Anschauliches Lehrbuch zur Satztechnik der Renaissance 
Kontrapunkt-Rezepte

Kontrapunkt-Rezepte

Christoph Riedo , 22.03.2016

Ein klar aufbauendes Lehrbuch, das sich auf Quellen stützt und Lust auf eigene Versuche macht.

Die Monografie Kontrapunkt I: Die Musik der Renaissance von Johannes Menke bildet den zweiten Band der vom Laaber-Verlag veranlassten Reihe Grundlagen der Musik. Menke ist Professor für historische Satzlehre an der Schola Cantorum in Basel und seine Publikation ist u. a. aus der Arbeit mit seinen Studenten hervorgegangen. Das Buch soll keine Abhandlung zur Geschichte der Satzlehre, sondern vielmehr ein Lehrbuch sein, das informieren, anregen und orientieren möchte. Der Autor erreicht sein Ziel mit einer begeisternden Art, einem äusserst systematischen und durchdachten Aufbau sowie nicht zuletzt einer einfachen und verständlichen Ausdrucksweise. Dabei verfolgt er konsequent einen historischen Ansatz, fügt gekonnt (selber übersetzte) Quellentexte ein und scheut sich beispielsweise im Einleitungsteil «Allgemeine Grundlagen» auch nicht, grafische oder tabellarische Darstellungen aus Traktaten einzufügen. So wird dem Leser die Welt der Renaissance eindrücklich vor Augen geführt und gleichzeitig werden Sachverhalte wie die Solmisation, Musica ficta oder Modalität auf verständliche Weise erklärt. Besonders die Modalität mit ihren im 16. Jahrhundert drei parallel koexistierenden Systemen (die klassischen acht Modi, die zwölf Modi Glareans sowie die acht Psalmtöne) wurde bisweilen auch schon auf verwirrende und konfuse Art erörtert.

Für Menke sind Traktate weniger Gesetz- als vielmehr Rezeptbücher, die Möglichkeiten aufzeigen und in denen sich die verschiedenen Autoren über ihre persönlichen Vorlieben äussern. Bei einer solch unverkrampften Einstellung, die nicht unverzüglich die Energie auf zu vermeidende Fehler lenkt, fällt es dem Leser leicht, bald mit den ersten eigenen Kompositionsübungen zu beginnen oder zumindest einige der vielen abgebildeten Notenbeispiele selber zu spielen. Menke beginnt rasch mit relativ einfachen vollstimmigen Beispielen (etwa mit Kadenzbildungen, sogenannten clausulae), damit gar nicht erst eine Hürde vor der Vollstimmigkeit aufgebaut wird. Obwohl Kontrapunkt I: Die Musik der Renaissance als Lehrbuch und nicht als eigentliches Arbeitsbuch angelegt ist, enthält es zahlreiche Anregungen und Orientierungshilfen, um selber kompositorisch aktiv zu werden. Insofern bietet Menkes Buch sowohl Studenten, Berufsmusikern und Musikliebhabern eine gewinnbringende Lektüre und kann auch Lehrpersonen mit wertvollem Anschauungsmaterial oder als Nachschlagewerk dienen. Einen kleinen Wermutstropfen stellen lediglich einige fehlerhafte doppelte Leerzeichen oder die wenigen sprachlichen Fehler dar, die bei einer zusätzlichen Textkorrektur ohne Weiteres gefunden worden wären.

Ganz seinem Konzept folgend, überlässt Menke auch das letzte Wort den Quellen und zitiert im Nachwort Gallus Dresslers Empfehlungen an Lernende und Lehrende aus dessen Praecepta musicae poëticae (1563).

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Johannes Menke, Kontrapunkt I: Die Musik der Renaissance, Grundlagen der Musik 2, 324 S., € 29.80, Laaber-Verlag, Laaber 2015, ISBN 978–3–89007–825–0


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