Bernd und Daniela Willimek: Studien zur Strebetendenz-Theorie 
Einmal mehr: Musik und Emotionen

Einmal mehr: Musik und Emotionen

Wolfgang Böhler, 24.03.2020

Bernd und Daniela Willimek liefern mit der Strebetendenz-Theorie einen weiteren Versuch, die emotionale Wirkung von Musik zu erklären.

Wie Musik und Emotion zusammenhängen, verstehen wir heute noch kaum. Die Scientific Community ist sich schon nicht einig, was Emotionen überhaupt sind und wie man ihre verschiedenen Ausprägungen klassifizieren soll. Damit bleiben einzelne Studien zur emotionalen Wirkung von Musik Stückwerk. Das vorläufige Tasten im Nebel öffnet Raum für originelle und überraschende Vorschläge, wie die Expressivität in der Musik zu erklären sei.

Einen Versuch unternehmen Bernd und Daniela Willimek mit einer «Strebetendenz-Theorie», die unter anderem auf Ideen der Musikpsychologen Ernst Kurth und Deryck Cooke aufbaut. «Durch Musik vermittelte und hervorgerufene Emotionen» sollen sich dabei durch «Identifikationen mit abstrakten Willensinhalten» erklären lassen. Mit Berufung auf Schopenhauer und Nietzsche entwirft das Autorenpaar eine intuitiv schwer nachvollziehbare und eher unsystematisch mit Metaphorik durchzogene Theorie (eine Durtonika repräsentiert etwa einen «aufrechtstehenden Menschen»). Kein Wort verlieren die beiden hingegen über historisch einflussreiche gestalttheoretische Ansätze, welche die Richtungsenergien von Tönen viel einleuchtender und natürlicher erklären dürften als ihr eigener Ansatz. Die zahlreichen musikalischen Einzelanalysen, die sich in ihrem Buch Musik und Emotionen – Studien zur Strebetendenz-Theorie finden, sind originell und anregend, allerdings ohne ihre Theorie wirklich zu verdeutlichen oder zu stützen. Dasselbe gilt für die Versuchsreihen, welche das Paar an Gymnasien und deutschen Schulen im Ausland durchgeführt hat. Offensichtlich wurde dabei mit einer recht homogenen Gruppe musikalisch gleich sozialisierter Versuchspersonen gearbeitet und schon damit der universale Anspruch der Theorie in keiner Art und Weise gerechtfertigt.

Man kann nicht ausschliessen, dass die Strebetendenz-Theorie interessante Beiträge zur Erklärung der Expressivität von Musik liefern könnte. Dazu müsste sie aber deutlich klarer und systematischer gestaltet werden – angedockt an bereits bestehende theoretische Konzeptionen und Ergebnisse der Musikpsychologie, mit methodisch soliden Schnittstellen zur experimentellen Überprüfung.

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Bernd und Daniela Willimek: Musik und Emotionen. Studien zur Strebetendenz-Theorie, 125 S., € 20.00, Deutscher Wissenschafts-Verlag, Baden-Baden 2019,
ISBN 978-3-86888-145-5


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