Adrian Müllers Dissertation über Kurt Overhoff  
Eine brisante Geschichte

Eine brisante Geschichte

Verena Naegele, 01.09.2021

In seiner Dissertation «Kurt Overhoff – Im Banne Bayreuths» weist Adrian Müller nach, dass die Klavierkonzerte von Kurt Leimer in Wahrheit von Overhoff komponiert wurden.

Kurt Overhoff war der Lehrer von Wieland Wagner, dem Begründer des «Neubayreuther» Aufbruchs 1951, das ist bekannt. Was sich darüber hinaus hinter diesem Namen verbirgt, das macht Adrian Müller in seiner Dissertation deutlich. In akribischer Arbeit hat er dem Leben und Wirken Overhoffs nachgespürt und das tragische Schicksal eines hochbegabten Musikers zu Tage gefördert. Er argumentiert dabei sehr zurückhaltend, was wohl der Tatsache geschuldet ist, dass es sich um eine wissenschaftliche Arbeit handelt. Schon der Titel ist zweideutig, stehen doch weder Winifred Wagner, die Overhoff nach Bayreuth holte, noch Wieland Wagner, der seinen Mentor nach 1951 gnadenlos «in die Wüste» schickte, in gutem Licht da. «Im Banne Bayreuths» wirkt da etwas gar harmlos.

Geboren wurde Kurt Overhoff 1902 in Wien. Schon bald entpuppte sich der junge Mann als hochbegabter Musiker und Komponist, dessen in der Tradition von Richard Strauss anzusiedelnde Oper Mira 1925 in Essen einen beachtlichen Erfolg erzielte. 1931 wurde er als Musikdirektor nach Heidelberg berufen, wo er eigene Werke uraufführte und mit Gesprächskonzerten neue Wege beschritt. Zu seinem Schicksalsjahr sollte 1939 werden, als er nach einem Zusammenbruch in die psychiatrische Klinik Kennenburg eingewiesen und mit einem Cocktail an Medikamenten ruhiggestellt wurde. Die Hintergründe der Internierung sind nicht genau zu eruieren, hängen aber wohl damit zusammen, dass Overhoff im Jargon der Nazis als «jüdisch versippt» galt.

Es war Winifred Wagner, die ihn ein Jahr später nach Bayreuth holte, allerdings nach einer Intrige, die Overhoffs Rückkehr nach Heidelberg verhindert hatte. Er sollte fortan dem Erben von Bayreuth dienen, was er getreulich bis 1951 tat. Viele von Wielands revolutionären Inszenierungsideen hatten ihren Ursprung gemäss Müllers Recherchen in Overhoffs Analysemethoden, die Wieland am Landestheater Altenburg ab 1943 unter der Führung seines Lehrers hatte ausprobieren können. Nach der Verbannung vom «Grünen Hügel» 1951 fand der mittlerweile verheiratete Overhoff wegen seiner psychiatrischen Vergangenheit und (wohl gezielt dazu gestreuten) Gerüchten keine Anstellung mehr.

Irgendwie musste der Gestrandete aber Geld verdienen, um seine Familie zu ernähren, und so verdingte er sich als komponierender Ghostwriter beim berühmten Pianisten Kurt Leimer. Vier Klavierkonzerte gibt es von Leimer, alle vier wurden mit Enthusiasmus aufgenommen und von der Schallplattenfirma EMI eingespielt. Uraufgeführt wurden sie von Herbert von Karajan und Leopold Stokowski in Berlin und New York – Tourneen schlossen sich an.

Leimer hatte jeweils den Klavierpart als Vorgabe beigesteuert, doch von der Gesamtkomposition hatte er keine Ahnung, weshalb er bei Nachfragen schnell in Verlegenheit geriet. Und so nahm er den als Diener getarnten wahren Komponisten Overhoff gar mit auf Tournee, damit dieser ihn unverfänglich im Hintergrund bei allfälligen satztechnischen Fragen der Dirigenten «briefen» konnte.

Es ist ein skandalöser Fall von Betrug, den Müller da aufdeckt und der ein unvorstellbar tragisches Schicksal offenlegt. Leimers Nachlass liegt übrigens in der Zentralbibliothek Zürich, und auf der Website der Leimer-Stiftung wird Overhoff mit keinem Wort erwähnt.
 

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Adrian Müller: Kurt Overhoff – Im Banne Bayreuths, (Wagner in der Diskussion, Bd. 21), 512 S., € 48.00, Königshausen und Neumann, Würzburg 2020, ISBN 978-3-8260-7095-2

  • Kurt Leimer Stiftung am 13.09.21 - 19:54

    Problematische Darstellung

    Es ist problematisch, dass die Darstellung der Zusammenarbeit "Overhoff/Leimer» nur in der Version Overhoffs vorliegt und Müllers Schlussfolgerung auf wenig Substanz und gesuchten Annahmen basiert. Unsere Beurteilung wird durch ein Zitat Overhoffs erhärtet: «…die thematisch substanzlosen Klavierpassagen, die der Pianist unverändert beibehalten wollte, und die er auch keinesfalls durch das Orchester überdecken lassen wollte...sicherten somit beim Anhören immer in penetranter Aufdringlichkeit der Tonalität den Vorrang vor allem…immer drängte sich vom Klavier her der tonale Firlefanz dieser elenden Passagen dominierend ins Ohr…“. Beim Anhören der Klavierkonzerte stellt man fest, dass deren Genialität und Eigenständigkeit auf die das Orchester überdeckenden Klavierpassagen Kurt Leimers zurückzuführen ist. Das Klavier drängt sich mit penetranter Aufdringlichkeit dominierend ins Ohr. Es sei dem Hörer überlassen, der Orchestrierung der Klavierkonzerte die angemessene Bedeutung beizumessen.


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