik of the Eighteenth and Nineteenth Centuries, hg. von Rudolf Rasch, (= Speculum Musicae Bd. 16), 387 S., € 100.00, Brepols, Turnhout 2011, ISBN 978-2-503-54244-7

 


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