Ted Gioia: «Jazz hören, Jazz verstehen» 
Macht Appetit auf more Jazz

Macht Appetit auf more Jazz

Martin Lehmann , 23.01.2019

Knapp, aber äusserst kompetent und humorvoll schildert Ted Gioia die Geschichte des Jazz, geht auf die wichtigsten Interpreten ein und erklärt, worauf es beim Jazzhören ankommt.

Bücher über die Geschichte des Jazz sind gewöhnlich dreimal so dick wie diese 200 Seiten starke Tour d’Horizon. Der erfahrene Jazzjournalist und -pianist Ted Gioia beschreibt darin nicht nur der Reihe nach Stile und Interpreten, sondern breitet auch einen Katalog von Kriterien aus, die für ihn massgebend sind bei der Beurteilung von Jazzdarbietungen. Fats Waller, nach einer Definition von Jazz befragt, antwortete: «Wenn Sie diese Frage stellen müssen, lassen Sie lieber die Finger davon!» Und Duke Ellington meinte: «Listening is the most important thing in music.» Ted Gioia gesteht, dass er sich als Dreissigjähriger für sein erstes Buch über die Geschichte des Jazz von den Newsletters des einflussreichen Weinkenners Robert Parker in Napa Valley inspirieren liess: Die Fähigkeit, Geschmacksnuancen edler Tropfen in blumigen Metaphern zu beschreiben, und dies in atemberaubender Vielfalt, zeigte dem Jazzautor, wie man an die schwierige Aufgabe, Musik in Worte zu fassen, herangehen kann.

In seinem neuesten Werk, Jazz hören, Jazz verstehen, lässt sich Ted Gioia über die Schulter blicken: Seine Art des kritischen Hörens und Urteilens basiert nicht nur auf persönlichem Geschmack, sondern folgt klaren Kriterien, die in der Musik selbst liegen. Parameter wie Rhythmus, Puls, Phrasing, Tonhöhe und Klangfarbe, Dynamik, Persönlichkeit und Spontaneität beschreibt er in knappen Kapiteln, die sich dank dem Reichtum der Metaphern und dem angelsächsischen Humor leicht lesen lassen. Treffend ist beispielsweise der Tipp, dass man sich unter dem Stichwort «Student Jazz Band» Darbietungen anhören soll, die noch unvollkommen sind. So schärft man sein Gehör und lernt die Grossen des Metiers erst richtig schätzen. Im Kapitel über die Struktur des Jazz gibt der Autor Einblick in seine Arbeit mit Musikstudenten und zeigt lehrreiche Beispiele, wie komplexere Jazzstücke in ihre Formteile aufgeteilt und diese durch die Instrumentation charakterisiert werden können. Es kommt uns heute entgegen, dass praktisch alle in diesem Buch erwähnten Musiktitel bzw. Interpreten im World Wide Web abgerufen werden können. Ted Gioia gibt in jedem Kapitel eine Reihe von Hörempfehlungen. Über den Ursprung des Jazz und die Entwicklung seiner Stile gelangt er zur Beschreibung der wesentlichen Neuerer, von Louis Armstrong bis Ornette Coleman. Es folgt das Kapitel «Jazz hören heute» und ein Anhang mit «Jazzmeistern am Anfang und in der Mitte ihrer Karrieren». Das Stichwortverzeichnis am Ende des Buches hilft bei der Orientierung in dieser Vielfalt.

Die ersten Jazzplatten erschienen vor hundert Jahren in New Orleans. Aufnahmen (oft live oder ungeschnitten) sind wertvolle Zeitdokumente und trugen zur Verbreitung dieser Musik über alle Kontinente bei. Das Wesentliche einer Jazzdarbietung liegt jedoch in der Spontaneität des Live-Erlebnisses. Jeder Event ist ein Unikat! Ted Gioia hat sich seine Haltung dazu bis heute bewahrt: «Heute Nacht kann fast alles passieren – fast alles! (...) Die Musiker wissen selbst kaum, was sie gleich spielen werden; die Verankerung des Jazz in der Improvisation sorgt auf der Bühne für seltsame und wundervolle Verläufe, vielleicht schon beim nächsten Song.»

Dieses knappe, aber inhaltlich äusserst reiche Buch hilft sowohl dem Einsteiger als auch dem Kenner bei der Vertiefung seiner Kenntnisse und – es macht Appetit auf more Jazz!
 

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Ted Gioia: Jazz hören, Jazz verstehen, aus dem Englischen von Sven Hiemke, 207 S., € 24.95, Henschel/Bärenreiter, Leipzig/Kassel 2017, ISBN 978-3-7618-2426-9

 


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