Studie von Volker Timmermann 
Berufsbedingungen von Geigerinnen um 1800

Berufsbedingungen von Geigerinnen um 1800

Irène Minder-Jeanneret, 29.03.2018

«… wie ein Mann mit dem Kochlöffel» – dieser Titel weist bereits auf die Vorurteile hin, mit denen eine Geigerin um 1800 zu kämpfen hatte. Volker Timmermann hat historisches Material untersucht und zeigt Nachwirkungen der Benachteiligungen bis in die Gegenwart auf.

Geigerinnen sind im öffentlichen Konzertleben keine Seltenheit, im Gegensatz etwa zu Dirigentinnen und Komponistinnen. Sie wirken als Solistinnen, und in Kammermusikensembles und Orchestern sind sie zahlreicher, wenn das Vorspiel für die Besetzung der Stellen hinter dem Vorhang stattfindet. Braucht es etwa doch eine geschlechterdifferenzierte Historiografie für Geigerinnen?

Der Titel des vorliegenden Buches, … wie ein Mann mit dem Kochlöffel, lässt es erahnen: Um 1800 hatte eine Geigerin nicht dieselben Möglichkeiten wie ein Geiger. Unzählige Einschränkungen unter dem Vorwand der Sittlichkeit – grosse körperliche Bewegungen etwa waren verpönt – haben die Frauen vom Geigenspiel ausgeschlossen. Der Autor Volker Timmermann schlüsselt die zahlreichen gesellschaftlichen Normen der bürgerlichen Gesellschaft auf, welche Instrumentenwahl, Ausbildung und Berufsausübung bestimmten. Diese Normen führten zu einer Kluft zwischen Frauen und Männern, die sich im Falle der Geigerinnen namentlich in den fehlenden Austauschmöglichkeiten mit Komponisten äusserte, denn auch eine angesehene Virtuosin galt für einen Komponisten nicht als gleichwertige Partnerin. Ein weiterer einschränkender Faktor war die aufkommende öffentliche Konzertkritik in der Presse, welche im 19. Jahrhundert darüber befand, ob die Geigerinnen die ihr von der Gesellschaft zugeschriebene Rolle spielten. Die Vorbehalte haben sich in Form von massiven Lücken in der Geschichtsschreibung niedergeschlagen. Anhand von reichem Quellenmaterial aus verschiedenen Ländern zeigt der Autor auf, wie gross die Ellbogenfreiheit – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne – der Geigerinnen je nach Gegend in Europa war und wie insbesondere die Italienerinnen noch hundert Jahre nach dem Tod Antonio Vivaldis vom Ruhm seiner Venezianer Geigenschule und der Selbstverständlichkeit von Geigenvirtuosinnen profitierten. Besonders hervorzuheben sind zudem Timmermanns Analysen von bildlichen Darstellungen von Violinistinnen und ihren Instrumenten, welche die Diskrepanz zwischen den gesellschaftlichen Erwartungen an sittliche Bewegungen einerseits und den technischen Anforderungen des Violinspiels anderseits aufzeigen. Die Lebensläufe von vier bisher kaum dokumentierten Musikerinnen versvollständigen die Darstellung der Berufsbedingungen von Geigerinnen um 1800 ab.

Die subtilen Machtmechanismen, die seit 200 Jahren die beruflichen Möglichkeiten der Geigerinnen bestimmen, klingen auch im heutigen Musikleben nach. Denn: Wie oft ist heute im Konzertsaal eine sechzigjährige Geigerin als Solistin zu hören? Eben. Nicht allein das Ohr des Publikums bestimmt über den Fortbestand einer Musikerinnenkarriere. Die vorliegende Studie erklärt wieso. Sie richtet sich sowohl an Wissenschaftlerinnen (Interpretationsforschung, historische Musikwissenschaft, Gender Studies) als auch an Musikliebhaber, die ihre Hör- und Sehgewohnheiten im Konzertsaal hinterfragen möchten.

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Volker Timmermann: «… wie ein Mann mit dem Kochlöffel». Geigerinnen um 1800. Schriftenreihe des Sophie-Drinker-Instituts, hg. von Freia Hoffmann, 298 S., ca. Fr. 35.00, BIS-Verlag der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg, 2017, ISBN 978-3-8142-2360-5


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