Die Schubert-Transkriptionen Franz Liszts 
Neues Verständnis für Konzertbearbeitungen

Neues Verständnis für Konzertbearbeitungen

Walter Labhart , 26.11.2019

Andrea Wiesli hat in ihrer Dissertation die Schubert-Transkriptionen Franz Liszts einer umsichtigen Analyse unterzogen.

Mit ihrer Dissertation über die Schubert-Transkriptionen von Franz Liszt schuf die Schweizer Pianistin und Musikwissenschaftlerin Andrea Wiesli ein längst fälliges Plädoyer für virtuose Liedbearbeitungen. In elf Kapiteln von «Liszts Wege zu Schubert» über «Die Liedtranskription als neue Gattung» und «Schuberts Liederzyklen neu komponiert» bis zu «‹Mehr geträumt als betont› – Ästhetik und Dramaturgie des Schubert-Bildes bei Liszt» geht die Autorin hauptsächlich auf die pianistische Verwandlung von Schuberts Liedern in wegweisende Transkriptionen ein, um auch die Problematik von hinzukomponierten Ergänzungen einzubeziehen.

Im Zentrum der zahlreichen Werkbetrachtungen stehen als «Höhepunkte der frühen Schubert-Rezeption» die 1838 mit Abweichungen in Wien und Paris veröffentlichten 12 Lieder von Franz Schubert. Sie enthalten nebst den Melodien Auf dem Wasser zu singen und Rastlose Liebe auch so populäre wie etwa den Erlkönig oder Gretchen am Spinnrad. Wie prägend Form, Harmonik und Ästhetik des Wiener Vorbildes auf den Mitbegründer der Neudeutschen Schule einwirkten, erläutert sie in detailreichen, sprachlich brillanten Analysen dieser vielfach aufgelegten Transkriptionen. Auch der Exkurs zu den fast zeitgleich entstandenen Liedbearbeitungen von Stephen Heller oder die Darstellung der von Liszt orchestrierten Wandererfantasie als Klavierkonzert bereiten über die wissenschaftlichen Erkenntnisse hinaus grosses Lesevergnügen.

Mit vergleichenden Notenzitaten geht Andrea Wiesli auch auf Liszt als eigenwilligen Herausgeber von Schuberts Klaviermusik, auf die orchestrierten Lieder und den ungarischen Ton bei beiden Komponisten ein. Sie weist mit ihrer fundamentalen Veröffentlichung erstmals umfassend nach, dass sich Liszts vielseitige Auseinandersetzung mit Schubert wie ein roter Faden durch sein Leben und Schaffen zieht. Wie die Autorin schreibt, gelang Liszt «ein Mittelweg zwischen Texttreue und Verselbständigung, der die Bearbeitung dem Original als ebenbürtiges Kunstwerk zur Seite stellte».

Sorgfältig recherchierte Daten der lisztschen Schubert-Rezeption während den Wiener Konzertreisen von 1838 bis 1846, ein Musikalienverzeichnis mit Druckplattennummern und eine umfangreiche Bibliografie runden die mit vielen Notenbeispielen grafisch subtil gestaltete Publikation ab.
 

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Andrea Wiesli: «Es zog in Freud und Leide zu ihm mich immer fort». Die Schubert-Transkriptionen Franz Liszts, 328 S., zahlr. Notenbsp., € 60.00, Franz-Steiner-Verlag, Stuttgart 2019, ISBN 978-3-515-12137-8


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