Norddeutsche Orgelmusik in historischer Aufführungspraxis 
Wie spielte man das?

Wie spielte man das?

Tobias Willi, 24.06.2015

Ausgehend von historischen Aussagen erläutert Paolo Crivellaro die historische Aufführungspraxis norddeutscher Barockmusik für Orgel.

Das Repertoire der Norddeutschen Orgelschule scheint in den letzten Jahren Gegenstand erhöhten Interesses zu sein. Neben einer Fülle an wissenschaftlichen Notenausgaben – zum Teil sogar in fast parallel erscheinenden Neuausgaben derselben Musik (z.B. für Buxtehude, Tunder oder Weckmann) – sind auch diverse Fachbücher der theoretischen Erschliessung dieser Musik gewidmet. Nach Jon Laukviks Orgelschule zur historischen Aufführungspraxis (Barock und Klassik, Carus 60.002; Romantik, Carus 60.004; Moderne, Carus 60.006) und Klaus Beckmanns enzyklopädischer Darstellung Die Norddeutsche Schule (2 Bände, Schott ED 9869 und 20088) legt Paolo Crivellaro, Professor für Orgel an der Universität der Künste Berlin, nun ein Buch vor, das sich, so der Klappentext, an den praktischen Organisten wendet, der «mit historischem Bewusstsein» spielen möchte.

Die rund 200-seitige Darstellung – mit gegen 1000 (!) Fussnoten – streift übersichtlich angeordnet alle wesentlichen Aspekte der Aufführungspraxis norddeutscher Barockmusik, so z. B. ihre stilistische Einordnung, die Quellenlage, die wichtigsten Gattungen, instrumentale Gegebenheiten und wichtige Orgelbauer, aber auch Fragen zu Tempo, Ornamentik, Registrierpraxis etc. Crivellaro stützt sich dabei in erster Linie auf historische Zitate, die er kommentiert; mit zahlreichen Verweisen auf ihre (zum Teil durchaus widersprüchliche) Deutung in der neueren Sekundärliteratur vermittelt der Autor zudem eine wertvolle Zusammenfassung des aktuellen Forschungsstands und gibt zahlreiche Anregungen zu vertiefender Lektüre in Gebieten, wo sein Buch zwangsläufig nur knappe Hinweise geben kann. Die «objektive», auf Wertungen grösstenteils verzichtende Haltung Crivellaros regt hier zu aktivem Mitdenken an und lässt dem Leser Raum, sich eine eigene Meinung zu bilden. Biografische Notizen zu den 15 wichtigsten Komponisten der Norddeutschen Schule mit Werkübersicht und – besonders hilfreich – Angaben zu den Instrumenten an ihren Wirkungsorten runden die Darstellung ab.

Ganz konkrete Interpretationshinweise wie bei Laukvik oder analytische Angaben zu wichtigen Werken, wie sie Beckmann liefert, sind im vorliegenden Buch nur wenige zu finden; gelegentlich wäre man auch dankbar gewesen für illustrierende Notenbeispiele zu einzelnen Problemstellungen, wenn man bei der Lektüre nicht gerade die entsprechenden Notenausgaben in Griffnähe hat, um die praktische Umsetzung überprüfen zu können. Auch hier gibt die Bibliografie aber wertvolle Hinweise zum Publikationsstand bis 2010. Paolo Crivellaros Buch bietet also eine Vielzahl von Informationen für eine stilistisch adäquate Auseinandersetzung mit diesem Repertoire, verpflichtet den an dieser Musik interessierten Leser aber auch zu viel Eigeninitiative in seiner noch weiterführenden Beschäftigung mit norddeutscher Barockmusik. Die Türen dazu stehen dank diesem ausgezeichneten Buch weit offen!
 

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Paolo Crivellaro, Die Norddeutsche Orgelschule. Aufführungspraxis nach historischen Zitaten – Repertoire – Instrumente, 208 S., € 68.00, Carus-Verlag, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-89948-212-6


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