«Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en»  
Gestern kontrovers, heute harmlos

Gestern kontrovers, heute harmlos

Michael Gasser, 01.05.2019

Der deutsche Musikjournalist Michael Behrendt erzählt in seinem neuen Buch von 70 Skandalsongs aus den letzten 100 Jahren.

Vor zwei Jahren widmete sich Michael Behrendt in seinem Buch I Don’t Like Mondays. Die 66 grössten Songmissverständnisse inkorrekt interpretierten Liedinhalten. Was der deutsche Musikjournalist vor allem dazu nutzte, die Lieder und deren Entstehungsgeschichte zu beschreiben. Demselben Muster folgt auch sein neues Werk Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en. Auf 296 Seiten breitet Behrendt insgesamt 70 Lieder aus, die bei ihrer Veröffentlichung für Aufsehen und Aufruhr sorgten. Die laut Autor «bewusst unvollständige und subjektive» Auswahl beginnt mit Claire Waldoffs Herrmann heesst er aus dem Jahre 1914. Als die Öffentlichkeit im frivol-frechen Stück plötzlich einen Seitenhieb auf Herrmann Göring zu erkennen glaubte, führte dies für die Berliner Künstlerin zum Karriereende. Inhaltlich direkter und brisanter zeigte sich Billie Holidays Strange Fruit (1939), in welchem die US-amerikanische Jazzsängerin von den seltsamen Früchten erzählt, die an Bäumen der Südstaaten hängen. Eine unverblümte Anspielung auf mehr als 4700 aktenkundige Lynchmorde an Schwarzen zwischen 1882 und 1968. Beim Versuch, das Stück bei einem Konzert in Mobile, Alabama, anzustimmen, wurde Holiday aus der Stadt gejagt.

In seiner Publikation streift Behrendt vornehmlich altbekannte und heute harmlos wirkende Geschichten, die er wenig tiefschürfend zum Besten gibt: Da ist Dylan, der Widerstand erfährt, als er von der akustischen Gitarre zur elektrischen wechselt, und da sind auch The Who, die 1965 auf ihrer Single My Generation verkünden, es sei besser, jung zu sterben. Nicht zuletzt widmet sich das Buch auch dem Gangsta-Rap, der bisweilen nicht bloss zu gewaltverherrlichenden, sondern auch zu antisemitischen oder homophoben Tendenzen neigt, was der Autor in aller Schärfe verurteilt. Behrendts Haupterkenntnis, dass sich die Grenzen des Akzeptablen immer weiter verschieben, trifft zweifelsohne zu, ist jedoch alles andere als neu. Fazit: Die Lektüre von Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en erweist sich als kurzweilig, ein Must ist sie nicht.

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Michael Behrendt: «Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en», 296 S. € 20.00 wgb Theiss, Darmstadt 2019, ISBN 978-3-8062-3922-5


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